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Bis zum Schluss ein Familienbetrieb: Von 1935 bis 2008 wurde im Brauhaus Auer an der Miesbacher Straße in Hausham Bier hergestellt.

Von neun Brauereien im Landkreis Miesbach, die es nicht mehr gibt

Hier wurde früher überall Bier gebraut

Landkreis - Heute klingt es fast unglaublich: Insgesamt zwölf Brauereien existierten im Laufe der letzten 500 Jahre im Landkreis Miesbach. Doch die meisten ereilte ein dramatisches Schicksal.

Wer heutzutage über die Marktmacht der großen Brauereien jammert, der hätte wohl vor 700 Jahren vor Verzweiflung seinen Maßkrug verschenkt. Oder wäre auf Wein umgestiegen. Abwechslung im Bierglas? Fehlanzeige. Wer ab dem 13. Jahrhundert in einer Schänke Gerstensaft bestellt, bekommt einen Krug Tegernseer vorgesetzt. Ob er will oder nicht. „Das Kloster war damals der weltliche Herr“, erklärt der Tegernseer Kirchenhistoriker Roland Götz. Und hatte damit das Braurecht unter seinen Fittichen. „Deshalb haben sich dort auch keine anderen Brauereien gegründet“, sagt Götz. Dafür schießen gut 150 Jahre nach dem Erlass des Reinheitsgebots 1516 an anderer Stelle im Landkreis die Biertempel wie junger Hopfen aus dem Boden: in Holzkirchen.

Holzkirchen

Ende des 17. Jahrhunderts gleicht der Holzkirchner Marktplatz einem Paradies für Biertrinker. Ganze fünf Brauhäuser buhlen um die Gunst der Gäste. Wer die Marke wechseln wollte, braucht nur drei Mal umfallen. Sowas gibt’s heute allenfalls noch am Oktoberfest. Doch die vermeintliche Auswahl ist trügerisch. Denn was den Geschmack anbelangt, herrscht eher Eintönigkeit. Die Brauereien dürfen zuerst nur das sogenannte Braunbier herstellen, wie der Holzkirchner Archivar Hans Widmann erklärt. „Ein untergäriges, aus hochgedarrten, stark aromatischen Malzen hergestelltes, voll schmeckendes, schwach süßliches und wenig hopfiges Bier.“ Den Trinkern ist’s wurscht, sie freuen sich über die bisher nicht gekannte Vielfalt an Brauhäusern.

Ein schlimmes Feuer vernichtet einen Famlienbetrieb

Das zumindest äußerlich prominenteste Anwesen ist der Hauslbräu. Ein repräsentatives Gebäude, laut Widmann damals sogar das größte im ganzen Ort. Seit 1672 ist es im Besitz von Balthasar („Hausl“) Kirchmayr, dem Gründer der Brauerei. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit dem Hausl. 1861 bricht ein Großbrand aus, elf Jahre später gehen Brauerei, Lagerkeller, sowie Gast- und Landwirtschaft an die Münchner Hypotheken- und Wechselbank über.

Auch auf den Dachstuhl des benachbarten Postbräu greifen die Flammen über. Und auch hier ist ein „Hausl“ Chef. 1674 erwirbt der „Caupo et Chirurgus“ (Wirt und Wundarzt) Balthasar Mayr das Gebäude. 1925 gründet sich hier die Brauereigenossenschaft – und der Ausstoß steigt rapide an. Sind es 1929 schon beachtliche 16 800 Hektoliter, fließen ein Jahr später sogar 22 600 Hektoliter in die Fässer.

Nur für die wenigsten historischen Brauereien lassen sich diese Daten noch rekonstruieren. Vom 1600 gebauten und 1675 von „Cervesiarius“ (Bierbrauer) Wilhelm Lechner übernommenen Oberbräu hat Archivar Widmann dagegen noch eine Bestellliste ausgegraben. 265 Schäffel Malz werden 1702 an 17 Brautagen zu 53 Sud Bier verarbeitet. 1896 errichtet Baumeister Karl Stöhr den Oberbräu im Stile der Münchner Bierpalast- und Brauereiarchitektur – inklusive Festsaal. Heute gehört das Brauhaus im Gewerbegebiet der König Ludwig Brauerei, den Festsaal des alten Brauhauses nutzt das Kultur im Oberbräu.

