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Kreml-Experte zeichnet zwei bittere Zukunftsszenarien im Ukraine-Krieg - und erklärt Putins Motivation

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Von: Sebastian Grauvogl

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Ludwig Mailinger zeichnet zwei mögliche Szenarien, wie es mit dem Ukraine-Krieg und Putin weitergeht. Im Hintergrund ein zerstörter Straßenzug in Kiew nach einem Raketenangriff.
„Wie wollen Sie einem Menschen garantieren, dass eine Idee nicht in seinem Land Fuß fasst?“ Weltpolitik-Experte Ludwig Mailinger (r.) zeichnet zwei mögliche Szenarien, wie es mit dem Ukraine-Krieg und Putin (l.) weitergeht. Im Hintergrund ein zerstörter Straßenzug in Kiew nach einem Raketenangriff. © Alexei Nikolsky/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa/Genya Savilov/AFP/Thomas Plettenberg

Ludwig Mailinger hatte bis 2017 einen direkten Draht in die Weltpolitik, auch zu Kreml-Vertretern. Über die Eskalation in der Ukraine ist er entsetzt und zeichnet zwei mögliche Szenarien für einen Ausgang. Beide sind schlimm.

Miesbach – Als Leiter der Verbindungsstellen der Hanns-Seidel-Stiftung hatte Ludwig Mailinger aus Miesbach bis 2017 einen direkten Draht in die Weltpolitik. Auch bei Gesprächen mit Kreml-Vertretern war der heute 70-Jährige dabei. Im Interview analysiert er die aktuelle Entwicklung im Ukraine-Krieg.

Michail Gorbatschow, Ludwig Mailinger
Den für ihn bedeutendsten russischen Politiker holte Mailinger 2011 vom Münchner Flughafen ab (Bild links): Michail Gorbatschow. © Miesbacher Merkur

Herr Mailinger, in Ihrer Laufbahn haben Sie erlebt, wie viel Gespräche mit Russland bewirken können. Jetzt lässt Präsident Putin in der Ukraine die Waffen sprechen. Was empfinden Sie?

Ludwig Mailinger: Entsetzen und Fassungslosigkeit. Ich habe bis zum Schluss geglaubt, dass Putin blufft, um ein besseres Verhandlungsergebnis zu erzielen. Jetzt hat er gezeigt, dass es ihm nie um Verhandlungen ging. Ihn treibt eine Angst, die sich in seiner Welt nur mit Waffen bekämpfen lässt.

Die Angst vor dem Westen, vor einem weiteren Näherrücken der Nato?

Ludwig Mailinger: Das ist nur vorgeschoben. Putin fürchtet nicht in erster Linie die Militärmacht der Nato und deren Übergreifen auf die Ukraine. Ihm geht es um etwas anderes: den Geist von Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft, der sich in all den Staaten um Russlands Westgrenze festgesetzt hat und der sich zunehmend auch in Russland ausbreitet.

Entsetzt von der aktuellen Entwicklung: Ludwig Mailinger aus Miesbach.
Entsetzt von der aktuellen Entwicklung: Ludwig Mailinger aus Miesbach. © Thomas Plettenberg

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Aber hätte er dann nicht schon die baltischen Staaten angreifen müssen?

Ludwig Mailinger: Die Nato- und EU-Osterweiterung im Baltikum hat ihm sicher nicht gefallen, aber es sind kleine Staaten. Die Ukraine spielt in einer anderen Liga. Hier leben über 40 Millionen Menschen, die sich nach Freiheit und Unabhängigkeit sehnen und diese mit allen Mitteln verteidigen wollen und werden.

Putin sieht sich also als neuer Zar?

Ludwig Mailinger: Das mag sein, aber er wird dieser Rolle im Sinne Peters des Großen keinesfalls gerecht. Der war ein großer Reformer. Er hätte sein Land modernisiert und seinem Volk gezeigt: „Was der Westen kann, können wir auch.“ Putin versucht, die zwei Säulen zu stabilisieren, die ihn selbst stützen: die Oligarchen und die Funktionselite, also ranghohe und bestens bezahlte Beamte. In diesem System sind kaum Reformen möglich.

