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Rudolf Pikola, Miesbacher Bürgermeister von 1960 bis 1970, in seinem Amtszimmer. Der Pädagoge wäre heute 100 Jahre alt geworden.

100. Geburtstag von Rudolf Pikola

In Erinnerung an einen besonderen Miesbacher

Miesbach - Miesbachs ehemaliger Bürgermeister Rudolf Pikola wäre heute 100 Jahre alt geworden. Erinnerung an einen bemerkenswerten Miesbacher.

„Rudolf Pikola war kein politischer Mensch“, wird der ehemalige Miesbacher SPD-Stadtrat und Wegbegleiter Günter Holzkamm zitiert. „Er war ein Gelehrter und Literat.“ Er habe sich schwer getan, SPD-Mitglied zu werden und eigentlich kein politisches Amt angestrebt. Dennoch ließ er sich zum Bürgermeisterkandidaten aufstellen und wurde 1960 von den Miesbachern mit klarer Mehrheit gewählt. Er sollte – gerade aus heutiger Sicht – nicht enttäuschen. Dies belegt die Festschrift „30 Jahre für Miesbach“, die die Stadt anlässlich Pikolas 100. Geburtstag veröffentlicht hat.

In der zehnjährigen Amtszeit bis zu seinem Tod 1970 packte Pikola eine Vielzahl von Projekten an, die heute Bestandteil der Kreisstadt sind. Für die zentrale Wasserversorgung wurde der Deininger Brunnen erschlossen, eine Fernleitung gelegt und ein Hochbehälter angelegt. Zusammen mit Schliersee und Hausham gründete die Kreisstadt einen Abwasserzweckverband und ließ eine Kläranlage errichten. Pikola förderte den sozialen Wohnungsbau, brachte mithilfe der Arbeiterwohlfahrt den Bau des Altenheims auf den Weg und stellte für die Neubauten von Realschule und Gymnasium dem Landkreis Grundstücke zur Verfügung. Die Stadt übernahm das hoch verschuldete Eisstadion, baute Bücherei und Spielplätze, sanierte das Freibad und legte den Grundstein für das Feuerwehrhaus. Passend dazu der SPD-Wahlslogan 1966: „Weiterbauen am Miesbach von morgen“.

Bücherei war für den Pädagogen eine Investition in die Lernbereitschaft der Bevölkerung

Dass der Schöngeist Pikola auch bereit war, sich Widerständen zu stellen, zeigte der Bau der Bücherei. „Viele Leute wollten damals sparen, und er hatte Visionen“, beschreibt SPD-Stadtrat Franz Reischl, einst Pikolas Schüler, die Kluft zwischen dem Rathaus-Chef und seinen Gegnern. Sie konnten Pikola nicht folgen, wie er in die Zukunft dachte. Dabei war gerade die Bücherei für den Pädagogen eine Investition in die Lernbereitschaft der Bevölkerung.

Widerstände und Anfeindungen waren auch der Grund, warum Pikola doch in die Kommunalpolitik wechselte. Auslöser waren Pikolas Texte, die er seit Jahren veröffentlicht hatte: Bücher, Artikel, Geschichten, Gedichte und Theaterstücke, was ihm 1968 die Ludwig-Thoma-Medaille der Stadt München einbrachte. Seine Positionen waren fortschrittlich, und aus heutiger Sicht lässt sich Pikola als Reformpädagoge bezeichnen, der den autoritären Erziehungsstil ablehnte, als die körperliche Züchtigung noch gängige Methode war.

Lehramtsstudium, Banklehre und Kriegsdienst

"Kein politischer Mensch"

Es war ein satirischer Beitrag im Jahr 1959, der ihm massiven Ärger bescherte. In einem fiktiven Gespräch zwischen einem Rüstungsminister und einem Militärpfarrer in der Zeitung Das andere Deutschland thematisierte er das „seit Jahrhunderten unchristliche Bündnis der christlichen Kirchen mit dem staatlichen Militarismus“. Die Folge: Die Erzdiözese machte sich bei der Regierung von Oberbayern für eine Versetzung Pikolas stark – zunächst mit Erfolg. Miesbach hatte schließlich eine katholische Volksschule, und – so heißt es in der Schrift „30 Jahre für Miesbach“ – „der liberal und pazifistisch gesinnte Pikola galt im Sinne des Konkordats als moralisch nicht mehr tragbar für eine katholische Bekenntnisschule“. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß verklagte Pikola damals wegen Beleidigung – erfolglos. Der Fall aber machte Pikola in Bayern berühmt und bewog ihn zu kandidieren.

