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„Es ist hip, Waldbesitzer zu sein“: Erich Wolf hat vor rund sechs Jahren etwa 60 Hektar Wald sowie den Steffelhof in Grub erworben. Seitdem misst er auch mit einer Kluppe den Durchmesser von Baumstämmen.

Wir haben mit den neuen Waldbesitzern gesprochen

Verrückter Trend: Warum sich immer mehr Menschen Wald kaufen

Grub - Der Wald als Fitnessstudio und attraktives Kaufobjekt. In der Region gibt es zunehmend Neu-Waldbesitzer, ein völlig neues Beratungsklientel für die Förster.

Nähert er sich dem Wald, fängt er an zu philosophieren: Erich Wolf (69), grüne Hose, grünes Hemd, fährt mit einem Bundeswehrjeep einen Feldweg entlang, es schaukelt und rattert. Er deutet auf den Waldrand: „Im Vergleich dazu sind wir nur Durchreisende“, sagt er. „Die über 100 Jahre alten Bäume lehren uns, wie kurz unsere Zeit ist, wie klein wir sind, wie begrenzt unsere Einflussmöglichkeiten.“ Da lacht der Wald nur. „Er zeigt seine Reaktionen erst eine Generation später.“ Hektik ist hier unangebracht. Ganz anders die vielen Manager, „die glauben, sie müssen ständig die Welt gestalten.“ Dubai, Jordanien und zurück. Zack, zack, zack. So ein schnell getaktetes Leben hatte Wolf früher auch mal, gewillt Raum und Zeit zu überwinden.

Doch heute ist alles anders. Heute geht Wolf aus Grub zu seinen Fichten und tobt sich dort aus. Sieht bei Begehungen nach dem Rechten, fällt Bäume, schneidet Bereiche frei. Dabei erwarb er den Wald erst vor sechs Jahren.

Damit gehört Wolf einer Gruppe an, die laut dem Holzkirchner Förster Robert Wiechmann stetig wächst. Neu-Waldbesitzer, die nicht seit Generationen eine traditionelle Verbindung zum Wald haben, die ihn nicht als reine Erwerbsquelle sehen und – bis auf ein paar Grundkurse – keine Ausbildung dafür haben. Menschen, die zwischen den Bäumen schwitzen oder einen Beitrag zum Naturschutz leisten wollen. Der Wald als Fitnessstudio und attraktives Kaufobjekt. „Es ist heute hip, Waldbesitzer zu sein“, erklärt Wiechmann. Viele wollen ein paar Hektar erwerben, selbst zu überhöhten Preisen. Daneben gebe es eine zweite Gruppe unter den Neu-Waldeigentümern. Die, die Wald erben aber einen anderen Beruf haben. Und ein Lehrer oder Banker weiß meist wenig von dessen Bewirtschaftung.

„Wir haben ein neues Beratungsklientel“, erklärt der Förster. Solche Menschen berät das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten kostenlos. So begleitet Wiechmann Wolf bei der Begehung, gibt Ratschläge. „Er ist mein größter Lehrmeister“, lobt Wolf. „Am Anfang konnte ich nichtmal eine Fichte von einer Tanne unterscheiden.“ Aber er ist lernwillig. Das steigere die Akzeptanz unter den alteingesessenen Eigentümern. Viel Hilfe kriegt Wolf zudem von der Walbesitzervereinigung. Alleine könnte er das nie stemmen. Ihm gehören 60 Hektar Wald, durch den sogar eine S-Bahn fährt. Zum Vergleich: Laut Wiechmann besitzen Eigentümer in der Region im Schnitt zwischen 14 und 20 Hektar. „Wenn die Bäume nach einem Windwurf wie Mikadostäbe rumliegen, dann wird’s gefährlich“, sagt Wolf. Ein falscher Schnitt, und ein Stamm erschlägt einen. Da müssen Experten ran.

Wolf ist Betriebswirt, zog eine Firma in München auf, prüfte Rechnungen zwischen Krankenhäusern und Versicherungen. Als er älter wurde, kam er ins Grübeln. „Für den letzten Lebensabschnitt wünschte ich mir etwas anderes.“ Er wollte in den Wald. Weil er seit 30 Jahren einen Jagdschein besitzt, hatte er einen Bezug. Sein Grund gehörte zum Steffelhof in Grub, den er erwarb und einen Pferdehof einrichtete. Seitdem zieht er sich aus der Firma zurück.

Für ihn ist die Arbeit im Reich der Dachse, Rehe und Wildschweine ein Ausgleich: „Andere gehen ins Trimmdichstudio.“ Er in den Wald. „Das ist mein Personaltrainer.“ Die Leute hätten viel mit abstrakter Arbeit zu tun.“ Der Wald hingegen ist körperlicher Einsatz. „Wenn man erst mal zehn Ster Holz gespaltet und geschlichtet hat, weiß man, was man getan hat.“ Wolf sieht sein Tun als Beitrag zur Umwelt. „Die Wälder um die Städte herum sorgen für ein gutes Mikroklima.“ Außerdem dienen sie als Inseln der Naherholung.

Zugleich sieht Wolf eine Menge Arbeit. „Da ist der Borkenkäfer drin“, erklärt er und zeigt auf Fichten mit braunen Stellen. Er muss sich darum kümmern, dass alles in Schuss bleibt. Schließlich habe er eine gewisse Verkehrssicherungspflicht. In Wäldern gelte freies Betretungsrecht. „Die Leute dürfen für den privaten Gebrauch Pilze oder Beeren sammeln.“

An einer Fichte legt Wolf eine Kluppe an, um die Stammstärke zu messen und zu testen, ob sie gefällt und verkauft werden könnte. Laut Wiechmann ist eine Fichte mit 80 bis 100 Jahren reif. Dann besitze ihr Stamm auf Brusthöhe einen Durchmesser zwischen 60 und 70 Zentimetern. Wolf stellt sich vor ein paar Babyfichten. Ob sie es schaffen werden, wird die Zeit zeigen. Der gesunde Sieger wachse hoch hinaus, der Verlierer verkümmere unten. „Die Natur ist knallhart“, sagt Wolf. „Das ist der Kampf des Waldes.“

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