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Unterstützung beim Einkaufen bekommt Kurt Haffner von Ulrike Meyer-Popp von der Nachbarschaftshilfe. Der Rentner lebt allein in einer Wohnung in Otterfing und ist auf Hilfe angewiesen.

Spendenaktion „Leser helfen Lesern“

Kurt Haffner wartet jeden Tag auf den Anruf, der nicht kommt

Kurt Haffner (86) ist allein. Niemand besucht ihn. Niemand ruft an. Die einzige Verbindung zum Leben, die er noch hat, ist Ulrike Meyer-Popp von der Nachbarschaftshilfe.

Kurt Haffner (86), Bauleiter im Ruhestand, sitzt am Esstisch in seiner Wohnung in Otterfing. Auf der verwaschenen gelben Tischdecke liegen Zettel mit Telefonnummern in übergroßen Zahlen. Daneben das Telefon. Hier sitzt Kurt Haffner am liebsten. Zur Wohnungstür hat er es nicht weit und wenn jemand anruft, kann er gleich ran gehen. Aber das Telefon klingelt nicht.

Zwar sieht Kurt Haffner nicht mehr gut, hören würde er das Telefon aber schon. Er tippt sich an die Stirn: „Und da oben ist alles fit.“ Der 86-Jährige kann sich viel merken, besonders Zahlen und Daten bleiben ihm im Gedächtnis. Er erinnert sichbeispielsweise an den 12. Dezember 2015. Ein Samstag. „Ein Jahr ist die Weihnachtsfeier jetzt her“, erzählt Kurt Haffner. Bei der Seniorenweihnacht der Gemeinde hätten zwei Paare versprochen, sich mal bei ihm zu melden. „Bis heute haben sie nicht angerufen.“

Freunde aus dem Ort? Kurt Haffner zählt an den Fingern ab, wer schon alles gestorben ist. Eine Hand reicht da nicht. Mit 86 Jahren habe er die meisten schon überlebt. Kurt Haffner kannte auch viele vom TSV Otterfing, als er dort noch im Vorstand war. Aber auch zu den Fußballern hat er den Kontakt verloren. Also sitzt Kurt Haffner in seiner Wohnung, neben ihm das Telefon.

Er würde wohl gar nicht mehr vor die Tür kommen, wäre da nicht Ulrike Meyer-Popp (61) von der Nachbarschaftshilfe. Einmal in der Woche schaut sie bei Kurt Haffner vorbei. Sie geht für ihn einkaufen. Sie fährt ihn zum Zahnarzt. Sie geht mit ihm spazieren und macht mit Kurt Haffner gemeinsam Gymnastik. Aber das wichtigste: Sie redet mit ihm.

Kurt Haffner war nicht immer so allein. Von seiner Frau ist er aber seit langer Zeit geschieden, zu seinem Sohn hat er keinen Kontakt. Die einzige Verwandte, mit der er ab und an spricht, ist eine Cousine zweiten Grades in Heidenheim. Helferin Ulrike Meyer-Popp hat Pflegemanagement studiert und weiß: „Das mit der Einsamkeit ist heute keine Seltenheit.“

Weil er sonst niemanden mehr hat, freut sich Kurt Haffner besonders auf den Tag, an dem Ulrike Meyer-Popp ihn besuchen kommt. Vorher gibt er ihr am Telefon durch, was er vom Supermarkt braucht. „Aufschreiben brauch ich das nicht“, sagt er. „Ich könnte es sowieso nicht lesen.“ Was immer in die Einkaufstüte muss: Gummibärchen. Und Käse, Brot, Joghurt – für Frühstück und Abendbrot muss es eben reichen. Mittags bekommt Kurt Haffner „Essen auf Rädern“.

Jeden Tag klingelt es zweimal bei Kurt Haffner an der Tür: Morgens kommt jemand von der Caritas, um ihm seine Tabletten zu geben und mittags bringt einer das Essen. Ansonsten bleibt es ruhig. Der Rentner ist nicht mehr gut zu Fuß. Ohne einen Gehwagen, er nennt ihn „seinen Ferrari“, geht nichts mehr. „Allein aus der Wohnung kann er nicht“, erzählt Ulrike Meyer-Popp. Dafür sieht er zu schlecht und mit dem Gehwagen kommt er nicht aus dem zweiten Stock nach unten.

Am liebsten wäre Kurt Haffner, die Nachbarschaftshilfe würde jeden Tag jemanden vorbei schicken. Aber das geht nicht. Ulrike Meyer-Popp macht die Besuche ehrenamtlich, die Zeit und das Benzin zahlt ihr niemand. Es wäre wohl anders, könnte die Organisation ihren Helfern eine Entschädigung zahlen. Aber so sitzt Kurt Haffner sechs Tage die Woche an seinem Essetisch neben dem Telefon.

Wenn er da so sitzt, hört der 86-Jährige Radio. Ihn interessieren am meisten die Berichte aus ganz Bayern. „Er erzählt mir dann immer, was er alles gehört hat“, sagt Ulrike Meyer-Popp. Am liebsten hat es Kurt Haffner aber, wenn seine Betreuerin ihm etwas erzählt. „Er ist total neugierig und will immer alles wissen“, sagt sie.

Damit Kurt Haffner hin und wieder unter Leute kommt, geht er zum Seniorentreff im Gasthaus Baumann. Einmal im Monat. Mit dem Arbeitskreis Soziales hat das Treffen Rosi Dümlein (79) organisiert. Sie ist die Leiterin der Nachbarschaftshilfe und kennt Kurt Haffner schon lange. Jetzt vor Weihnachten ist sie besonders gefragt. Für die Seniorenweihnacht packt sie rund 100 Päckchen mit Schokolade, Nüssen und Obst. Jedes Jahr muss sie darum kämpfen. Die Gemeinde habe dafür nicht viel Geld übrig. „Aber ich kann nicht auch noch das zahlen“, sagt Dümlein.

Ein Päckchen wird bei Kurt Haffner auf dem Esstisch landen. Es wird das Einzige sein, das in seiner Wohnung an Weihnachten erinnert. „Heiligabend ist wie der 3. Juli“, sagt Kurt Haffner, „ein Tag wie jeder andere.“ Zwei Besucher wird der 86-Jährige an diesem Tag begrüßen. Morgens die Caritas, mittags jemand, der ihm das Essen bringt. Dann wird Kurt Haffner wieder am Esstisch sitzen, neben dem Telefon.

Die Nachbarschaftshilfe

in Otterfing übernimmt seit 1998 für die Senioren Fahrten zum Arzt, kümmert sich um Bankangelegenheiten oder liest im Altenheim vor. Ansprechpartnerin ist Rosi Dümlein. Sie ist erreichbar unter 0 80 24 / 9 24 26.

nip

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