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Zwei Männer und ihr Werk: Wolfgang Huber (l.) aus Miesbach und sein Freund Toni Hofer aus Fischbachau wollen ihr Baumhaus an der Miesbacher Badstraße nicht kampflos aufgeben.

"Das erklärst du mal den weinenden Kindern"

Trotz Abrissbefehl: Baumhaus-Bauer geben nicht auf

Miesbach - Seit das Verwaltungsgericht durch seinen Garten stapfte, ist für Wolfgang Huber alles anders. Nicht nur das Baumhaus seiner Kinder wankt, sondern auch sein Weltbild. Doch Huber gibt nicht auf.

Wer ins Paradies in den Bäumen möchte, muss den Kopf einziehen. Ein Holzbalken am Ende der schmalen Leiter zwingt große Besucher auf die Knie. Von rechts streckt ein Apfelbaum seine Äste in Richtung der Veranda aus. Die grüngelben Früchte baumeln einem fast vor die Nase. „Wie im Schlaraffenland“, schwärmt Wolfgang Huber (56) und zieht das Vorhängeschloss an einer der vier Türen auf. „Jedes Kind hat sein eigenes Kammerl“, erklärt sein Freund Toni Hofer (67). Die Tür knarzt, die Unterseite schleift über die Bodenbretter. Ein paar Nagelköpfe sind umgebogen. Man merkt: Hier ist alles selbst gemacht. Wie das bei einem Baumhaus eben so ist. Eine Mischung aus Abenteuer und Gemütlichkeit, die man mit Worten nicht erklären kann. Schon gar nicht einer Gruppe von Juristen und Verwaltungsmenschen.

Bei einem Rundgang durch die Hütte zeigt Huber, wie wohl sich seine vier Kinder dort gefühlt haben.

So jedenfalls ist es Huber ergangen, als das Bayerische Verwaltungsgericht vor seinem Gartenzaun an der Badstraße stand, um über die Beseitigungsanordnung des Landratsamts und damit über die Zukunft seines Baumhauses zu entscheiden. „Die wären nicht mal von selbst in den Garten reingegangen“, erzählt der Vater von vier Kindern und schüttelt den Kopf. Doch er führte die 20-köpfige Gruppe unter die Apfelbäume.

Die Geschichte der Holzhütte auf den drei abgesägten Fichtenstämmen an der Grundstücksgrenze begann vor sechs Jahren. Im Taek-wondo-Training fragte Huber seinen Freund Toni Hofer, ob er ihm beim Bau helfen wolle. Der Fischbachauer war sofort dabei. Schon als Kind hatte er jede freie Minute in der Schreinerei neben seinem Elternhaus verbracht. Später zimmerte der Bankbetriebswirt in seiner Freizeit – Hasenställe, Hühnergehege – und Baumhäuser. Seine Werke zieren heute etliche Gärten. Hofer liebt Kinder, hat selbst drei. Da war es selbstverständlich, dass er Hubers Nachwuchs – drei Mädchen und ein Bub im Alter von neun bis 15 Jahren – beim Baumhaus-Bau mitwerkeln ließ. „Die haben sogar ihr Sparschwein für das Baumaterial geschlachtet“, erzählt Huber.

Zwei Monate lang sägten, nagelten und schraubten sie an ihrem Paradies. Jedes Kind bekam seinen eigenen, von Vorhängen geschützten Bereich. Zwei Plexiglasscheiben sorgen für ein warmes, heimeliges Licht. Die Einrichtung ist so vielfältig wie die kleinen Hausherren. Hier ein Flickerlteppich, dort ein Sitzsack, drüben ein kleines Tischchen mit Buntstiften drauf, neben der Tür ein hölzerner Indianerbogen. Huber deutet auf eine kleine Uhr an der Wand. Er sagt nichts, schluckt schwer. Die Erinnerungen wühlen ihn auf. Die Sehnsucht nach der Zeit, wo seine Kinder hier noch unbeschwert spielen konnten.

Die endete nur zwei Monate, nachdem der letzte Hammerschlag verhallt war. Ein Nachbar störte sich an dem 4,65 Meter hohen und 18 Quadratmeter großen Baumhaus an der Grundstücksgrenze. Und das, obwohl Huber sich vorher sein Einverständnis und auch das Okay der Stadt eingeholt hatte. Kurz danach flatterten die ersten Briefe aus dem Landratsamt mit der Beseitigungsanordnung ins Haus. „Und das erklärst du dann mal den weinenden Kindern“, sagt Hofer und schüttelt den Kopf. Für die wackelte nicht nur ihr Baumhaus, sondern auch ein Stück ihres Weltbilds.

Huber erging es nicht viel anders, doch er ließ nicht locker. In nächtelangen Recherchen stieß er auf etwas, das ihn stutzig machte. So ist zwar geregelt, dass ein Spielgerät genehmigungsfrei gebaut werden darf (siehe Kasten), nicht jedoch, was überhaupt ein Spielgerät ist. Diese Entscheidung hängt von der Gunst der Gerichte ab. Wer da durchs Raster falle, so Huber, werde plötzlich mit der vollen Härte des Baurechts konfrontiert. So wie er mit seinem Baumhaus, das nicht die erforderlichen drei Meter Abstand zur Grundstücksgrenze einhält. „Das ist doch ein Fehler im System“, sagt er. Ein Fehler, den bereits viele Baumhaus-Bauer zu spüren bekommen haben, wie Huber und Hofer festgestellt haben.

Also reichte der 56-Jährige mit seinem Freund eine Petition beim Bayerischen Landtag ein. Zwei Mal verteidigte Hofer im Plenum das Baumhaus, zwei Mal schien er die Abgeordneten überzeugt zu haben. „Weil ich so gut geredet hab“, sagt er schmunzelnd. Bei einem Ortstermin war dann plötzlich alles anders. „Da sind sie alle umgefallen“, sagt Huber. Das wundert ihn nicht, schließlich habe vorher ein Gespräch am Landratsamt stattgefunden.

Dessen Auffassung hat nun das Verwaltungsgericht mit seinem Urteil bestätigt. Huber muss sein Spielhaus abreißen – oder es versetzen. Letzteres kommt für ihn nicht in Frage. „Dann verliert es seinen Charakter“, sagt er. Der Miesbacher kämpft weiter. Eine Petition, die noch beim Bundestag läuft, ist seine Hoffnung. Nicht nur für sich, sondern für alle Kinderfreunde in Deutschland, die um ein Spielgerät bangen – zu unrecht, wie Huber findet.

Für seinen Freund Hofer ist die Grenze des Erträglichen überschritten. „Sowas ist demoralisierend“, sagt er. Vor allem für die Kinder. Die klettern nur noch selten die Leiter hoch. Das Gefühl, dass ihr Paradies in Wahrheit verbotenes Land ist, verdirbt ihnen die Freude. Ihren Vater treibt der Gedanke dagegen an. Er und Hofer tüfteln in alter Bastler-Manier bereits an einem Rettungsplan. Details wollen sie noch nicht verraten, nur soviel: „Ein paar Ideen haben wir schon.“ Den Kopf einziehen wollen sie nur im Baumhaus.

sg

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