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Drin in seinem Element: Peter Ertl beim Motorsägen in Miesbach. Momentan arbeitet der 50-Jährige an einer Schlittenfahrer-Skulptur für einen neuen Themenweg am Spitzingsee.

"Ich habe gelernt, wieder aufzustehen und für das Leben zu kämpfen"

Miesbacher Motorsägenkünstler Peter Ertl im Porträt

Miesbach - Die Holzskulpturen von Peter Ertl (50) sind mittlerweile bis weit über die Region hinaus gefragt. Doch der Miesbacher ist nicht nur ein Motorsägen-, sondern auch ein Lebenskünstler.

Ein bunter Vogel ist er schon, der Peter Ertl aus Miesbach. Besser bekannt als Petzi, wie ihn Freunde und Bekannte rufen – da legt er Wert drauf. „Den Namen gab mir meine Schwester, als ich vier Jahre alt war“, erklärt Ertl. In Anlehnung an den Bären aus der dänischen Kinderbuchreihe, wegen Ertls Lockenschopf. Auch heute trägt der 50-Jährige, der gerne die Lederhose mit einem psychedelischen T-Shirt kombiniert, die blonden Haare mit ein paar grauen Strähnen lang. Sie spitzen unter einer farbenfrohen Häkelmütze hervor.

Sein Jugendelixier scheint Ertl aus seiner künstlerischen Nebenarbeit zu schöpfen. Seit 2014 schwingt er leidenschaftlich die Motorsäge und ratterte bereits mehr als 50 Kunstwerke aus Baumstämmen heraus. Möbel wie Tische, Stühle und Bänke, oder kleinere Accessoires, Schalen und Aschenbecher. Und große Objekte, die mittlerweile im Landkreis und weit darüber hinaus zu bewundern sind: Im ägyptischen El Gouna an der Mangroovy Beach schwebt ein Kitesurfer an der Decke einer Surfschule, in Frankfurt brüllt irgendwo ein bayerischer Löwe, während neben der Esso-Tankstelle in Miesbach ein Tiger döst. Beim Fischerei-Bistro am Tegernsee dümpelt ein Hecht, und am Wiesseer Yachtclub steht ein frisch gesägtes Seepferdchen vorm gleichnamigen Restaurant. Viele andere Werke stehen bei Privatkunden in Haus oder Garten. Schildkröten, Eulen, Katzen, Elefanten, Tiki-Totems, Gitarrenständer, Jesusfiguren am Kreuz, Kerzenlaternen, Fotokameras oder skurrile Totenköpfe: Es scheint nichts zu geben, was Ertl nicht sägen kann, wenn er Zeit dafür hat.

Hauptberuflich ist Ertl Ski- und Snowboardlehrer am Spitzingsee, im Sommer brutzelt er als Grillmeister Steaks im Strandbad Schliersee oder bringt Urlaubern in Ägypten Wassersportarten wie das Kiten bei. „Wenn ich neben meinen Jobs an den Holzskulpturen arbeite, dann immer vormittags“, erklärt er. „Und höchstens drei Stunden am Tag, danach bin ich fertig.“ Weil es einfach eine schweißtreibende Arbeit sei, sagt er. Dabei schwingt er seine 4,5 Kilo schwere Stihl-Benzin-Motorsäge MS 192 durch die Luft und demonstriert ein paar Schnitttechniken in seiner rund 15 Quadratmeter großen Schupf in Miesbach, in der seine Holzkreationen das Licht der Welt erblicken.

Peter Ertls Kunstwerke stehen an vielen Orten, vor allem, aber nicht nur im Landkreis – etwa das Seepferdchen in Bad Wiessee (im Bild Ertl, r., mit Gastronom Dominik Krauß).

Im Regal liegen noch zwei weitere Maschinen, die elektrische MS 190 sowie die 6,5 Kilo schwere MS 261. „Die hat schon ordentlich Bums“ und eigne sich für gröbere Arbeiten, sagt er und streicht dabei mit der Hand über einen Baumstamm vor ihm. „Bei meinen Skulpturen achte ich immer darauf, dass die Rinde noch irgendwo dran bleibt.“ Damit der Kunde erkenne, das war einmal ein Baum – „ich bin ja nicht Ikea“. Ertl bückt sich zu einem runden Couchtisch hinab und deutet auf die verwaschene Maserung an der Oberseite, die durch Witterung, Blitzschlag und Pilze entstand. „Dort fehlt noch der letzte Schliff“, sagt er. Die Oberfläche wird noch mit Wachs versiegelt, damit der Kunde sie später selbst mit einfachem Salatöl pflegen kann. „Die Möbelpolituren aus den Heimwerkerläden funktionieren nicht so gut“, erklärt Ertl. „Sie sind aggressiv, greifen das Holz an und hinterlassen Flecken.“

