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Heino Seeger ist Chef der Tegernsee Bahn und Zugexperte.

Interview mit Heino Seeger

Zugexperte zu Unglück: "Eigentlich kann das nicht passieren"

Holzkirchen/Tegernsee - Das Zugunglück von Bad Aibling wirft Fragen auf: Wie konnte der Frontalzusammenstoß auf eingleisiger Strecke passieren? Wir haben mit Bahnexperte Heino Seeger gesprochen.

Am Donnerstag nach dem Zugunglück von Bad Aibling halten wir Sie über die aktuellen Entwicklungen weiterhin auf dem Laufenden.

Einer, der die Bayerische Oberlandbahn, den Meridian und den Zugverkehr im Oberland bestens kennt, ist Heino Seeger. Wir baten den gelernten Lokführer, der bis Ende 2012 Geschäftsführer bei der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) war und heute die Tegernsee-Bahn leitet, um eine Einschätzung zum Unglück in Bad Aibling.

Herr Seeger, Sie kennen als Eisenbahnbetriebsleiter und Lokführer die Sicherungskonzepte im Zugverkehr genau. Auch wissen Sie über die Situation vor Ort Bescheid. Können Sie sich vorstellen, wie dieses Unglück passieren konnte?

Den genauen Hergang müssen die Aufsichtsbehörden für das Eisenbahnwesen untersuchen. Generell ist es so, dass die Leit- und Sicherungstechnik der Eisenbahninfrastruktur und der Triebfahrzeuge menschliche Entscheidungen unterstützt und kontrolliert. Maßgeblich sind dabei Gleise, Weichen Signale der Infrastruktur. Das Signal schützt die Strecke, bevor ein Zug ein- oder abgelassen wird. An dieser Stelle muss der Fehler passiert sein – auf technischer oder auf menschlicher Seite, oder auf beiden Ebenen.

Aber eigentlich kann so ein Unglück doch nicht passieren, oder?

Das stimmt: Eigentlich kann es nicht passieren. Aber die Technik kann ausfallen. Die Rückfallebene liegt dann aber in der Hand des Menschen.

Wie läuft der Zugverkehr im Normalfall ab?

Pro Fahrt sind zwei Fahrdienstleiter beteiligt: der Anfangs-Fahrdienstleiter im Bahnhof, den der Zug verlässt, und ein End-Fahrdienstleiter in dem Bahnhof, den der Zug ansteuert. Beide vereinbaren, dass der betreffende Zug von A nach B losfahren darf. Danach ist im eingleisigen Bereich eine Fahrt von B nach A, also in umgekehrter Richtung, nicht mehr möglich.

Schweres Zugunglück bei Bad Aibling - Die Bilder

Was passiert aber, wenn das Signal ausfällt? 

Dann müssen sich beide Fahrdienstleiter mittels eines Zugmeldegesprächs verständigen und den jeweiligen Zug annehmen oder eben ablehnen. Wenn das nicht klappt, ist das eine ähnliche Situation wie einst beim Zugunglück in Warngau...

Sie meinen den Zusammenstoß zweier Personenzüge am 8. Juni 1975 zwischen den Bahnhöfe Schaftlach und Warngau, bei dem 41 getötete Passagiere zu beklagen waren.

Ja. Damals gab es ein Missverständnis in dieser Kommunikation der Zugmeldung. Die heutige Technik verhindert normalerweise solche Unfälle. Wenn die Technik aber ausfällt, muss der Mensch ran.

Ist es technisch möglich, ein haltezeigendes Signal zu überfahren? 

Nein, denn dann setzt eine Zwangsbremsung ein, damit der Zug nicht weiterfährt. Aber: All diese Maßnahmen sind aufhebbar.

Wie geht das? 

Im Dialog des Fahrdienstleiters mit dem Lokführer gibt der Fahrdienstleiter im Falle einer Signalstörung einen schriftlichen Befehl, dass der Zug am haltzeigenden Signal ausnahmsweise vorbeifahren darf. Dieser Befehl kann auch durch ein Ersatzsignal ersetzt werden. In der Regel ist das betriebstauglich. Im konkreten Fall gilt es nun zu klären: Welcher Zug war zu Recht auf der Stecke und welcher zu Unrecht? Denn der planmäßige Kreuzungspunkt für beide Züge war im Bahnhof Kolbermoor vorgesehen.

Wie lässt sich der Hergang des Unglücks rekonstruieren? 

Es gibt Protokolle, der Zugfunk wird aufgezeichnet, die Bedienhandlungen der Fahrdienstleiter und der Lokführer werden aufgezeichnet. Auch die Telefonate zwischen dem Fahrdienstleitern und weiteren Betriebsstellen – wer hat was mit wem besprochen sind hinterlegt? Außerdem wird der Computer im Stellwerk ausgelesen.

Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie die Nachrichten dazu verfolgen? 

Es ist schlimm. Das Ganze trifft mich sehr. Wahrscheinlich kenne ich auch die verunglückten Lokführer. Aber eines kann ich jetzt schon sagen: An der Qualität der Ausbildung der Lokführer bei der BOB wird es nicht gelegen haben. Diese ist auf einem sehr guten Niveau. Das kann ich beurteilen.

Dieter Dorby

E-Mail:info@merkur.de

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