Ludwig Mailinger, Hans-Peter Uhl, Gerhard Hopp, Jeff Sessions
Im April 2016 arrangierte Ludwig Mailinger (l.) ein Gespräch zwischen dem Bundesabgeordneten Hans-Peter Uhl (2.v.l.), Landtagsabgeordnetem Gerhard Hopp (r.) und dem damaligen US-Senator Jeff Sessions. Letzterer war Justizminister im Kabinett von Donald Trump. © Miesbacher Merkur

Der Westen hatte also wirklich keine Chance gehabt, ihn diplomatisch einzubremsen?

Ludwig Mailinger: Wie wollen Sie einem Menschen garantieren, dass eine Idee nicht in seinem Land Fuß fasst?

Also lieber sein Spiel mitspielen und mit Sanktionen und Waffenlieferungen antworten. Riskiert man dadurch nicht eine weitere Eskalation?

Ludwig Mailinger: In meinen Augen gibt es zwei Möglichkeiten für einen weiteren Verlauf. Die eine wäre eine schnelle Eroberung der Ukraine durch Russland. Präsident Selenskyj würde in diesem Fall vom Exil aus den Widerstand im Untergrund organisieren, mit Unterstützung des Westens. Das wäre ein langer, harter, verlustreicher Weg, der aber das Ende Putins einläuten würde.

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Inwiefern?

Ludwig Mailinger: Mit jedem weiteren gefallenen russischen Soldaten würden die Proteste in seinem Land und die Opposition erstarken, die Wirtschaftssanktionen würden die Unzufriedenheit des Volks befeuern. Irgendwann würde dies auch den Kreml erfassen, und man würde Putin nahelegen, seinen Ruhestand anzutreten.

Und die andere Alternative?

Ludwig Mailinger: Wenn die Russen, um einen blutigen Häuserkampf zu vermeiden, Kiew nicht erobern, sondern belagern würden. Das wäre für den Westen die schlimmere Situation.

Warum?

Ludwig Mailinger: Weil die Hilferufe mit jedem Tag lauter würden. Sie wären nicht mehr nur militärischer, sondern humanitärer Natur. Ein Druck, dem die internationale Staatengemeinschaft wohl nicht lange Stand halten könnte. Die UN-Vollversammlung könnte also die schon jetzt andiskutierte Luftüberwachung für die Ukraine beschließen, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Putin würde dies als Angriff des Westens werten und entsprechend antworten. Damit wären wir auf einer Leiter der Eskalation, deren Folgen wir uns nicht vorstellen wollen.

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Der gefürchtete Dritte Weltkrieg mit Atomwaffen... Wie groß halten Sie die Gefahr im Vergleich mit Ihrer aktiven Zeit im Kalten Krieg?

Ludwig Mailinger: Die Situation ist unkalkulierbarer geworden. Seit Chruschtschow konnte sich der Westen drauf verlassen, dass die Entscheidungen im KPdSU-Politbüro nach rationalen Maßstäben getroffen werden. Die gegenseitige Abschreckung funktionierte. Putin ist keinem Politbüro mehr zur Rechenschaft verpflichtet. Er ist nur noch von Ja-Sagern umgeben. Damit sind potenziell auch irrationale Aktionen möglich. Das Psychogramm Putins zeigt einen Mann, der es gelernt hat, sich durchzusetzen. Nachgeben und Kompromisse liegen ihm fern. Ich gehe aber, wie gesagt, von einem schleichenden Ende seiner Präsidentschaft aus.

Wie geht es dann weiter?

Ludwig Mailinger: Dann schlägt die Stunde der Opposition. Auch die Idee einer wirtschaftlichen Modernisierungspartnerschaft ist schnell wieder da. Die guten Beziehungen zwischen Russland und Deutschland liegen nur auf Eis, sie sind nicht für immer zerstört. Sie zu gegebener Zeit wiederzubeleben, muss unser aller Ziel sein, denn eine Isolation Russlands schadet allen.

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