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Alles im Blick: Über einen Bildschirm am Schaltkasten im Turbinenhaus kontrollieren Fischbachaus Bürgermeister Josef Lechner (l.) und Arbeitskreismitglied Alois Gasteiger die Leistung des Wasserkraftwerks in Birkenstein. Hinter ihnen sind die Pelton-Turbine und der Generator verbaut.

Blick ins neue Wasserkraftwerk in Birkenstein

Hier wird rund um die Uhr sauberer Strom erzeugt

Birkenstein - Der Damm ist gebrochen. Nach einem jahrelangen Genehmigungsverfahren ist das Wasserkraftwerk in Birkenstein ans Netz gegangen. Der Probebetrieb läuft reibungslos.

Ohne Wasser geht bei Alois Gasteiger gar nichts. Wenn seine Turbine ins Stocken gerät, herrscht Stillstand im Sägewerk in Fischbachau. „Das ist aber noch nicht vorgekommen“, sagt Gasteiger stolz. Neun Kilowattstunden Strom pro Stunde erzeugt sein Kraftwerk an der Leitzach. Die Energie befeuert seine Maschinen, die Trockenkammer für das Holz und eine Hackschnitzelanlage mit Nahwärmenetz. Das Sägewerk hat Gasteiger mittlerweile an die nächste Generation übergeben. Die Wasserkraft fasziniert ihn noch immer.

Sein neues „Spielzeug“ befindet sich im ehemaligen Hochbehälter in Birkenstein – und es ist um ein paar Hausnummern größer: die neue Wasserkraftanlage der Gemeinde Fischbachau. Nach vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit von Gasteiger und seinen beiden Gemeinderatskollegen Fritz Waldhier und Georg Göttfried ist das Kraftwerk am Fuße des Breitenstein jetzt in den Probebetrieb gestartet. Sehr zur Freude von Bürgermeister Josef Lechner, der das Projekt durch viele Strudel und Untiefen im Genehmigungsverfahren schiffen musste.

Die Geschichte

Alles begann mit einer vielversprechenden Entdeckung. In den 1990er-Jahren wurden die Fischbachauer auf einen unterirdischen Bergsee am Breitenstein aufmerksam. Der speiste zwei natürliche Quellen: die Sieben- und die Feuerhörndlquelle. Ein Großteil des Wassers im gut 19 Meter tiefen See schlummerte jedoch ungenutzt. Weil die Gemeinde damals ohnehin auf der Suche nach einer neuen Trinkwasserquelle war, zapfte sie den See mit einer Horizontalbohrung an. Mit dem Ziel, das Wasser direkt in das Leitungsnetz einzuspeisen, wie Lechner erklärt. „Damit hätte man sich den Hochbehälter gespart.“

Doch der Schuss ging nach hinten los. Weil das Wasserwirtschaftsamt mit der Einspeisung des Wassers ohne vorherige Aufbereitung nicht einverstanden war, drehte die Behörde den Zuschusshahn zu. Die 600 000 Mark teure Bohrung war da schon erfolgt – scheinbar umsonst. Das spaltete nicht nur den Gemeinderat, sondern auch die Bürger. „Da hätte es bald einen Wasserkrieg gegeben“, erzählt Lechner. Ein Kompromiss glättete die Wogen. Das Breitensteinwasser diente fortan als Notversorgung, falls es mit dem Tiefbrunnen in Aurach ein Problem geben sollte. Faktisch plätscherte es jedoch ungenutzt ins Tal. Bürgermeister Lechner gefiel das ganz und gar nicht. Er ließ untersuchen, ob es anderweitige Nutzungsmöglichkeiten gibt. Die Antwort lautete „Wasserkraft.“ Einen Schwall an Gutachten später war der Damm gebrochen.

Die Bauarbeiten

Die baulichen Voraussetzungen waren günstig – zumindest auf den ersten Blick. Die knapp ein Kilometer lange Leitung von der Bohrung bis ins 240 Meter tiefer gelegene Tal war bereits verlegt, der leer stehende Hochbehälter im Tal bot genug Platz für Turbine und Generator. Probleme machte der Druck. Um das Wasser auf die für die Stromerzeugung notwendige Fließgeschwindigkeit zu beschleunigen, wurde der Unterbrecherschacht auf halber Strecke entfernt. Um keine Rohrbrüche zu riskieren, ließ die Gemeinde die Leitung im unteren Bereich durch ein 20 Zentimeter dickes Kunststoffrohr ersetzen. „Da haben wir ohnehin eine Forststraße gebaut“, erklärt Lechner.

Für Ärger sorgten dagegen die Leitungen im oberen Bereich. Trotz des dort niedrigeren Drucks platzten immer wieder Muffen auf. Zwischen 50 und 80 Mal wanderten Gasteiger und seine Kollegen die Strecke ab, um die Lecks zu finden. „Bei einer Firma hätten wir uns das nie leisten können“, lobt Lechner das Engagement des Arbeitskreises. Als endlich alle Löcher geflickt waren, baute eine Südtiroler Spezialfirma die sogenannte Pelton-Turbine samt Generator ein.

