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Lässt sich nicht ärgern: Der Warngauer Christian Obermüller (46) sieht die Baustelle vor seiner Haustür ganz gelassen. „Griabig is des ned. Aber alles ist besser, als tausende von Autos am Tag“, sagt er.

Tieferlegung der B 318

Eine Baustelle im Vorgarten

Warngau - Quasi im Vorgarten der Obermüllers wird derzeit eine der meistbefahrenen Straßen der Region unter die Erde verbannt. Ein Terrassenbesuch mit Kino-Flair.

Es ist ein lauer Spätsommernachmittag in den 1930er-Jahren. Christian Obermüller senior spielt als kleiner Bub auf dem Asphalt vor seinem Warngauer Elternhaus – einfach so. Sorgen- und gefahrenfrei. Autos befahren die erst vor einigen Jahren eröffnete Bundesstraße 318, die für den kleinen Mann wie ein riesiger Highway wirken muss, nämlich nur sporadisch. Wer kann sich auch schon ein Auto leisten?

An einem ebenfalls herrlichen Spätsommernachmittag im September 2016 kann sich diese Situation selbst mit lebendiger Fantasie kaum mehr jemand vorstellen. Wir sitzen nur wenige Meter von genau der Stelle entfernt, wo Christian Obermüller senior einst unbekümmert spielte. Inzwischen leben die nächsten zwei Genarationen unter dem Dach des rund 80 Jahre alten dreistöckigen Hauses mit Blick auf die Alpensilhouette. In der Zwischenzeit können sich viel mehr Leute ein Auto leisten, sehr viele mehr. Bis zu 20 000 Fahrzeuge rauschen an Ausflugstagen mit schönem Wetter an den Obermüllers vorbei. Die Familie besteht aus Christian Obermüller junior, seiner Frau Alexandra sowie den beiden Buben Nicholas (13) und Marcus (9). Ihr Leben soll sich in einem Jahr wesentlich zum Positiven gewandelt haben. Dann nämlich, wenn die Tieferlegung der B 318 abgeschlossen ist und der Verkehr nicht mehr direkt an ihrem Garten vorbeidonnert.

Christian Obermüller, 46, groß, schlank und sportlich, zwei Silberringe im linken Ohr, sitzt gelassen an seinem Terrassentisch samt roter Plastiktischdecke. Die hat er gerade noch von einer dicken Staubschicht befreit. „Kein Problem“, sagt er. „So viel staubiger als vor der Baustelle ist es auch nicht.“ Schnell wird deutlich, dass der CAD-Zeichner, der in Gmund seine Semmeln verdient, sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Seit Jahrzehnten lebt er mit dem Wahnsinn, dem Lärm, mit den Abgasen und regelmäßigen Unfällen vor der Haustür. Halbwegs still wird es nur, wenn so viele Ausflügler unterwegs sind, dass es kein Vor und kein Zurück mehr gibt und die Blechlawine zum Stillstand kommt. „Man merkt, wenn kein Auto fährt.“

Nach der Tieferlegung der B 318 werden die Obermüllers wesentlich ruhiger und sicherer leben können.

Seit Jahrzehnten bekommt der passionierte Radl- und Skifahrer auch die Kämpfe für die Tieferlegung der Straße mit, die unlängst beim Spatenstich als „Jahrhundertprojekt“ bezeichnet wurde. „Das alles ist Teil meines Lebens.“

Alexandra Obermüller, ebenfalls 46, rotglänzendes zum Zopf geflochtenes Haar, randlose Brille, putzt in letzter Zeit häufiger ihre Fenster. Gram ist sie deshalb aber nicht im Geringsten. „Wir haben uns auf die Situation eingestellt“, sagt die gebürtige Irin mit englisch-bairischem Akzent. Sie muss es zweimal sagen, weil ihre Stimme im Lärm eines vorbeifahrenden Lasters untergeht. Die Baustelle bringt sie trotzdem nicht auf die Palme. Ganz im Gegenteil. „Für mich und die Kinder ist es sogar sehr spannend zu sehen, wie so eine Straße entsteht.“ Kino-Flair von der Terrasse aus sozusagen.

Schon früh morgens beobachtet sie das rege Treiben auf der Baustelle. Genau wie ihr Mann Christian ist Alexandra Obermüller tiefenentspannt. Noch. „Wer weiß, ob das auch in sechs Monaten noch so ist“, sagt sie und lacht. Bislang aber läuft es überraschend gut. Die Einschränkungen sind problemlos zu verkraften. Überhaupt, sagt das Ehepaar, sind sie überaus froh, dass es nun endlich losgegangen ist. „Wir sehen jetzt im wahrsten Sinne des Wortes Licht am Ende des Tunnels.“

Im Herbst nächsten Jahres, so ihre Hoffnung, kehrt nach langer Zeit endlich wieder Ruhe ein. Sich bis dahin aber zu ärgern, das sehen die beiden nicht ein. „Das bringt doch nichts.“ Zumal die Aussicht auf wesentliche Verbesserungen lockt. „Augen zu und durch“, lautet ihr Motto.

Was den Austausch mit Gemeinde und ausführender Baufirma anbelangt, stellen die Obermüllers ein Zeugnis mit Bestnoten aus. Das A und O einer guten Beziehung ist bekanntlich die Kommunikation. Sie kann Konflikte vermeiden. Sowohl die Einzelgespräche im Vorfeld, als auch der Kontakt zu den Arbeitern vor Ort seien vorbildlich. „Alle sind sehr kooperativ“, sagt Alexandra Obermüller.

Weil viele Arbeiter aber aus Österreich stammen, versteht sie nicht immer jedes Wort. „Das ist aber mein Problem“, bekennt die Irin lachend. Ein Jahr wollte sie ursprünglich in Deutschland bleiben, bevor sie ihren Mann kennenlernte. Das ist über zwei Dekaden her. Auch mögliche Schäden am Haus durch die Bauarbeiten beunruhigen die Warngauer nicht. Schließlich hat es eine minutiöse Bestandsaufnahme gegeben.

Alles in allem haben sich die Obermüllers mit der Situation gut arrangiert. So wie auch die meisten ihrer Nachbarn. „Jeder, mit dem wir geredet haben, sagt, dass es eine Zeit ist, die vorbei geht.“ Nur diejenigen, die von der Baustelle eigentlich gar nicht betroffen sind, würden sich vereinzelt beschweren. Der Gewinn, davon ist das bairisch-irische Paar überzeugt, wird auch jede noch so kleine Beeinträchtigung wettmachen. „Alles ist besser, als 20 000 Autos“, findet Hobbymusiker Christian Obermüller. Bald, so hofft er, können auch seine Buben wieder vor der Haustür spielen. Genauso unbekümmert wie einst sein Vater.

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