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Verstehen sich gut untereinander: (v.l.) Ghulam Ali (17), Qudrat (18), Hamidullah (17), Ali (16), Saaduddin (17), Rebecca Reißmeier (Wohnheim-Leiterin), Quayum (16), Abdela (18) und Mehdi (16). Konflikte, sagt Sozialpädagogin Reißmeier, seien selten – außer, wenn einer der Jugendlichen den Putzplan nicht einhält.

AWO-Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Neue Heimat Neuhaus

Neuhaus - Sie haben ihre Heimat und ihre Lieben zurückgelassen, bevor ihr eigenes Leben richtig angefangen hat. Zu Besuch in einer Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge, die alle große Ziele haben.

Fragt man Saaduddin nach seinen Träumen und Wünschen für die Zukunft, holt ihn seine Vergangenheit ein. Der 17-jährige in T-Shirt und sportlicher Hose hat gerade noch fröhlich lachend sein neues Zuhause, sein eigenes kleines Reich hergezeigt – doch jetzt wird er still, senkt seinen Blick. „Mein Bruder, mein Vater, meine Familie. Alle in Afghanistan“, sagt er leise und deutet zu einer Fotowand über dem ordentlich gemachten Bett. Dort hängen Bilder seiner Lieben, die er im afghanischen Dahar zurückgelassen hat. Darüber zu sprechen, macht ihn sichtlich traurig. Zumindest seien sie am Leben und wohlauf, tröstet er sich.

Saaduddins jähe Verwandlung lässt zumindest erahnen, welche Schicksale die minderjährigen Flüchtlinge tragen, die ohne ihre Eltern im früheren Gasthaus Kögl angekommen sind. Der 17-Jährige ist einer von elf jungen Männern, die derzeit in Neuhaus leben. Seit Februar betreibt die Arbeiterwohlfahrt (AWO) die teilbetreute Einrichtung, die bis zu 20 Geflüchteten ein Zuhause bieten kann, sagt die Sozialpädagogin Rebecca Reißmeier, die die Einrichtung leitet.

Wichtig: Lernen, wie man mit Geld umgeht

Die Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren, die im Moment in den zu Einzel- und Doppelzimmern umfunktionierten Räumen des ehemaligen Gasthauses wohnen, sollen hier einen geregelten Alltag haben und Alltägliches lernen. „Ganz wichtig ist uns etwa der Umgang mit Geld. Das wollen wir ihnen mitgeben, wenn sie später auf sich allein gestellt sind“, sagt Reißmeier. Dafür erhalten die „Jungs“, wie sie die Sozialpädagogin nennt, etwas Taschen- sowie 45,50 Euro Essensgeld, mit dem sie eigenständig haushalten müssen.

Saaddudin und sein Zimmerkollege Ali (17) könnten vielleicht bald soweit sein, auf eigenen Beinen zu stehen. Nächstes Jahr im Juli, so das Ziel, sollen sie und die anderen einen Hauptschulabschluss in der Tasche haben. „Im Idealfall“, räumt die Leiterin ein. Alle würden das freilich nicht schaffen. Die Vorzeichen stehen aber gar nicht einmal so schlecht. Deutschkenntnisse auf Niveau A1 und A2, manche sogar schon auf B1 des europäischen Referenzsystems für Sprachen können die jungen Afghanen und Eritreer bereits vorweisen. Und in der Unterkunft wird auch deutsch gesprochen. Anders geht es manchmal tatsächlich gar nicht. Die meisten der Jugendlichen sprechen zwar Dari, manche aber auch Paschtu oder Tigrinya. „Auf Deutsch verstehen wir uns alle“, sagt Ali und lacht spitzbübisch.