Doch bevor es einmal so weit ist, brauchen seine hölzernen Kreationen einige Zeit, um sich aus den runden Baumstämmen herauszuschälen. Für das Seepferdchen beispielsweise gingen über 50 Stunden mit Sägen, Schleifen und Streichen drauf, bis es nach vier Wochen fertiggestellt war. Dann wird Ertl philosophisch und offenbart seine Künstler-Seele: Wasser sei eines der fünf chinesischen Elemente neben Erde, Feuer, Luft sowie Metall, beruhend auf der buddhistischen Glaubenslehre. Ein ewiger Kreislauf, der sich in Ertls Lebensarbeit zu schließen scheint. „Künstler bin ich schon mein ganzes Leben.“

Sein Abitur absolvierte er mit Leistungskurs Kunst am Gymnasium Miesbach. Danach hätte ihn eigentlich das Fernweh nach Südafrika gelockt, um dort als Surflehrer zu arbeiten. Stattdessen begann er 1987 eine Lehre als Lackierer in Taufkirchen. Bereits nach eineinhalb Jahren hielt er seinen Gesellenbrief in Händen, wurde sogar Innungssieger. In den 1990er-Jahren folgte eine kreative Malphase, da sprühte er erotische Airbrush-Bilder, inspiriert von Salvador Dalí und Hans Rudolf Giger. Einige davon verkaufte er. 2002 wurde Ertl Lackierermeister.

Eine rosige Zukunft schien ihm bevorzustehen, doch das Schicksal traf den Miesbacher erst mal hart. Eine gescheiterte Beziehung, aus der sein Sohn (13) hervorgegangen war, gefolgt vom Rosenkrieg, trieb ihn in den Alkoholabsturz. Kurz darauf verletzte sich Ertl schwer bei einem Surfunfall im Sommer 2004 in Italien. Seine Lunge wurde stark beschädigt. Die Ärzte vermuteten erst eine Wirbelsäulenverletzung und erkannten die rettende Diagnose fast zu spät. Es folgten Operation und Therapie mit Schmerzmitteln. Durch einen Entzug schaffte es Ertl zurück ins Leben. Heute sei er clean. „Ich habe gelernt, wieder aufzustehen und für das Leben zu kämpfen“, sagt er. Ähnlich dem Geist der Surfer, eine Mentalität, die Ertl zu seinem Lebensmotto machte: „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige tun.“ Heute surft Ertl wieder oben auf der Lebenswelle. „Ich bin wieder in der Gesellschaft aufgenommen worden.“

Neue Projekte bestätigen seinen Aufstieg zum anerkannten Künstler: Zurzeit entwickelt Ertl Projekte für eine Schule in Taufkirchen, die einen kompletten Vier-Meter-Baum mit Ästen bis zur Decke in der Aula aufstellen möchte, sowie einen geplanten Themenweg vom Spitzingsattel zur Oberen Firstalm hoch. „Geschichte- und Legendenpfad“, lautet der Arbeitstitel. Dafür soll er rund zehn Holzskulpturen erschaffen. Die Erste wartet bereits bei ihm vor der Schupf: ein 1,60 Meter hoher Lindenstamm. Daraus wird ein Schlittenfahrer geformt, der sich mit einer Hand an den Kufen festklammert, mit der anderen den Hut hält. Plötzlich leuchten Ertls Augen auf, er springt um den Rundling herum, zückt die Kreide, zieht rosa Striche kreuz und quer übers Holz. „Hier entsteht der Schädel, dort kann ich sein Knie herausarbeiten.“ Der Kettensägen-Künstler ist in seinem Element.

Seine Inspirationen kommen ganz intuitiv. Oft habe er eine Idee, und Monate später ereile ihn dafür dann der Auftrag. Es ist wie mit dem Holz für seine Arbeiten, dass er oft zufällig herumliegen sieht, die jeweiligen Förster oder Landwirte dann anfragt, die ihm die schwer transportierbaren Holzstücke bis vor die Tür liefern. Da fällt Ertl ein Birkenstamm ins Auge, der in seiner Einfahrt am Haus lehnt. „Ich könnte mir daraus gut eine nackte Frau mit Dreadlocks vorstellen, beispielsweise für einen Saunabereich.“ Einen Abnehmer dafür habe er noch nicht. Aber wer weiß, vielleicht meldet sich auch dafür plötzlich jemand, wie schon so oft. Bei Petzi, dem Bären, gab’s am Ende ja auch immer ein Happy End.

Von Daniel Wegscheider

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