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Die Deutschen gehen zu oft unnötigerweise zum Arzt, sagt Ingo Kailuweit (r., Vorstand der Kaufmännischen Krankenkasse). Der Gmunder Allgemeinmediziner Thomas Straßmüller (l.) widerspricht vehement. 

Interview mit Hausarzt: "Aussage ziemlich populistisch"

Die Deutschen gehen zu oft zum Arzt? Mediziner widerspricht

Landkreis - Es gebe nicht zu viele Ärzte sondern zu viele unnötige Arztbesuche hat ein hochrangiger Krankenkassenvertreter gesagt. Eine ziemlich populistische Aussage, findet Dr. Straßmüller.

Ingo Kailuweit, Vorstand der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), meint, dass die Deutschen viel zu oft zum Arzt gehen. Er sagte unlängst, dass die Hälfte aller Arztkontakte überflüssig sei. Es gebe nicht zu wenig Ärzte, sondern zu viele Arztbesuche. Dr. Thomas Straßmüller ist Allgemeinmediziner und betreibt eine Praxis in Gmund. Im Interview erklärt der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands, warum die Aussage in seinen Augen reiner Populismus ist und wie es um die Versorgungsstruktur im Landkreis steht.

Herr Dr. Straßmüller, ist tatsächlich die Hälfte aller Arztbesuche unnötig?

Straßmüller: Das Thema beschäftigt uns bereits seit den 1970er-Jahren. Wir Ärzte haben jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt kein Interesse daran, dass der Patient öfter in die Praxis geht als nötig. Da die Zeiten der Einzelvergütung von ärztlichen Leistungen im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen vorbei ist, dürfte für die Kassen die Reduktion der Patientenkontakte kein großes Einsparpotenzial bieten.

Sie sind also anderer Auffassung als Kailuweit?

Straßmüller: Absolut. Ich würde mich gegen diese Aussage wehren, auch als Versicherter. Ich sehe es nicht so, dass die Menschen zu oft zum Arzt gehen. Es ist auch sehr subjektiv, ob ein Besuch nötig ist oder nicht. Es gibt beispielsweise auch Leute, die dringend zum Arzt gehen sollten, es aber nicht tun. So eine Aussage ist also ziemlich populistisch, wird aber gerne mal getätigt, wenn ein Ärztetag ansteht (Der bayerische Ärztetag findet von 21. bis 23. Oktober in Schweinfurt statt – Anm. der Red.).

Es gibt ganz unterschiedliche Statistiken zur Anzahl der Arztbesuche in Deutschland. Das Robert-Koch-Institut spricht von durchschnittlich 9,2 pro Jahr, die Barmer gar von 18. Wie viele sind es nun?

Straßmüller: Es ist immer die Frage, was man eigentlich als Arztbesuch wertet. In manchen Statistiken taucht jedes einzelne Rezept auf, das in der Praxis abgeholt wird. Ich halte es für überaus schwierig, eine wirklich belastbare Statistik zu erstellen.

Wie ist es denn Ihrer Meinung nach um die Versorgung im Landkreis bestellt?

Straßmüller: Nach den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ist die Versorgungsstruktur über alle Fachgruppen hinweg gut. Es herrscht nach den Berechnungen der KV teilweise sogar eine Überversorgung, die meiner Meinung nach aber durch die Altersstruktur der Bevölkerung relativiert werden muss. Hinzu kommt auch unser Sonderstatus als Urlaubsregion. Der Landkreis ist unterm Strich also gut versorgt, allerdings nicht in jeder Ortschaft. Orte wie zum Beispiel Bayrischzell oder Fischbachau wären sicherlich froh, wenn sich dort mehr Ärzte niederlassen würden. Insofern gibt es in manchen Ecken drohende Versorgungsengpässe. Eine akute Unterversorgung herrscht aktuell aber nirgendwo im Landkreis Miesbach.

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