Nichts mehr zu sehen ist dagegen vom Anderl- beziehungsweise Unterbräu. 1662 kauft Jakob Praitenaicher das Gebäude am Marktplatz. Ein Brand im Fassstadel beschädigt 1841 den Unterbräu und fünf weitere Häuser so schwer, dass er fortan nur noch als Schankstätte für den Hauslbräu dient. 1862 sichert sich die Gemeinde das Grundstück und richtet dort ein Schulhaus ein.

Im größten steinernen Gebäude von Holzkirchen, dem sogenannten Pau, befindet sich der Klosterbräu. Laut den Aufzeichnungen von Dekan Imminger überträgt das Kloster Tegernsee auf Anraten des Kellermeisters Josef Menter 1690 das Braurecht nach Holzkirchen.

Knapp 200 Jahre nach dem Brauerei-Boom am Marktplatz bekommt Holzkirchen eine eigene Weißbierbrauerei. 1867 baut Johann Maier das Brauhaus an der Münchner Straße, das Max Socher nach dem Krieg weiterführt. Ihren 100. Geburtstag erlebt die Firma aber nicht mehr. 1962 zieht dort eine Filiale der Supermarktkette Coop ein.

Valley

Unbeeindruckt von der Goldgräber-Stimmung unter den Holzkirchner Brauereien wächst im benachbarten Valley eine traditionsreiche Braustätte heran: die Graf Arco Brauerei. Am 9. September 1630 erhält die Hofmark von Kurfürst Maximilian I. von Bayern das Braurecht. Der Name Graf Arco taucht erst 1821 auf. Da erbt der 25-jährige Max Graf von Arco von seinem Onkel, Heinrich Graf von Tattenbach, das Schloss Valley mit Gut und Brauerei. Das vorläufige Ende folgt mit dem Tod von Otto Graf von Arco. Am 1. Juli 1994 wird die Braustätte, in der zuvor jedes Jahr 12 000 Hektoliter Bier sowie Limonaden und andere alkoholfreie Getränke hergestellt wurden, stillgelegt. Doch bereits Ende dieses Jahres könnte sie wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen. Hier will Chef Max-Georg Graf von Arco auf Valley eine Erlebnisbrauerei einrichten.

Weyarn

Ein Opfer der Säkularisation ist die Klosterbrauerei Weyarn. Propst Valentin Steyrer braut hier 1635 das erste Braunbier, wie der Weyarner Historiker Jan Marbach berichtet. Laut einer Aufstellung aus dem 18. Jahrhundert produziert die Brauerei pro Jahr 1400 Eimer Bier, also rund 8400 Liter. 5400 Liter verbleiben im Kloster, der Rest wird verkauft. 1803 erwirbt Landschaftskanzler von Mayerhofer die Brauerei und verlegt sie schließlich nach Marquartstein.

Miesbach

Was das Kloster für das Tegernseer Tal ist, sind die Maxlrainer für Miesbach. „Alle Bürger mussten ihr Bier von ihnen beziehen“, erklärt der Miesbacher Historiker Alexander Langheiter. Gegründet wird die Schlossbrauerei Wallenburg spätestens im 16. Jahrhundert. Das folgert Langheiter aus dem Hinweis, dass 1586 ein neues Brauhaus errichtet wird. Nach dem Aussterben der Maxlrainer der Grafschaft Hohenwaldeck steht die Brauerei zunächst unter Zwangsverwaltung. „Die Maxlrainer haben einen riesigen Schuldenberg hinterlassen“, sagt Langheiter. Um das schwere Erbe nicht antreten zu müssen, gründet der bayerische Staat 1740 das neue, kurfürstliche Brauhaus – der spätere Waitzinger Bräu.

