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Gefällt den Besuchern am meist am besten: Die Rauchküche ist noch viel älter als lange vermutet.

Schatztruhe, die die Geschichte lebendig macht

Heimatmuseum Schliersee: Das sind seine Geheimnisse

Schliersee – Das Schlierseer Heimatmuseum ist ein kaum bekanntes Kleinod mit wesentlich interessanterem Inhalt, als es von außen verrät. Wir zeigen die spannendsten Ecken.

Wenn Günther Maier-Schmotz den Schlüssel im geschmiedeten Schloss umdreht, öffnet sich eine Tür in die Vergangenheit. In das Leben der Schlierseer vor hunderten von Jahren. Und wer über die Schwelle tritt, atmet regelrecht Geschichte. Der Duft von altem Holz strömt einem in die Nase, würziger kalter Rauch zeugt davon, dass hier über Jahrzehnte, über viele Generationen hinweg ein Feuer im Ofen knisterte und loderte. Wer über die knarrenden Holzdielen geht, die Räume mit ihren alten, kunstvoll verzierten Möbeln betritt, kann sich auf eine Zeitreise begeben und für eine Weile in den bäuerlichen Alltag einer Großfamilie anno dazumal eintauchen. Innerhalb der ehrwürdigen Mauern eines Kulturgutes, wie es neuesten Erkenntnissen zufolge kein zweites im ganzen Freistaat mehr gibt.

Spektakuläre Entdeckung: Blockhaus aus dem Mittelalter

Günther Maier-Schmotz ist 71 Jahre alt, trägt einen Hut auf dem Kopf und einen Janker über dem blau-weiß gestreiften Trachtenhemd. Seit über fünf Jahrzehnten geht der Vorsitzende des Heimatmuseums in diesem Kleinod an der Lautererstraße ein und aus. Er führt Einheimische, Touristen, Wissenschaftler durch die Stuben mit ihren reich verzierten Himmelbetten und Bauernschränken und in die tausendfach rußgeschwärzte Rauchküche, die nicht nur für Volkskundler und Historiker eine wahre Sensation darstellt. Er erklärt ihnen die Bedeutung eines jeden Küchengeräts, eines jeden Werkzeugs, dass die umfangreiche Sammlung im Schredlhaus aus dem Jahre 1447 bereithält. Stets tut er das mit leuchtenden Augen. Schließlich, so sagt er, „gehöre ich hier einfach her“.

Sein und das Engagement seiner Mitstreiter dient dem Erhalt des Museums sowie der Pflege bodenständiger Kultur und Lebensart, wie es sinngemäß in der Satzung des 1982 gegründeten Vereins geschrieben steht. Und wie diese Lebensart beispielsweise im ausgehenden Mittelalter ausgesehen haben mag, erlebt, wer einen Blick in die Räumlichkeiten wirft. Etwa in die untere Kammer, die vom Vorraum des Gebäudes abgeht. 

Himmelbett für Kleinwüchsige? Aber nein, das Geheimnis ist ein anderes

Besonders sticht dort sofort das kurze Himmelbett mit seinem dicken Plumeau ins Auge. Die Leute, erzählt Maier-Schmotz, seien früher nicht unbedingt alle sehr viel kleiner gewesen. Vielmehr hätten sie im Sitzen geschlafen. Das habe einerseits damit zu tun, dass man überzeugt war, nur Tote würden ausgestreckt liegen. „Andererseits konnten die Menschen so besser den Ruß abhusten, den sie mehr oder weniger rund um die Uhr eingeatmet haben“, erzählt der leidenschaftliche Hobby-Heimatkundler, der zusammen mit seiner Frau Johanna ein Gästehaus betreibt. Dass die Schlafhaltung früherer Menschen anders gewesen ist, davon zeugt auch ein Bild an der Holzwand der Kammer.

