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"Ästhetische Intervention“: die Künstler Joss Bachhofer (l.) und Wolfram Kastner.

Künstler-Aktion und Spray-Anschlag - und dann macht wieder jemand sauber...

Neue Protestaktionen gegen Freikorps-Tafel - "Sie muss weg"

Schliersee - Am Weinberg geht's dieser Tage wieder politisch zu. Zwei Künstler übten sich in einer "ästhetischen Intervention". Vorher gab's einen Spray-Anschlag - doch der überlebte nicht lange.

Soviel steht wohl fest: So lange diese Gedenktafel an der Weinbergkapelle prangt, wird Schliersee damit politische Kräfte aus verschiedenen Lagern mobilisieren. Und möglicherweise wird der Gemeinde in ein paar Jahren wieder überregionale Aufmerksamkeit zuteil. 

Nämlich wenn sich der Sturm auf den Annaberg zum 100. Mal jährt. Schon jetzt melden sich jene, die das Entfernen der Tafel fordern, wieder lauter zu Wort. Mit einer „ästhetischen Intervention“ haben am Donnerstag die Künstler Wolfram Kastner aus München und Joss Bachhofer aus Hausham ihre Forderung untermauert. Sie brachten eine eigene Steinplatte über der Gedenktafel an und postulieren darauf unter anderem: „Gegen Naziterror und Rechtsextremismus einst und heute.“ Die Forderung ist klar: Die Tafel muss weg. 

Kapelle binnen Stunden besprüht und wieder gesäubert

So viel Besuch wie diese Woche hat die kleine Kapelle selten. Zum einen schauten Mitglieder antifaschistisch orientierter Organisationen wie jedes Jahr vor dem 21. Mai auf dem Weinberg nach dem Rechten. Und die entdeckten am Mittwochabend gegen 19 Uhr, dass ein Unbekannter die Kapelle besprüht hatte. Dies muss in den zwei Stunden zuvor geschehen sein. Die Gedenktafel selbst war schwarz angemalt und in großen Lettern war auf der Kapellenwand unter anderem zu lesen: „Nie wieder Faschismus.“ Dies allerdings nicht lange. 

Auch deutlichere Mittel wurden von einigen Gegnern angewandt.

Denn schon zwei Stunden später hatte jemand mit den Säuberungsarbeiten begonnen. Dasselbe Spielchen war übrigens schon einmal zu erleben: Vor vier Jahren war im Mai ein Sprayer tätig geworden, und im August überdeckten die Teilnehmer eines Seminars der Jugendbildungsstätte die Tafel mit einer eigenen, auf der sie forderten: „Kein Platz für faschistische Traditionspflege.“ 

Gedenken in Nazi-Tradition: Göring war da, Hitler auch

Schon früher gab es Protestaktionen.

Die Forderung richtet sich gegen die Gedenkfeiern, die bis vor einigen Jahren in größerem Maßstab auf dem Weinberg stattgefunden haben. Diese stellten eine Fortsetzung eines Gedenkens dar, das die Nazi sich mindestens zu eigen gemacht, eher aber gegründet haben. Hermann Göring war bereits 1923 am Weinberg, Hitler 1927. Der Bund Oberland ging später in der SA auf. Den Freikorps-Kämpfern maßen die Nazis ganz erhebliche Bedeutung bei. Deren Opfertod habe „seine Erfüllung im Nationalsozialismus durch die Schaffung des Dritten Reiches gefunden“, heißt es in einem Reiseführer aus dem Jahr 1936. Das Gedenken in Schliersee stellt also mehr dar als eine simple Totenwürdigung. Dies sahen nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Amerikaner so und sprengten deshalb das damalige Denkmal auf dem Weinberg. 

Pawlovsky: "Eine Pilgerstätte für Neonazis und Rechtsextremisten"

Und so sieht er aus, der Stein des Anstoßes: "Sie werden wieder auferstehen", endet der Text fast drohend.

Die heutige Gedenktafel wurde 1956 von Pfarrer Josef Wiedholz eingeweiht. Dessen Bruder hatte als Freikorps-Mitglied 1921 in Schlesien gekämpft. 52 Oberländer starben bei der Erstürmung des Annabergs, und dieser Toten wird mit der Tafel an der Kapelle gedacht. Für Hans Pawlovsky, einen der Sprecher des „Bündnisses gegen rechtsextreme Umtriebe im Oberland“, stellt die Tafel eine „Schande“ und „Pilgerstätte für Neonazis und Rechtsextremisten“ dar. Zu den Gedenkfeiern waren ehedem neben Vertriebenenverbänden unzweifelhaft auch Personen aus dem rechtsextremen Spektrum gekommen – bis der Widerstand 2007 in einer großen Demo mündete, zu der auch Vertreter der radikalen Linken kamen. Beides gefiel den Schlierseern nicht.

Örtliche Kirchenvertreter winden sich raus 

Den Stein des Anstoßes zu entfernen, wäre Sache der Kirche. Doch Kirchenverwaltung und Pfarrgemeinderat Schliersee lehnten dies ab, da „die Gedenktafel an sich nichts mit dem nationalistischen Gedankengut zu tun hat“. Zudem fürchte man größere Proteste der rechten Szene. So formulierte es 2011 der damalige Schlierseer Pfarrer Peter Hagsbacher. An seinen Nachfolger Hans Sinseder wollen sich Vertreter des Bündnisses nun wenden.

dak

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