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Ruben Gazarian leitet das Georgische Kammerorchester, das am Mittwoch das Internationale Musikfest Kreuth eröffnet.

Dirigent Ruben Gazarian im Interview über Heimat, Emigration und Exil

„Klassische Musik ist überall zu Hause“

Kreuth/Miesbach – Für das Internationale Musikfest Kreuth ist das Exil in mehreren Konzertsälen im Landkreis heuer eine ganz neue Erfahrung. Das Georgische Kammerorchester Ingolstadt kennt sich damit besser aus. Das Ensemble, das dem hochkarätigen Klassik-Festival schon lange verbunden ist, eröffnet das Musikfest heuer. Wir sprachen mit seinem Leiter Ruben Gazarian über Heimat, Emigration und natürlich auch Musik.

Wenn sich am Mittwoch, 13. Juli, im Waitzinger Keller in Miesbach der Vorhang für das 27. Musikfest Kreuth hebt, dann mit dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt unter der Leitung von Ruben Gazarian. Das Ensemble ist dem Musikfest seit Jahrzehnten verbunden und begleitet es nun auch, wenn es wegen der Renovierung in Wildbad Kreuth interimsmäßig ins „Konzertstätten-Asyl“ geht. Das Kammerorchester selbst emigrierte einst aus Georgien. Ein Gespräch mit Leiter Gazarian über Musik, Heimat und Emigration.

Das Georgische Kammerorchester Ingolstadt gestaltete schon öfter das Eröffnungskonzert des Musikfests Kreuth: 2009, 2013 und auch heuer, wenn es heißt „Zu Gast bei Freunden“. Was verbindet Sie mit Kreuth

Ruben Gazarian: "Ich selbst komme das erste Mal nach Kreuth, weil ich das Orchester erst seit anderthalb Jahren leite. Aber ich weiß, dass das Orchester beim Kreuther Musikfest sehr beliebt und beim Publikum populär ist. Wenn man so oft miteinander musikalische Reisen unternimmt, dann entstehen Sympathien und freundschaftliche Verbindungen. Ich nehme also an, dass sich beide Seiten auf ein Wiedersehen freuen."

Sie bieten diesmal einerseits regelrechte Klassiker, die jeder im Ohr hat, wie Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur, das man spätestens seit dem Film „Out of Africa“ kennt. Auch Wagners Siegfried-Idyll ist vielen zumindest motivisch gegenwärtig. Andererseits gibt es Janá(c)eks Suite für Streicher und die weniger bekannte Ouvertüre der Mozart-Oper „La Finta Giardiniera“. Allesamt recht emotional-anrührende, seelenvolle, romantische Stücke, die sehr gut zur Stimmung zwischen den Bergen auf dem Kreuther Hochplateau passen würden. Ist das der Versuch, die sprichwörtliche Magie Kreuths atmosphärisch zu bewahren? 

Gazarian: "Bis auf die Ouvertüre, die prickelnd und frisch ist, sind das tatsächlich alles recht bewegende musikalische Stimmungsbilder. Da das Konzertprogramm in engster Abstimmung mit dem Veranstalter erstellt wurde, ist der Bezug mit Sicherheit bewusst gewählt. Es gab viele Konstellationen, die wir durchgesprochen haben. Und so wie es jetzt ist, ist es eine farben- und facettenreiche musikalische Reise durch verschiedene Epochen und Musikstile. Das wird auf jeden Fall ein erlebnisreicher Abend mit hoffentlich tiefen Einsichten für unser Publikum."

Das Georgische Orchester Ingolstadt wurde 1964 als Georgisches Staatsorchester in Tiflis gegründet. 1989 emigrierte das Orchester geschlossen nach Ingolstadt. In der Regel sind es doch persönliche, individuelle Gründe, die Menschen veranlassen, ihr Land zu verlassen. Was waren die Gründe für ein ganzes Ensemble, seinem Land geschlossen den Rücken zu kehren? Und haben Sie hier gefunden, was Sie suchten?

