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Letzte Spur: Aus Briefen von ihrem Lehrer und Klassenkameraden erfuhr Helga Bredow, dass Anna Puchinger kurz nach ihrem eigenen Umzug weggezogen war. Ihr Poesiealbum sah die Holzkirchnerin nie wieder.

Auf der Suche nach der verlorenen Kindheit

Poesiealbum verschollen: Helga Bredow bittet um Mithilfe

Holzkirchen - Vor 60 Jahren hat Helga Bredow ihr Poesiealbum verloren. Die Letzte, die sich eintragen sollte, war ihre Klassenkameradin Anna Puchinger. Jetzt will sie es zurück.

Vergangenheit: Helga Bredow als Schulmädchen.

Es ist das Jahr 1956, die zehnjährige Helga Link geht in Loibling im Bayerischen Wald zur Schule. Nach und nach schreiben Freundinnen Sprüchlein in ihr Poesiealbum. Auch Schulkameradin Anna Puchinger nimmt das Büchlein mit nach Hause, um sich dort zu verewigen, vergisst aber immer wieder, es mitzubringen. Und dann geht alles ganz schnell. Helgas Familie muss plötzlich nach Nürnberg umziehen, wo der Vater eine neue Stelle als Schreiner antritt. In dem ganzen Wirrwarr bleibt das Poesiealbum im Bayerischen Wald. Bei Anna Puchinger.

Helga Link, die heute Helga Bredow heißt, hat das Mädchen, das sie bis heute beschäftigt, eigentlich nie richtig kennengelernt. „Ich weiß nicht mal mehr, wie sie aussah“, sagt die 70-Jährige. Nur den Namen hat sie sich eingeprägt. Sie war es, die ihre Kindheitserinnerungen mitnahm. Und jetzt ist die heutige Holzkirchnerin, auf der Suche nach ihrem verschollenen Poesiealbum. Vielleicht, so hofft sie, meldet sich jemand auf diesen Zeitungsartikel.

Gerührt und ermutigt wurde Bredow übrigens durch einen anderen Bericht in unserer Zeitung, der Ende August erschien. Hierbei war das Poesiealbum von Erika Mayer aus Tegernsee, mit Einträgen aus den Jahren 1956/57 auf einem Flohmarkt in Hannover aufgetaucht. Auch Altbürgermeister Peter Janssen hatte sich in dem Büchlein verewigt. Am Ende nahm es eine ehemalige Schulkameradin der inzwischen verstorbenen Erika Mayer entgegen.

Ihr eigenes Poesiealbum sei klein gewesen, etwas breiter als eine Postkarte, erinnert sich Bredow. Ihr Vater, bei dem sie lange um einen Eintrag betteln musste, hatte es damals mit einem schwarzen Scherenschnitt samt dem Urspruch der Benediktinermönche „ora et labora“, also „bete und arbeite“ verziert. „Dabei war er gar nicht so christlich“, erzählt die 70-Jährige und lacht. Auch Schwester Irmgard, die Bredow als Kind im Erholungsheim „Waldhausen“ in Oberammergau kennenlernte, hatte etwas hineingeschrieben. Zusätzlich klebte Bredow eine Postkarte dazu, die die Einrichtung zeigt. Im Erwachsenenalter fuhrt die Holzkirchnerin dorthin. „Der große grüne Kachelofen war noch da“, sagt sie. Der Wald rundherum weg.

Auch viele bunte Glanz- und Blumenbilchen pappte die kleine Helga fleißig in ihr Album. „Ein Bild kostete fünf Pfennig“, berichtet sie. „Die haben mich fasziniert.“ Schließlich hat man damals nicht viel gehabt. Aus dem Quellekatalog schnitten die Kinder Kleider und Models aus, um sie wie Anziehpüppchen zusammenzusetzen. Das war’s auch schon mit dem Spielzeug.

All diese Kindheitserinnerungen sind in dem Poesiealbum vereint. „Es wäre mir sehr viel wert, es wieder zu bekommen“, betont Bredow. Nachforschungen hat sie in den vergangenen Jahren viele betrieben. Leider erfolglos. Aus Briefen von ihrem ehemaligen Lehrer und einer Klassenkameradin erfuhr sie, dass Anna Puchinger kurz nach ihrem eigenen Umzug ebenfalls weggezogen sei. Noch vor den Sommerferien, und zwar nach Michelsdorf im Bayerischen Wald. Dort versuchte sie es über das Einwohnermeldeamt, fand im Telefonbuch sogar den Namen Puchinger. „Doch als ich da anrief, hieß es, dass er keine Anna Puchinger kennt.“

Um ihre Sehnsucht zu stillen, kauft Bredow auf Flohmärkten oft fremde Poesiealben. Aber es ist nicht das Gleiche. "Je älter ich werde, desto lieber hätte ich meins." 

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