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Beim Heurechen lässt sich gut reden: (v.l.) Kreisbäuerin Katharina Klaus, Alexander Radwan, Johann Huber, Johann Hacklinger und Hubers Enkel Benedikt.

Mountainbiker und Hundebesitzer verleiden Arbeit

Bergbauern über Wanderer mit Hunden: "Da fliegen nur noch die Federn"

Gmund - Alexander Radwan (CSU) arbeitete einen Tag im Bergerhof mit. Und da durfte er sich einiges anhören. Von Laufställen - und dem wachsenden Problem Almtourismus.

Am Steilhang der Bergeralm hilft nur der Rechen. „Da geht mit Maschinen nichts“, sagt Johann Huber (63). Somit ist die Sommeraktion von Alexander Radwan zumindest realitätsnah. Der Abgeordnete schwitzt, als er das Heu zusammenkratzt. Unterstützt von Gmunds Bürgermeister Georg von Preysing kommen anderthalb Wagenladungen zusammen.

So erfährt Radwan hautnah, warum die Landwirte im südlichen Landkreis die staatliche Bergbauernförderung brauchen. „Ohne die geht es nicht“, sagt Johann Hacklinger, Kreisobmann des Bauernverbands. Auch wenn die Förderung oft nicht hoch sei. „Das Psychologische ist wichtig“, meint Hacklinger. Wer keinen Cent mehr für das Mähen eines Steilstücks bekomme, der lasse es sein. „Und dann hätten wir bald keine freien Wiesen mehr, sondern nur noch Buschwerk“ sagt Bürgermeister Preysing.

Wegen der Touri-Hunde haben die Hubers ihre Hühnerhaltung aufgegeben

Am Kaffeetisch im Garten des Bergerhofs verspricht Radwan später Unterstützung auf allen Ebenen. Ein besonders schwieriges Terrain ist ein Punkt, der die Landwirte ganz abseits von der Preisdebatte und Verordnungen bewegt. „Freizeitdruck“, nennt Bauer Huber das. Mountainbiker, die schmale Bergpfade hinunterbrettern, Hundehalter, die den Kot ihrer Vierbeiner nicht aufsammeln. Dass die Wiesen um den Bergerhof kein Tummelplatz sind, sondern seine Lebensgrundlage, sei schwer zu vermitteln, meint der Bauer. Seine Frau habe wegen der Spaziergänger-Hunde die Hühnerhaltung schon aufgegeben: „Da sind nur noch die Federn geflogen.“

Sonst scheint auf dem Bergerhof allerdings die Welt noch in Ordnung zu sein. Seit 1509 bewirtschaftet die Familie Huber das Anwesen, die Nachfolge ist gesichert. Tochter Maria übernimmt den Hof, vielleicht führt Enkel Benedikt einmal die Familientradition fort. 18 Milchkühe und 17 Jungrinder hat der Betrieb. Rund läuft es allerdings nur, weil die Familie auch Urlaub auf dem Bauernhof anbietet und Wald besitzt. „Aber es ist nicht in Ordnung, dass Bauern noch zur Arbeit gehen müssen, um überleben zu können“, findet Huber.

1200 landwirtschaftliche Betriebe gibt es im Landkreis, davon 700 mit Milchvieh. „Der Anteil der Nebenerwerbsbauern liegt bei 50 Prozent“, berichtet Hacklinger. Auf einer Skala zwischen eins und zehn bewertet er die Zufriedenheit der Bauern im Landkreis gerade noch mit einer Fünf: „Die Erzeugerpreise machen uns zu schaffen.“ 35 Cent bringt ein Liter Milch aktuell. Und das gilt nur für Bergbauern. Bauern im nördlichen Landkreis zählen nicht zu dieser Kategorie. „Die kriegen nur 25 Cent“, weiß Hacklinger. In guten Zeiten waren es 43 Cent. Das Preisniveau zu verbessern, ist nicht sein einziger Wunsch an die Politik. Die Bürokratie setze den Landwirten zu. Jedes Kalb müsse sofort mit Ohrmarken versehen und gemeldet werden. Wer hinterherhinke, werde bestraft: „Man fühlt sich ausgeliefert.“

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe im Landkreis sinkt jedes Jahr etwas. Vom Bauernsterben will Hacklinger aber nicht sprechen. „Das ist der Strukturwandel“, meint auch stellvertretende Kreisbäuerin Maria Dießl. Und es gebe Hoffnung. Eine Ausbildung in der Landwirtschaft sei gefragt: „Die jungen Leute wollen gern einen grünen Beruf.“

Ohne politische Schützenhilfe kommt die Landwirtschaft in der Region allerdings nicht aus. Das für den Tourismus so wichtige Postkartenidyll mit den schmucken Höfen, den gepflegten Wiesen und den Kühen auf der Alm zu erhalten, geht nur mit diversen Förderungen. Zu schaffen macht den kleinen Höfen auch das drohende Verbot der Anbindehaltung. Tritt es in Kraft, müssten alle Landwirte riesige Laufställe bauen. „Das ist bei uns auch viel teurer als im Flachland“, führt Bauer Huber an. Und überflüssig. Schließlich seien die Tiere doch ohnehin den ganzen Sommer auf der Alm und nur im Winter im Stall.

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