Gazarian: "Ich kenne die Musiker ja erst seit zwei Jahren, hoffe aber sehr, dass sie hier tatsächlich gefunden haben, was sie suchten. Es gibt ja, wie man weiß, zahlreiche Beispiele von Künstlern oder auch Sportlern aus dem sogenannten Ostblock, die zu Zeiten des Kalten Krieges von ihren Reisen zu Konzerten oder Wettkämpfen nicht mehr in ihre Heimatländer – meistens ging es um die Sowjetunion – zurückkehrten. Das Georgische Kammerorchester war auch gerade in Deutschland, als in Georgien schwere Unruhen losbrachen und das Land in bürgerkriegsähnlichen Zuständen versank. Da kam das Angebot von der Audi AG und der Stadt Ingolstadt, in Deutschland zu bleiben, gerade recht."

Wie sieht es mit Ihnen selbst aus? Sie sind Armenier und leiten seit vorigem Jahr ein georgisches Orchester in Bayern. Fühlen Sie sich musikalisch zu Hause angekommen?

Gazarian: "Zu Hause bin ich hier schon lange. Allerdings bin ich nicht nach Deutschland geflüchtet, sondern kam vor über 20 Jahren mit meiner Schwester zum Studium nach Leipzig. Später bekam ich meine erste Arbeitsstelle, gründete eine Familie und so langsam aber sicher wurde Deutschland zu meiner zweiten Heimat. Außerdem fiel mir das Einleben in Deutschland leicht, denn das Gute an der klassischen Musik ist, dass sie international und dass man mit ihr überall zu Hause ist. Sie ist eine Sprache, die man überall spricht. Ich bin mit Bach, Brahms, Beethoven und Mozart aufgewachsen. Und nun ist Heilbronn, wo ich seit 14 Jahren das Württembergische Kammerorchester leite, mein Zuhause. Und natürlich fühle ich mich Georgien, das ja ein Nachbarland Armeniens ist, nah. Da besteht schon eine besondere emotionale Verbindung und ein Verstehen." 

Nach 25 Jahren ist das Kammerorchester integrativer Bestandteil der deutschen Klassikszene. Sie sind kultureller Botschafter der Stadt Ingolstadt und haben Konzerte in ganz Europa. Spielt da auch der Europa-Gedanke eine Rolle?

Gazarian: "Natürlich. Ich fühle mich als Europäer und bin stolz auf die besondere Rolle, die dieser Kontinent in der Kultur, Literatur, Musik und Wissenschaft spielte und weiterhin spielt. Gewissermaßen nascht die Menschheit bis heute in so vielen Bereichen von den Früchten des europäischen Baumes. Die Vielfalt im Repertoire ist von enormer Bedeutung: Haydn, Mozart, Beethoven, aber auch sowjetische, georgische Komponisten genauso wie die Romantiker gehören zum ständigen Repertoire." 

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der jungen belgischen Klarinettistin Annelien van Wauwe?

Gazarian: "Ich lernte sie vor etwa zwei Jahren kennen, als sie bei meinem Heilbronner Orchester zu Gast war. Aus dieser sehr erfreulichen musikalischen Begegnung heraus schlug ich sie dem Kreuther Veranstalter vor, als er den Wunsch nach der Klarinette als Soloinstrument in diesem Programm äußerte. Ich bin absolut sicher, dass Annelien das Publikum begeistern wird. Sie ist eine äußerst feinfühlige und hervorragende Musikerin. Übrigens hat Annelien genau mit diesem Stück (Mozarts Klarinettenkonzert, Anm. d. Red.) den renommierten ARD-Wettbewerb gewonnen."

Das Konzert

Die Festival-Eröffnung des Musikfests Kreuth mit dem Georgischen Kammerorchester und Annelien van Wauwe (Klarinette) beginnt am Mittwoch, 13. Juli, um 19.30 Uhr im Waitzinger Keller in Miesbach. Das zweite Konzert des hochkarätigen Kammermusik-Festivals findet am Donnerstag, 14. Juli, ab 19.30 Uhr im Schlierseer Bauerntheater statt: Pianist Kit Armstrong aus den USA stellt am Flügel stellt Werke des Mittelalters, des Barock und der Romantik aktueller Klavierliteratur gegenüber. Das ganze Festivalprogramm im Überblick ist auf der Internetseite des Internationalen Musikfests Kreuth zu finden.

Alexandra Korimorth

 

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