Damit sich für die jungen Flüchtlinge neue Türen in Deutschland öffnen, braucht es Disziplin und Durchhaltevermögen. Wichtig sind aber auch Fleiß und und ein gutes Sozialverhalten. All das ist Teil des getakteten Tages in der Unterkunft. Gemeinsam erledigen die Buben Übungsaufgaben, spielen Kicker oder stemmen Hanteln im Aufenthaltsraum. Gemeinsam kümmern sie sich aber auch ums Kochen und Waschen. Ein Putzplan sorgt dafür, dass es jederzeit ordentlich aussieht. „Und wenn das mit dem Plan mal nicht so klappt, behalten wir fünf oder zehn Euro von den Nebenkosten ein, die dann für gemeinschaftliche Unternehmungen ausgegeben werden“, sagt Reißmeier. Saaduddin und Ali, beide große Fußballfans und Anhänger des FC Bayern, scheinen ihr Zimmer aber bestens im Griff zu haben. Wer es betreten möchte, muss seine Schuhe vor der Tür ausziehen und neben die anderen stellen, die die beiden fein säuberlich dort aufgereiht haben.

Viele sind in Vereinen

Aber auch außerhalb des Hauses mit seinem schönen Garten gegenüber der Sparkasse sind die Jungs recht aktiv. Neben der Schule seien einige in Vereinen – besonders gerne natürlich zum Kicken. Zudem hätten alle teils schon mehrere Praktika absolviert. Der 16-jährige Mehdi etwa beim Zahnarzt und in der Kardiologie. Ungemein viel Spaß hat ihm die Arbeit gemacht, sagt er freudestrahlend. Irgendwann Krankenpfleger zu sein, das wäre schon was. Doch Mehdi hat noch sehr viel ambitioniertere Ziele. „Ich möchte Arzt werden.“ Ob sich dieser Traum jemals erfüllen wird, steht indes in den Sternen. So seien Mehdi und die anderen noch nicht einmal anerkannt, nur geduldet, sagt Sozialpädagogin Reißmeier. Der Grund: womöglich die Überforderung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

In den hellen und freundlichen Räumen, die die Jugendlichen allein oder zu zweit bewohnen, sieht man nur wenig persönlichen Besitz. Klamotten, ein paar Fußball-Fanartikel, mehr nicht. Völlig klar, sagt Reißmeier – mehr als das, was sie am Leibe trugen, hätten sie ja auch nicht dabeigehabt. Der wichtigste materielle Besitz ist für die jungen Männer das Handy. „Das ist sogar lebenswichtig für sie“, sagt Reißmeier. Um sich damit zu vernetzen und Kontakt zu Freunden und Verwandten zu halten, würden sie zeitweise nur Reis essen, um sich mit dem Gesparten Guthaben auf ihre Telefone laden zu können.

Das Handy ist lebenswichtig

Ein anderes wichtiges Thema sei nach der Ankunft der Neuankömmlinge in Deutschland deren Gesundheit gewesen, berichtet Reißmeier. Erschöpft und ohne die üblichen Impfungen. „Manche wussten auch nicht, dass sie eigentlich eine Brille brauchen.“ All das habe man inzwischen gut in den Griff bekommen. Viel schwieriger seien allerdings die seelischen Wunden. Einige der Jugendlichen sind deshalb auch in psychologischer Behandlung. Es habe wohl einige Zeit gedauert, bis sie sich etwas öffnen konnten, um über Erlebtes zu sprechen. Inzwischen ist der Horror meist weit weg. Und es habe sich als durchaus richtig erwiesen, die Unterkunft fernab von Lärm und Hektik zu eröffnen, sagt Reißmeier. „Die Ruhe tut ihnen gut, auch wenn es in den Ferien natürlich ein bisschen langweilig ist.“

Die Jugendlichen jedenfalls wissen ihr neues Zuhause zu schätzen. „Wir sind sehr glücklich hier“, sagt etwa der 17-jährige Hamid und zeigt stolz einen Eintrag auf Facebook. Dort ist ein Foto von ihm in einem Miesbacher Friseursalon zu sehen. Entstanden ist es während seines Schnupperpraktikums. Er wirkt angekommen in Deutschland. Und dass er gerne bleiben möchte, das sei sonnenklar. Mit deutlichen Worten fasst Hamid zum Abschied zusammen, warum: „Krieg ist scheiße.“

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