+
Gewalt daheim: Im Landkreis Miesbach wurden im vergangenen Jahr 72 Fälle häuslicher Gewalt gemeldet. Erfahrungsgemäß gibt es jedoch eine hohe Dunkelziffer.

Wenn Zuhause Angst bedeutet

Schockierender Bericht: 72 Fälle von häuslicher Gewalt im Landkreis

Landkreis - Wenn Papa Mama schlägt, leiden nicht nur die Frauen, sondern auch ihre Kinder. 72 Fälle wurden im Landkreis 2015 dokumentiert. Und die Dunkelziffer ist hoch.

Zu viert waren sie in den Kreistag gekommen. Andreas Untergruber, Leiter der Außenstelle des Weissen Rings, Manfred Jahn, Chef der Erziehungsberatungsstelle in Miesbach und Sprecher des Forums häusliche Gewalt, Gudrun Gallin vom Frauennotruf Rosenheim und Katharina Spöttl, beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd zuständig für den Opferschutz. Sie alle eint die Aufgabe, Menschen beizustehen, die in der Familie Gewalt erleben. In 80 Prozent der Fälle sind die Täter Männer. Die Frauen: verzweifelt, verängstigt, hilflos, oft auch mittellos. „Manche wissen nicht, wie sie mit ihrem Kind die nächste Woche überstehen sollen“, erklärte Untergruber. 

Der Weisse Ring versuche zu helfen, zu beraten und vorzubeugen. „Wir begleiten die Opfer auch zur Polizei“, berichtete Untergruber. Die Organisation kümmere sich um die traumatologische Erstberatung, übernehme teils auch Anwaltskosten. Nicht immer wird geschlagen. Gewalt kann auch psychisch sein. Und oft beginnt der Terror nach der Trennung erst richtig. Jahn vom Forum für häusliche Gewalt berichtete von Stalking. Fälle, in denen der Ex-Partner den Frauen nachstellt, ihnen auflauert, sie beleidigt, unablässig Handy-Nachrichten schreibt. Und wie auch immer die Gewalt geartet ist: „Die Auswirkungen auf die Kinder sind massiv“, schilderte Jahn. Dabei glaubten die Beteiligten oft, ihre Kinder hätten Streit und Gewalt gar nicht wahrgenommen. „Aber die Kinder kriegen es mit, wenn Mama Angst hat, weil der Papa wiederkommt“, machte Jahn klar. 

Mit schlimmen Folgen. Die Kinder entwickeln massive Ängste, haben oft Schuldgefühle, verlieren ihr Selbstwertgefühl. Sehr viele von ihnen werden als Erwachsene selbst ein Problem haben, liebevolle Beziehungen zu entwickeln. Dem Forum sei es wichtig, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für dieses Thema zu entwickeln. Es gelte, Abläufe zu optimieren und Prävention zu leisten. Die Opfer selbst machen aus ihrer Not meist ein Geheimnis. Aus Scham. 

So ist meist die Polizei, nach lautstarken Auseinandersetzungen gerufen, der erste Ansprechpartner. Die Beamten wiederum verweisen die Frauen und Mädchen an das Notrufteam in Rosenheim – wenn die Opfer damit einverstanden sind und eine schriftliche Einwilligung geben. Ist dies der Fall, schickt die Polizei ein Fax an den Frauen-und Mädchennotruf. „Wir nehmen dann innerhalb von drei Werktagen Kontakt auf“, erklärte Leiterin Gallin. Seit vergangenen November haben das Team 16 Faxe dieser Art erreicht. Aus eigenen Stücken, sagt Gallin, hätten die Frauen den Kontakt sicher nicht gesucht.

Dem jetzt finanzierten Konzept entsprechend sind pro Fall vier Beratungsgespräche vorgesehen. „Dabei versuchen wir, Wegweiser zu sein“, meinte Gallin. Oft geht es darum, die eheliche Wohnung einem der Partner, meist der Frau, zuweisen zu lassen. Bisweilen wird auch ein Umzug ins Frauenhaus organisiert. Mit vier Beratungen sei es allerdings leider oft nicht getan, merkte Gallin an. Und was den Umzug in ein Frauenhaus angeht: Im Landkreis Miesbach gibt es keines. „Ein weißer Fleck“, monierte Kreisrätin Irmi Ammer (SPD). Leider seien nur in den Nachbarlandkreisen Bad Tölz/Wolfratshausen und Rosenheim Einrichtungen vorhaben. Und die seien so stark nachgefragt, dass sich Wartezeiten ergäben. 

Ein Punkt, den Spöttl als Beauftragte des Polizeipräsidiums Oberbayern bestätigte. „Dabei geht es oft darum, Frauen zu verstecken“, erklärte sie. Weil die Frauenhäuser fast ständig belegt seien, könne sie dort nur selten jemanden unterbringen. Dies wiederum liege an der Wohnungsnot. Für Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht gefunden haben, sei es fast unmöglich, wieder eine eigene Wohnung zu finden. Mit der Folge, dass es für Notfälle keine Plätze gibt. Ein unhaltbarer Zustand, wie Spöttl findet: „Ich habe deshalb schon ans Ministerium geschrieben.“

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Schokoladen-Set zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Schokoladen-Set zum Selbermachen
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen
<center>Rehbockgehörn mit Strass</center>

Rehbockgehörn mit Strass

Rehbockgehörn mit Strass
<center>Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75</center>

Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75

Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75

Meistgelesene Artikel

Diese Menschen aus dem Landkreis sind das Rückgrat der Gesellschaft

Landkreis - Heute ist Internationaler Tag des Ehrenamts. Für elf Landkreisbürger gab es für ihr Engagement nun die höchstmögliche Auszeichnung.
Diese Menschen aus dem Landkreis sind das Rückgrat der Gesellschaft

Ex-Wirtesprecher aus dem Landkreis Miesbach muss ins Gefängnis

Miesbach/Rosenheim - Der ehemalige Wirtesprecher schuldet dem Staat 1,06 Millionen Euro. Wegen Steuerhinterziehung wurde er verurteilt - jetzt legt der 45-Jährige …
Ex-Wirtesprecher aus dem Landkreis Miesbach muss ins Gefängnis

Einbrecher räumt Haus in Neureuthstraße aus

Miesbach - Es war Samstagabend und das junge Paar nicht zu Hause. Das nutzte ein Einbrecher, der die Terrassentür aufbrach - und das Haus in der Neureuthstraße ausräumte.
Einbrecher räumt Haus in Neureuthstraße aus

Warum es auch mit 16 Spaß macht, an einem uralten Traktor zu schrauben

Miesbach – Während viele seiner Altersgenossen nur an der Playstation mit Motoren in Kontakt kommen, greift Frederik Hilbich lieber selbst zum Schraubschlüssel. Im …
Warum es auch mit 16 Spaß macht, an einem uralten Traktor zu schrauben

Kommentare