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Das Alte bewahren, das Neue wagen: Die jungen Wirtsleute Josef, 32, und Marianne Bogner, 37, vor dem Gasthaus Voitlhof zum Zotzn. Das Gebäude haben sie aus Tirol hierher verpflanzt.
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Gemütliche Stube : Die ältesten Holzbalken stammen aus dem Jahr 1532.
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Er hatte die Idee: Josef Bogner senior, Wirt des alten und inzwischen geschlossenen „Zotzn“. Unten der Original-Hof am Standort in Tirol. 
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Der Fliesen-Boden im Gasthaus stammt aus dem Schloss in Tegernsee.
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Der Original-Hof am Standort in Tirol. 
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Liebe zum Detai l: Viele Menschen haben den Bogners Antiquitäten geschenkt.
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Neue Heimat Voitlhof: Hutmacher Martin Wiesner und seine Frau Susanne haben auf dem Anwesen ihren Laden.

500 Jahre alt – und trotzdem nigelnagelneu

Der neue Zotzn: Ein Schmuckstück am Tegernsee

Rottach-Egern – Am Tegernsee macht am Freitag ein neues Wirtshaus auf. Nichts Besonderes? Von wegen. Die Wirtsleute haben einen uralten Hof aus Tirol nach Rottach-Egern verpflanzt. So, wie es die Bogners selbst einst von Österreich nach Bayern verschlagen hat. Eine Geschichte über das Alte und das Neue.

Die Geschichte, wie Josef Bogner in Oberbayern eine neue Heimat gefunden hat, beginnt so: Josef, ein Tiroler, gerade 18 Jahre alt, zieht der Arbeit wegen an den Tegernsee. Vier Jahrzehnte ist das jetzt her. Und freilich verliebt er sich damals nicht nur in das Tal, sondern auch in ein Madl, die Christa. Die beiden heiraten und machen in Christas Elternhaus in Rottach-Egern ein Gasthaus auf: den alten Zotzn-Hof. Legendärer Schweinsbraten, die winzige Stube immer voll, auch weil der Wirt einer ist, mit dem man gerne zusammensitzt.

Heute ist Josef Bogner senior 58 Jahre alt. Seine Familiengeschichte geht weiter – und die vom Zotzn auch, obwohl das Gasthaus vor Kurzem zugemacht hat. Denn Sohn Josef Bogner eröffnet eine neue Wirtschaft. Und zwar in einem alten Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert, das einst in Tirol stand und jetzt am Tegernsee wieder aufgebaut wurde. Doch von Anfang an.

Josef Bogner senior ist nicht nur Wirt, sondern auch Volksmusiker und ein Mensch mit vielen Ideen. Er hat die über das Tal hinaus bekannte Naturkäserei TegernseerLand in Kreuth mitbegründet und 2014 als Bürgermeister kandidiert. Vor allem aber ist er ein Familienmensch. Vier Kinder und sieben Enkelkinder hat er. Und er hat viel darüber nachgedacht, wie er die Zukunft der Familie sichern kann. Der alte Zotzn war nämlich nicht nur eine Wirtschaft, sondern auch das Wohnhaus der Bogners – und schlicht zu klein. Dann aber hatte er eine Idee.

In Rottach-Egern gab es bis Anfang 2015 die Gsotthaber Stuben, einen Gasthof gleich neben dem Kutschenmuseum – er gehört der Gemeinde Rottach-Egern. Als der dortige Pächter kündigte, wollte die Gemeinde den Gasthof sanieren. Doch Zotzn-Wirt Josef Bogner präsentierte Bürgermeister Christian Köck – gegen den er übrigens 2014 die Wahl verloren hatte – seinen Plan: Die Gemeinde reißt das unansehnliche Gebäude ab und überlässt den Bogners das Grundstück, um darauf einen neuen Gasthof Zotzn zu errichten. Aber keinen Neubau. Sondern einen alten Hof mit Charme. Einen, der zu dem Bauernhof gegenüber passt, in dem das Kutschenmuseum untergebracht ist. Das war der Plan. Und die Bogners haben ihn umgesetzt, alle miteinander. Am Freitag, 2. Dezember, eröffnet das Gasthaus Voitlhof zum Zotzn.

Der Chef ist Josef Bogner junior, 32. Darauf legt der Senior Wert. Der Generationswechsel soll klar sein, auch wenn der Papa im neuen Wirtshaus noch eine Weile am Herd stehen wird. Die Arbeit stemmen ohnehin alle gemeinsam. Auch die drei Schwestern von Josef und deren Ehemänner haben angepackt, damit der Voitlhof in Rottach-Egern neu entstehen konnte. Das war nicht einfach.

Denn neben dem alten Zotzn, erst seit Kurzem geschlossen, betreibt die Familie die Alm Siebenhütten, ein beliebtes Ausflugsziel hinter Wildbad Kreuth. „Alleine hätte ich das nie geschafft“, sagt der Junior. Er ist selbst schon Vater, hat mit seiner Frau Marianne, 37, drei Kinder. Wie sein Vater liebt er die Musik, spielt Ziach. Gelernt hat er Koch und Zimmerer. Welchen der beiden Berufe er lieber mag? „Irgendwie beide“, sagt Bogner. Aber im vergangenen Jahr, da war er ganz Zimmerer. Die Großfamilie hat ihm den Rücken freigehalten, damit er all seine Zeit in den Voitlhof stecken kann, in sein Herzensprojekt.

