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Zuwachs: Die Kläranlage in Gmund bekommt einen dritten Faulturm.

Zweckverband wurde vor 60 Jahren gegründet

Abwasserbeseitigung am Tegernsee - ein Vorzeigemodell

Gmund - Vor genau 60 Jahren gründeten die Talgemeinden den Zweckverband zur Abwasserbeseitigung, bauten einen Ringkanal und eine Kläranlage. Entscheidungen mit Weitblick.

Einwohnergleichwerte (EGW) – diese sperrige Bezeichnung war für Bauherren im Tegernseer Tal jahrzehntelang ein Schreckgespenst. Sie entschieden darüber, ob ein Hausbau genehmigt, abgelehnt oder auf eine Warteliste verbannt wurde. „EGW ist quasi eine Maßeinheit, wieviel Abwasser ein Bewohner produziert“, erklärt Richard Kölbl, Kaufmännischer Leiter des Zweckverbands. Drei EGW sind es für ein durchschnittliches Einfamilienhaus. Für 60 000 solcher EGW ist die Kläranlage in Gmund-Rainmühle ausgelegt – und zwar von Beginn an. Im Jahr 2000 wurde die alte EGW-Satzung gekippt und durch eine neue gekippt. Nicht mehr die EGW, sondern die Politik sollten die Bau-Entwicklung im Tal steuern. Der befürchtete Bauboom trat allerdings nicht ein. 

Neugierige Besucher aus aller Welt

Vor 60 Jahren, am 7. September 1956, riefen die fünf Talgemeinden den Zweckverband zur Abwasserbeseitigung ins Leben, um der damals zunehmenden Verunreinigung des Tegernsees aus den eingeleiteten Abwässern Einhalt zu gebieten. Schon 1957 begannen die Arbeiten für eine 22,7 Kilometer lange Ringkanalisation, die den See gabelförmig umfasst. Der Bau der Kläranlage, die 1965 in Betrieb ging, war damals finanzieller Kraftakt und Pionierleistung. 42 Millionen D-Mark verschlang der Bau. Dafür war das Abwasserprojekt eine vorbildliche Leistung für den Umweltschutz: „Das war ein Vorzeigeprojekt, europaweit das erste seiner Art“, weiß Gmunds Bürgermeister Georg von Preysing, der seit dem Jahr 2000 an der Spitze des Abwasserverbands steht. Gäste aus aller Welt besichtigten die Anlage und holten sich Infos. 

Seitdem hat sich viel getan. „Wir haben nach wie vor eine Vorzeigeanlage, müssen sie aber ständig in Schuss halten“, sagt Preysing. Von 1997 bis 2000 wurde zuletzt groß saniert, damit bei der Verarbeitung von täglich 18 000 Kubikmetern Abwasser alles reibungslos läuft. Wichtig war auch immer, das Trennsystem von Oberflächen- und Schmutzwasser konsequent auszubauen. Das heißt: Im Optimalfall fließt abgeleitetes Regenwasser in ein eigenes Kanalnetz und dann in die Mangfall oder in einen Vorfluter der Anlage. „Der Bau dieses Trennsystems ist noch nicht überall am Tegernsee abgeschlossen“, erklärt Preysing.

Eine wichtige Entscheidung wurde 2010 umgesetzt: Alle Talgemeinden haben die Abwasserbeseitigung gesamthoheitlich auf den Zweckverband übertragen. Er muss sich seither um sämtliche Aufgaben der Abwasserableitung mit der Sanierung des bestehenden Kanalnetzes, dem Kanalneubau und der Überwachung der privaten Grundstücksentwässerungsanlagen sowie den Betrieb der Kläranlage kümmern. 

Dritter Faulturm in Bau

Dazu gehört derzeit der Bau eines dritten Faulturms. „Die beiden bestehenden Faultürme mit einem Volumen von je 1600 Kubikmetern sind seit 50 Jahren in Betrieb „und laufen seit jeher an ihrer Kapazitätsgrenze“, erklärt Kölbl. 1,6 Millionen Euro kostet der Bau des 18,60 Meter hohen Turms mit einem Außendurchmesser von 12,50 Metern und einem Volumen von 1200 Kubikmetern. Der Turm hat einen wesentlichen Vorteil: Durch die höhere Verweildauer des Klärschlamms in den Türmen kann die Gaserzeugung erhöht und die Eigenstromerzeugung von derzeit 1,1 Millionen kWh pro Jahr um rund 70 000 kWh gesteigert werden. Die Kläranlage ist ohnehin ein riesiger Stromfresser: Bei 2,2 Millionen kWh liegt der Gesamtjahresbedarf. Durch ein eigenes Blockheizkraftwerk, das 2013 in Betrieb ging, konnte die eigene Stromerzeugung erhöht und der Zukauf von Heizöl reduziert werden.

Trotz des dritten Faulturm bleibt der Ausbaugrad der Kläranlage bei 60 000 EGW. „An eine Erweiterung der Anlage denken wir nicht“, sagt Preysing. Die aktuelle Baupolitik der einzelnen Talgemeinden gebe auch keinen Anlass dazu. Sorgen bereite allerdings der Trend, auf großen Grundstücken einzelne Villen durch mehrere Häuser zu ersetzen. 

60 Jahre Zweckverband, 50 Jahre Kläranlage, ein neuer Faulturm: Die Einweihung des Turms und eine nachträgliche Jubiläumsfeier sind für nächstes Jahr geplant. Noch heuer im Herbst soll es für interessierte Besucher einen Tag der offenen Tür geben.

Zahlen und Fakten

Der Zweckverband reinigt und beseitigt die Abwässer von 25 300 Einwohnern, 280 000 Gästen im Jahresdurchschnitt, einer Brauerei und zwei Papierfabriken. Die Jahresschmutzwassermenge beträgt 3,6 Millionen Kubikmeter. Neben der Kläranlage sind ein 190 Kilometer langes Schmutzwasserkanalnetz mit 22 Pump-, Hebe und Dükerbauwerken sowie ein Regenwasserkanalnetz zu betreiben. Der Zweckverband hat 15 Mitarbeiter. Der Verwaltungshaushalt hat aktuell ein Volumen von 5 Millionen Euro, das über die Gebühren geregelt wird. „Die Gebühren“, so Kölbl, werden alle drei Jahre von einem kommunalen Prüfungsverband neu kalkuliert." 

gr

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