Handgefräste Holzleitungen vom Schliersberg bis zum Ort

Rund 2000 Besucher zählt das Heimatmuseum, das seine Türen von Mai bis Oktober öffnet, durchschnittlich pro Jahr. Und ein besonderer Anziehungspunkt ist für die meisten von ihnen die detailreich und liebevoll ausgestattete Rauchküche mit ihrer Westwand aus dem Jahr 1406. Sie bildet gewissermaßen – so wie oft auch heute noch – den Mittelpunkt des Hauses. Von Hand ausgefräste Holzleitungen sind dort zu sehen. „Durch sie strömte einst Wasser vom Schliersberg rund einen Kilometer weit in die massiven Kessel auf der Feuerstelle“, sagt Maier-Schmotz. 

Rauch und Dampf zieht über das "Hurloch" ab

Schätzungsweise bis zu drei Generationen – inklusive Gesinde – lebten wohl zusammen unter dem mit Schindeln gedeckten Dach. Aus riesigen schmiedeeisernen Pfannen aßen sie, was Wald und Felder so hergaben. Nach der Mahlzeit gab es wohl selbstgerösteten Kaffee aus Gerste oder Eicheln. Licht spendete den Bewohnern ein sogenannter Kienspan. Diese flach gespaltenen Holzstücke wurden in einen Halter eingespannt und konnten so kontrolliert abbrennen. Über ein sogenanntes Hurloch im Dach konnten Rauch und Dämpfe abziehen. Sicher, die Küche von damals ist nach heutigen Maßstäben regelrecht archaisch. Weniger funktional ist sie aber keinesfalls. 

Heimatmuseum Schliersee: Die spannendsten Stücke

Es konnte gebuttert und gebacken werden. Die aus Flachs gesponnenen Kleider wurden mit einem mit Glut gefüllten Bügeleisen aus Eisen gebügelt. Auch warmes Wasser stand zur Verfügung, so lange das Feuer im Ofen brannte. Allein, der Aufwand war ungleich größer. „Zu den Frauen sage ich immer, dass sie froh sein können, wie schön sie es heute haben“, sagt Maier-Schmotz und lacht herzhaft auf.

Hat der Anbau als Gefängnis gedient?

Wenig zu lachen hatten indes diejenigen, die im hinteren Bereich des zweiteiligen Gebäudes untergebracht waren. Zeitweise, so zumindest die Vermutungen, habe der Anbau wohl als Gefängnis gedient. Heute fungieren die Räumlichkeiten als Ausstellungsfläche, wo unter anderem die Trachtensammlung, die neben wunderbar bestickten Ledergürteln das Mieder vom Fischerliesl zeigt, präsentiert wird.

Waldeckersaal: Zu seiner Nutzung gibt es viele Theorien

Wie der darüberliegende Waldeckersaal (14. Jahrhundert) mit seiner Balkendecke und den Fenstersitzen, wie sie in Burgen üblich waren, genutzt wurde, dazu gibt es laut Maier-Schmotz ganz unterschiedliche Theorien. „Möglicherweise war es ein Richtersaal. Laut Denkmalamt könnte es aber auch eine Art Finanzamt gewesen sein“, erzählt der Schlierseer. Eine besondere Bewandtnis hat der Saal allemal. Darauf lassen schon die Schlösser schließen, die sich lediglich von außen aufsperren lassen.

Im Schlierseer Heimatmuseum warten jedenfalls noch jede Menge Geheimnisse darauf, gelüftet und Geschichten darauf, erzählt zu werden. Und Günther Maier-Schmotz wird ganz sicher dabei behilflich sein. Die Faszination für die Geschichte seiner Heimat hat nämlich noch kein bisschen nachgelassen. „Ich bin jetzt schon so lange da, und trotzdem sehe ich immer noch etwas Neues.“

Weitere Informationen

Das Schlierseer Heimatmuseum ist dienstags bis samstags (von Mai bis Oktober) jeweils von 14 bis 17 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt kostet zwei, mit Gästekarte einen Euro. Gruppenführungen nach Vereinbarung.

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