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Kein Durchkommen mehr: Der Schlierachweg in Miesbach ist vom Tölzer Berg her ab sofort für Autos gesperrt. Die Betonblöcke im Hintergrund stammten nicht von der Stadt und wurden bereits wieder entfernt.

Gut für die Anwohner, schlecht für Senioren

Brücken-Chaos: Stadt sperrt Schlierachweg

Miesbach - Während der Brückensperrung in Miesbach sind viele Autofahrer verbotenerweise auf den Schlierachweg ausgewichen. Ein Anwohner hat deshalb sogar Betonblöcke aufgestellt. Jetzt greift die Stadt durch. 

Wenn Magdalena Mayr (85) einkaufen geht, wird’s teuer. Nicht an der Supermarktkasse, sondern an der Autotür. 10,40 Euro wird die Rentnerin bei ihren Taxifahrten von der Miesbacher Nettofiliale an der Wallenburger Straße bis zu ihrer Wohnung an der Von Vollmar-Straße los. Den Hinweg geht sie zu Fuß. Bus fährt wegen der Sperrung der Johannisbrücke derzeit keiner. Wenn’s regnet, ist Mayr gleich zwei Mal auf das Taxi angewiesen. „Dann zahle ich doppelt“, sagt sie. 22 Euro für eine Einkaufstour oder einen Arztbesuch. Mit Mayrs geringer Rente auf Dauer nicht bezahlbar.

Auch vor der Brückensperrung hat sich die 85-Jährige ab und zu ein Taxi bestellt. Zum Beispiel, wenn ihr Rucksack nach dem Einkaufen prall gefüllt war. Die Rentnerin ist nicht mehr so gut zu Fuß und auf ihre beiden Stöcke angewiesen. Trotzdem kostete sie die Heimfahrt nur 5,40 Euro. „Jetzt muss das Taxi halt die Umleitung fahren“, erklärt Mayr. Viereinhalb statt eineinhalb Kilometer und eine fast dreimal so lange Fahrzeit – das macht sich auf der Rechnung bemerkbar.

Doch nicht alle Taxifahrer scheinen sich an die offizielle Umleitung zu halten. Diese Erfahrung haben die Anwohner am Schlierachweg gemacht. Ihre Anliegerstraße ist durch die Brückensperrung zu einer beliebten und vor allem verlockend kurzen Umfahrung der Baustelle geworden. „Es fällt auf, dass stetig Autos durchfahren“, sagt Verena Assum. Gerade Taxis hat die Miesbacher CSU-Stadträtin regelmäßig beobachtet.

Eine nicht ganz ungefährliche Entwicklung, meint sie. Im Sommer seien viele Radfahrer oder Spaziergänger mit Kinderwagen auf dem Schlierachweg unterwegs. „Die können nicht auf den sehr schmalen Gehweg ausweichen“, sagt Assum. Zumindest seien die meisten Autos aber relativ langsam durchgefahren. Dafür komme es ab und an zu kleinen Staus. Zum Beispiel, wenn Anwohner etwas ausladen oder rangieren würden.

Im Rathaus sind die Probleme bekannt. „Die Autofahrer haben die Verbotsschilder ignoriert“, berichtet Franz Braun, der die Baustelle für die Stadt betreut. Bürgermeisterin Ingrid Pongratz ärgert sich über diese „Respektlosigkeit“. Gemeinsam mit den Anwohnern – der Schlierachweg ist zu knapp 60 Prozent Privatgrund – hat sie nun eine Lösung in Form einer verkehrsrechtlichen Anordnung erarbeitet.

Seit Mittwoch versperrt ein rot-weißer Plastikzaun Autofahrern die Zufahrt vom Tölzer Berg her. Die beiden massiven Betonblöcke dahinter stammten nicht von der Stadt. Ein Anwohner hat sie wohl in seiner Verzweiflung widerrechtlich dort abgestellt. „Die wurden bereits wieder entfernt“, sagt Pongratz. Andernfalls hätten auch Rettungsfahrzeuge den Schlierachweg nicht mehr befahren können.

Ob die Plastikvariante alleine reicht, wird sich herausstellen. Braun jedenfalls traut den Autofahrern fast alles zu. „Die Absperrung wurde bereits mehrmals einfach beiseite geräumt“, sagt er und schüttelt fassungslos den Kopf. Damit das künftig nicht mehr passiert, hat die Stadt die Polizei um verstärkte Kontrollen gebeten. Wer erwischt wird, wie er sich an der Sperre zu schaffen macht, riskiert eine saftige Strafe.

Das bedeutet aber, dass auch die Anwohner nur noch über die Umleitungsstrecke Richtung Friedhof, Seniorenzentrum und Co. fahren können. „Das nehmen sie aber in Kauf“, sagt Pongratz. Den aufs Taxi angewiesenen Senioren in Bereich Frauenschul- und Von Vollmar-Straße bleibt gar nichts anderes übrig. Das tue ihr auch leid, sagt die Bürgermeisterin. Eine andere Lösung sieht sie aber nicht. „Wenn wir den Schlierachweg für Taxis freigeben, fährt wieder jeder durch“, sagt sie. Rund um die Uhr kontrollieren könnten weder die Polizei, noch die kommunale Verkehrsüberwachung. Pongratz empfiehlt den Betroffenen, sich zu Taxi-Fahrgemeinschaften zusammenzuschließen.

Das haben Mayr und ihre Nachbarn bereits getan. „Es geht aber eben nicht immer“, sagt die 85-Jährige. Sie hofft auf eine andere Lösung – vor allem im Hinblick auf die mehrmonatige Brückensperrung im kommenden Frühjahr. Vielleicht könne man ja Kameras aufstellen und Verkehrssünder im Schlierachweg so zur Kasse bitten. „Wenn es an den Geldbeutel geht, werden die meisten doch vernünftig.“

Die offizielle Umleitung zeigt unsere Karte.

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