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Ein aufgeschlossener Stammtisch: Wenn (ab 3.v.l.) Fritz Fendt, Manfred Wohlschläger (verdeckt), Anton Münch, Ulrich Wohlschläger, Thomas Pieth, Fritz Grad und Konrad Pantalitschka freitags in die Alte Post kommen, sind auch mal Gäste wie die Almbauern (v.l.) Sepp Kohlhauf aus Lenggries und Kaspar Eberwein aus Gaißach an ihrem Stammtisch willkommen.

Besuch am Stammtisch in der Alten Post  

Die Freitagsgänger

Holzkirchen - Es ist ein sozialer Treffpunkt ganz ohne Verpflichtung. Und doch sitzen meist mehrere an diesem langen Tisch ohne Decke in der Alten Post in Holzkirchen, bei einer Halben oder einem Weißbier. Sie reden über Gott und die Welt. Ein Besuch beim Freitags-Stammtisch.

Ulrich Wohlschläger kann richtig wütend werden. „Wir sind nicht lauter Deppen.“ Und doch würden diejenigen, die an einem Stammtisch sitzen, oft so dargestellt, sagt der 62-Jährige bestimmt. Immer negativ, als Besoffene und Asoziale, die irgendwelche Parolen von sich geben.

Das sind die Freitagsgänger in der Alten Post in Holzkirchen nicht. Da sitzt der Reitanlagenbesitzer aus Thann (Wohlschläger) neben dem ehemaligen Versicherungsmakler (Thomas Pieth), der wiederum neben dem ehemaligen Holzkirchner Landwirt (Fritz Grad) Platz genommen hat, ihnen gegenüber der pensionierte Polizeichef von Miesbach (Fritz Fendt), einer aus dem Baugewerbe (Manfred Wohlschläger) und ein pensionierter Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn (Anton Münch). Ein Querschnitt durch die Bevölkerung also, wie Wohlschläger betont. 

Getrunken wird hier zwar noch: Helles oder Weißbier. Aber nicht mehr im Überfluss und meist in der alkoholreduzierten oder gar alkoholfreien Variante. „Wenn wir noch Karten spielen, steht vor jedem von uns ein Wasser“, sagt Wohlschläger. 

Das war früher anders. Seit fast 50 Jahren kommt Fritz Grad – Hemd und wärmende Wolljacke – zum Stammtisch. Neben Konrad Pantelitschka eine von zwei Holzkirchner Hausgeburten an diesem blank gescheuertem Tisch. Heute ist er 77 Jahre alt und hat seine Krücke, auf die er nach einer Hüftoperation angewiesen ist, an der Garderobe abgegeben. „Ich bin ein Gesellschaftsmensch“, sagt er. Weshalb er unter anderem das Holzkirchner Frühlingsfest einst aus der Taufe gehoben hatte. 

Vor sich hat der freundliche Herr mit gepflegtem Vollbart eine Halbe stehen. Doch das ist nicht der Grund, warum es ihn immer wieder freitags in die Alte Post zieht. „Allein wegen des Biertrinkens gehe ich nicht fort. Das kann ich auch zuhause“, sagt er.

Nein, es ist die Atmosphäre, sich locker und leicht, manchmal aber auch sehr intensiv zu unterhalten – über alles, was es zu erzählen gibt. Wer gestorben ist, wo was gebaut wird, über politische Dinge und natürlich auch über Frauen. „Man erfährt etwas über Holzkirchen“, sagt Thomas Pieth. Der 68-Jährige mit Hemd, Pullover und Brille ist seit 1974 dabei, seit acht Jahren – seit er in Rente ist – kommt er nur noch freitags. Zu viel zu tun. Die meisten an diesem Tisch kennt er schon seit Jahrzehnten, aber Spezln sind es nicht, die Freitagsgänger eben. Und doch ist dem Hartpenninger der Austausch bei zwei alkoholfreien Weißbieren wichtig. Mehr gibt es nicht. Er muss ja noch nach Hause kommen. 

Auch wenn sie an einem traditionsreichen Tisch sitzen, „an einem urbayerischen Stammtisch“, wie Manfred Wohlschläger (74) betont, aufgeschlossen sind sie trotzdem. Grad erinnert sich da an einen Stammgast, der es einmal wagte, eine Frau mitzubringen. „Eine Adelige, eine feine Frau.“ Lustig war es mit ihr – und trinkfest war sie. „Sie hat mehr getrunken als wir.“ Aber es blieb bei diesem einmaligen Vergnügen. „Uns hat es nichts ausgemacht, aber der alte Wirt hat gesagt: ,Die gehört fei nicht hierher.‘“ Und damit war’s vorbei mit Frauen am Stammtisch. 

Da hatte ein Ostdeutscher mehr Glück. Lange Zeit hatte er am Nebentisch sein Bier getrunken – allein. „Irgendwann haben wir gesagt: ,Komm rüber und hock dich zu uns‘“, sagt Manfred Wohlschläger. Gerhard aus Ostdeutschland kam – und blieb. Bis zu seinem Tod. Wohlschläger: „Wir haben viel Gaudi mit ihm gehabt. Er musste aber einiges aushalten.“ Integriert haben sie ihn. 

Das würden sie auch mit jungen Burschen machen. Doch derzeit ist keiner in Sicht. Die haben zu viel anderes zu tun, als sich an einen Stammtisch zu setzen. Heutzutage habe jeder Verein seine Hütte, sagt Ulrich Wohlschläger. Das gab es früher, als sie selbst alle jung waren, noch nicht. Da gab es den Stammtisch, zu dem man mitgenommen wurde und irgendwann aufgenommen war. „Das Freizeitverhalten hat sich geändert“, ebenso wie das Angebot. 

Auch der Freitagsstammtisch ist längst nicht mehr so groß, wie er einmal war. Es gab Zeiten, da saßen sie hintereinander, in zweiter Reihe sozusagen. Lang vorbei. Heute findet jeder einen Platz am Tisch, auf dem er aber nicht mehr so lange sitzen bleibt wie früher. Die Herren zieht es nach Hause. „Heute ist keiner mehr so lange da, dass er auch noch viel trinken kann“, sagt Wohlschläger. 

Darauf kommt es auch nicht mehr an. Darin sind sich an diesem Freitags-Stammtisch in der Alten Post alle einig. Es geht um das Gesellige, um gute Gespräche. Darum, dass man kommen kann, wann man möchte. Und eins nicht hat: eine Verpflichtung zur Anwesenheit.

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