Es war sein Onkel Herbert, der den stattlichen Hof aus dem 16. Jahrhundert gefunden hat, in Brixlegg, Tirol. Für Herbert Bogner war das Berufsalltag, jahrzehntelang hat er alte Hofstätten für ein österreichisches Bauernhofmuseum rekonstruiert. Die ältesten Balken des Voitlhofs stammen aus dem Jahr 1532. Meist haben Zimmerer dort gelebt und gearbeitet. Eine Landwirtschaft gab’s nur zur Selbstversorgung. Irgendwann war der Hof so marode, dass niemand mehr dort wohnen wollte. Er sollte weg, um einem Neubau für eine junge Familie Platz zu machen.

Stück für Stück haben die Bogners den Tiroler Hof abgetragen. Alle Balken nummeriert, sortiert und verladen. „Es war mir total wichtig, das ganze alte Holz dann auch wieder zu verwenden“, sagt Bogner junior. Was beim Wiederaufbau nicht gleich einen Platz bekam, schichtete er sorgfältig auf. Vom großen Haufen ist fast nichts übrig. Uralte Balken wurden zur Theke, verspielte Holzgitter schirmen die Kellertreppe ab, sogar in den Toiletten ist historisches Holz verbaut.

Alleine waren die Bogners mit ihrem Mega-Projekt nie. Seit die ersten Balken vom Lastwagen gehoben wurden, zog es Tag für Tag Neugierige zur Baustelle. Wo der Bauzaun eine kleine Lücke hatte, schlüpften Besucher durch, Einheimische wie Ausflügler und Urlauber. Auch wenn es manchmal ein bisschen viel war: Josef Bogner hat jeden schauen lassen. Schließlich will ein Gasthaus Gäste.

Die Leidenschaft des jungen Wirts und Zimmerers für seinen Hof steckt an. Mancher aus der Gegend hat ihm Kostbarkeiten gebracht, die irgendwo auf dem Speicher lagerten. Einen alten Butterstampfer, einen Schindelmacher und vieles mehr, was dem Inneren des Gasthauses jetzt Flair gibt. So wie der alte Steinboden im Flur. Er stammt aus dem Tegernseer Schloss. Als das Gymnasium dort in den 1980er-Jahren saniert wurde, mussten die alten Steine weichen. Ein Liebhaber bewahrte sie auf. „Der Mann hat mich dann gefragt, ob ich den Boden haben will“, erzählt Bogner. Er wollte. Und der Steinboden, neu angeordnet, wirkt jetzt so, als ob er schon immer zum Hof gehört hätte. So wie der alte Holzherd in einer der Gaststuben, das ausladende Grammofon und die Lampen mit Hüttencharme.

Die Besucher, die sich jetzt nicht mehr durch einen Bauzaun quetschen müssen, drängen schon jetzt, kurz vor der Eröffnung, hinein. „Es waren auch schon viele aus Tirol da“, berichtet Bogner. Am österreichischen Nationalfeiertag am 26. Oktober war der Parkplatz voll. „Lauter Tiroler Nummernschilder“, erzählt Bogner. Dabei hatte die Nachricht, dass der Voitlhof nach Oberbayern geht, im Nachbarland zunächst kaum Freude ausgelöst. „Die Leute da haben ja auch etwas Schönes verloren“, meint Bogner. Aber inzwischen bekommt er viel Zuspruch. Weil der Hof authentisch geblieben ist und doch so schön herausgeputzt. Sensibel erneuert, wo das Alte einfach nicht mehr brauchbar war. Und weil es kein Privathaus ist, sondern jeder hinein kann. Weil der uralte Hof lebt.

Neben dem Gasthaus hat sich darin auch eine Hutmacherei angesiedelt. Sie gehört Martin Wiesner, 32, den mit Josef Bogner junior viel verbindet. Die beiden spielen seit vielen Jahren gemeinsam bei der Tegernseer Tanzlmusik, lieben Tradition und das Unverwechselbare. Darum ist Wiesner Hutmacher geworden. „Was man auf dem Kopf hat, spiegelt die Persönlichkeit wider“, meint er. Deshalb fand er, der Sohn eines Zimmerers, als junger Bursch Gefallen am aussterbenden Beruf der Hutmacherei. Seine Hüte kommen an, der frühere Laden wurde zu eng. Da kam das Angebot seines Freundes Josef gerade recht, mit in den neuen Hof zu ziehen.

Ein breiter Aufgang führt in seinen Laden mit Werkstatt ins Obergeschoss. Ein alter Balkon ragt noch in den Raum, ansonsten ist alles neu gezimmert. Die Gäste können dem Hutmacher jetzt bei der Arbeit zuschauen. Neben den Hüten gibt’s auch Trachten, von Wiesners Frau Susanne ausgesucht. „Ein Traumarbeitsplatz ist das hier“, sagen die Wiesners. Der schöne Hof, der Blick in die Berge: alles passt.

Ein neues Ausflugsziel soll der Komplex um den Voitlhof und das Kutschenmuseum werden. Das wünscht sich auch die Gemeinde. Die hat mit der Familie komplizierte Verträge geschlossen. Der Hof gehört den Bogners, im benachbarten Café Gäuwagerl, neu im Kutschenmuseum eingerichtet, ist die Familie Pächter. Auch einen Minigolfplatz betreut sie mit. Ein Aufschwung kann an dieser Stelle im Ort nicht schaden. Das Museum war zuletzt nicht gut besucht. Umso begeisterter ist Bürgermeister Christian Köck von dem, was jetzt entstanden ist. „Eine echte Bereicherung für den Ort“, schwärmt er.

Eigentlich sollte es für den Voitlhof auch eine große Eröffnungsfeier geben. „Aber wir machen jetzt einfach auf“, sagt Bogner junior. Weil es zu viele wären, die kommen würden. Zu viele, um sie ordentlich zu bewirten. Und das, findet Bogner, geht gar nicht.

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