Das Schloss Wallenburg befindet sich hingegen ab dem 19. Jahrhundert wieder in Privatbesitz und wird dank seinem Biergarten zu einem beliebten Ausflugsziel. Ab 1902 müssen die Miesbacher aber darauf verzichten. Besitzer Carl Fohr fusioniert die Schlossbrauerei mit dem Waitzinger, bei dem er gleichzeitig Direktor ist. Zumindest im Namen taucht Wallenburg noch fünf Jahre lang auf: „Carl Fohr’sche Brauereien Miesbach und Wallenburg“ heißt das neue Unternehmen. Bis heute erhalten sind das große Brauhaus und ein Gedenkstein für den Bau des Sommerbierkellers 1604.

Einen anderen Braukeller frequentieren die Miesbacher bis heute rege. Allerdings nicht zum Bier-, sondern zum Kulturgenuss. Am 20. Mai 1877 eröffnet die Brauerei Waitzinger, die Augustin Waitzinger 1811 vom Freistaat gekauft hat, das Bierlager mit den vier Tonnengewölben, in denen heute das Kulturzentrum untergebracht ist. Einen weiteren Aufschwung erlebt der Waitzinger Bräu unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden Fohr. 1906 lässt dieser den Saal mit Jugendstilfenstern auf dem Bierkeller errichten, bis 1917 kauft er insgesamt vier Brauereien in Landsberg am Lech. Genau 60 Jahre später wird der Waitzinger jedoch selbst geschluckt – mit drastischen Folgen. Drei Monate nach dem Beschluss der Eingliederung in die Paulaner-Salvator-Thomasbräu AG München wird im Juli 1977 das letzte Bier gebraut.

Die Weißbierbrauerei Hopf, die wir uns jüngst von innen angesehen haben, hat dagegen bis heute durchgehalten. Ab 1892 stellt August Karl am Unteren Markt Bier her. Er verkauft sein Unternehmen 1921 an Josef Hopf. Der verlagert Teile der Brauerei vom Marienplatz an die Schützenstraße, dem jetzigen Produktionsstandort. 2006 übernimmt Hacker Pschorr das Unternehmen und führt es bis heute unter dem Namen Hopf weiter.

Hausham

Bis zum Schluss ein Familienbetrieb bleibt das Haushamer Brauhaus Auer. 1935 baut Peter Auer die alte Apotheke an der Miesbacher Straße in eine Brauerei um. In Eigenleistung schaufelt er den Keller aus, erzählt sein Enkel Peter Auer jun.: „Er hat sich durch das Bergwerk viel Kundschaft versprochen.“ Neben Hellem braut Auer Märzen und Gambrinus-Bock. 1985 übernimmt Auers Vater das Brauhaus und erweitert das Sortiment mit Weißbier und Limonade. 1500 Hektoliter schenkt Auer in seiner Wirtschaft aus. Einen Teil davon liefert er mit seinem Ford Transit bis nach Wörnsmühl und zu den Wieser Bauern. Quasi nebenbei baut er das Turm- in ein Zwei-Geräte-Sudhaus um.

Sein Sohn, der die Brauerei 1998 übernahm, will später einen weiteren Kessel dazukaufen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Eine Hochzinsphase macht Auers Investitionspläne zunichte. Als er schließlich auch keinen Pächter für die Gaststätte findet, muss er sein Brauhaus 2008 schweren Herzens zusperren. „Dabei ist es so gut gelaufen“, sagt Auer, der mittlerweile beim Mühlfelder Brauhaus in Herrsching arbeitet. „Wir hatten sogar Bügelflaschen im Angebot.“

Doch Auer ist mit seinem Schicksal nicht allein. Bis auf das Herzogliche Brauhaus Tegernsee, die Miesbacher Weißbierbrauerei Hopf, das Holzkirchner Oberbräu und die Graf Arco Brauerei – wenn auch an anderem Standort – hat keine der hier vorgestellten historischen Brauereien bis heute überlebt. Ohne fremde Übernahme ist sogar nur das Tegernseer Brauhaus geblieben. Sicherlich auch deshalb, weil es jahrhundertelang keine Konkurrenz fürchten musste.

Die Überlebenden - und die Newcomer

Aber immerhin, inzwischen gibt es wieder fünf Brauereien im Landkreis Miesbach, wie unser großer Überblick zeigt. Und zwischenzeitlich bringen die auch wieder ganz schön vielfältige Geschmäcker zusammen.

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