Er setzte sich doppelt durch: Ein Protestbündnis, das eine große Mehrheit der Eltern mobilisiert hatte, stellte sich hinter Pikola. In der Folge wurde unter einem Dach neben der katholischen Bekenntnisschule die christliche Gemeinschaftsschule eingeführt. Pikola war da schon Bürgermeister.

Der 1916 in München geborere Pikola kam nach Lehramtsstudium, Banklehre sowie Kriegsdienst – zeitweise als Sanitätsunteroffizier in Miesbach – 1946 in die Kreisstadt. Sein Beitritt zur NSDAP im Jahr 1935 wurde im Rahmen der Entnazifizierung als unbedeutend eingestuft. Er konnte glaubhaft versichern, dass dies den „schwierigen finanziellen Verhältnissen“ geschuldet gewesen sei. Sonst hätte er keine Chance auf ein Stipendium gehabt. 1947 nahm Pikola seine Arbeit an der Volksschule auf und gründete im selben Jahr die Volkshochschule.

Familie lag ihm sehr am Herzen

Sein offener Umgang mit der NS-Vergangenheit hat die junge Generation beeindruckt. „Er hat nichts verschwiegen“, erinnert sich der langjährige SPD-Kreisvorsitzende Michael Pelzer, „und trotzdem die Hand ausgestreckt. Das war gelebtes Verantwortungsethos.“ Der Zweite Bürgermeister Paul Fertl (SPD) beschreibt Pikola so: „Für uns Junge war er der Star. Er war allen intellektuell meilenweit voraus und dennoch bayerisch verwurzelt.“ Anfeindungen habe er weggesteckt und versucht, das Beste aus einer Sache zu machen.

Dies belegt auch die Erklärung, die das Stadtoberhaupt einst Pelzer gegeben hatte: „Wenn Sie zu 51 Prozent mit einer Partei übereinstimmen, dann gehen Sie dazu, sonst überlassen Sie den Wichtigtuern und Karrieristen das Geschäft. Und die haben das schon einmal in den Dreck gefahren.“ Und weiter: „Wenn Sie aber mit mehr als 75 Prozent mit der Partei übereinstimmen, müssen Sie sich fragen, ob Sie sich anlügen oder ob Ihr Intelligenzquotient heruntergegangen ist.“ Für Pelzer war es gerade diese Ambivalenz, die Pikolas Faszination ausgemacht hat.

Nichte Isolde Pikola-Ascher erinnert sich: Mit seiner leichten Falsettstimme und den dunklen Augen habe er vermittelt: „Hier ist ein besonderer Mensch.“ Die Familie lag ihm sehr am Herzen. Die Geborgenheit, die er daheim lebte, versuchte er auch in der Stadt zu etablieren.

Seine vielleicht größte Leistung beschrieb die damalige Vize-Bürgermeisterin Mathilde Nachbar (SPD) bei Pikolas Trauerfeier: Es sei ihm gelungen, „die vorher so leidenschaftlich vertretenen Gegensätzlichkeiten allmählich zu versachlichen und aus dem kämpferischen Gegeneinander ein versöhnliches Miteinander werden zu lassen“.


Die Ausstellung „30 Jahre für Miesbach“ ist bis 4. Juni in der Stadtbücherei zu sehen – in den Ferien Dienstag und Freitag, 14 bis 18 Uhr, Mttwochs und Donnerstag, 9 bis 13 Uhr, sowie Samstag, 9 bis 12 Uhr. Dort sowie im Waitzinger Keller liegt auch die Broschüre zur Ausstellung aus, auf der dieser Artikel basiert

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