Die Technik

Gut verborgen: Von außen kaum zu erkennen ist das Turbinenhaus des Kraftwerks.

Der Großteil des Wasserkraftwerks liegt unter der Erde. Wer vor dem Turbinenhaus im Tal steht, ahnt nicht, das in dem unscheinbaren Betonbunker rund um die Uhr sauberer Strom erzeugt wird. Erst als Gasteiger die Metalltür öffnet, schwillt das leise Surren zu einem Pfeifen an. Ein Plätschern ist nicht zu hören – und auch sonst fehlt vom Wasser jede Spur. Einzig die massiven Schrauben deuten an, mit welcher Gewalt die nassen Massen auf die Schaufelräder prallen. Die Schrauben befinden sich an der silbernen Zuleitung zur Turbine, die unter einem Metallgehäuse verborgen liegt. Eine Düse bündelt den Strahl auf einen Druck von gut 18 bar – und treibt das Laufrad konstant auf 1500 Umdrehungen pro Minute an.

Zahlen, Daten, Fakten: Dieses Display zeigt einen Querschnitt durch die gesamte Anlage.

All diese Daten liest Gasteiger von einem berührungsempfindlichen Bildschirm am Schaltkasten ab. Einen Zwischenstand schickt ihm das System zwei Mal am Tag aufs Handy. Im Falle einer Störung wäre er sofort informiert. „Bis jetzt läuft aber alles rund“, sagt er und steckt sein Mobiltelefon wieder in die Hosentasche. Bei einem Stromausfall sorgen zwei Batterien für ein langsames Reduzieren des Wasserdrucks. Ein abrupter Stopp wäre fatal, erklärt Gasteiger. „Da zerreißt’s hier alles.“

Auch für einen anderen Notfall ist die Gemeinde nach wie vor gerüstet: den Zusammenbruch der Trinkwasserversorgung. Zwei Leitungen führen unter einem Gitterboden von der Turbine weg. Die eine mündet in den Sattelbach, die andere führt zum ein paar Schritte entfernten Hochbehälter. Wenn letzterer aufgesperrt wird, flutet das Breitensteinwasser zwei jeweils 2000 Kubikmeter große Becken. Binnen 24 Stunden werden die Schwebstoffe ausgefiltert und Keime mit UV-Strahlung abgetötet – und die Fischbachauer haben wieder frisches Wasser.

Die Leistung

Das Hauptprodukt des Kraftwerks ist aber der Strom. 86 Kilowattstunden pro Stunde fließen momentan ins Netz. „Das ist wesentlich mehr, als wir erwartet haben“, sagt Lechner. Aufs Jahr gerechnet wären das rund 800 000 Kilowattstunden. Schon mit den ursprünglich berechneten 500 000 Kilowattstunden wäre der gesamte Ortsteil Birkenstein versorgt. Den Strom verkauft die Gemeinde für 13 Cent pro Kilowattstunde an den Netzbetreiber E.ON. Noch lieber würde ihn Lechner für die Pumpen des Tiefbrunnens verwenden. „Wir zahlen aktuell einen Strompreis von 18 Cent“, erklärt er. Weil die Gemeinde dafür aber erst wieder eine Leitung verlegen oder eine Genehmigung einholen müsste, sei man davon wieder abgekommen.

Die Natur

Um eine andere Auflage kommen die Kraftwerksbetreiber nicht herum. Um Pflanzen und Tiere am Breitenstein nicht zu schädigen, müssen sie für eine ausreichende Restwassermenge im Quellbereich sorgen. Eine Biologin überwacht permanent den Zustand der Natur. In gut zehn Tagen Probebetrieb ist der Wasserspiegel im See um 1,3 Meter abgesunken. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird der Durchlass an der Horizontalbohrung verkleinert und damit der Druck im Kraftwerk abgesenkt. Zwei Jahre hat die Gemeinde Zeit, den richtigen Wert zu ermitteln. „So eine Turbine muss man einfahren wie ein Auto“, sagt Gasteiger schmunzelnd.

Die Zukunft

Bürgermeister Lechner denkt derweil schon an neue Projekte dieser Art. Zwei aufgelassene Kraftwerke an der Leitzach würde er gerne wieder in Betrieb nehmen. Das Problem ist auch hier die Genehmigung. Lechner ärgert das. „Ich verstehe nicht, warum die Leitzach eine so heilige Kuh ist.“ Für ihn führt der Weg zur Energiewende in Fischbachau „nur noch übers Wasser“. Davon will er bei der Einweihung des Kraftwerks Birkenstein am 23. September auch Wirtschaftsministerin Ilse Aigner überzeugen. „Ich werde den Kampf wieder aufnehmen“, sagt Lechner. „Und dieser Termin ist der Startschuss.“

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