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Eine Qual: Kopfschmerzen sind für viele ein Dauerproblem.

Interview zum Welt-Kopfschmerztag

Kopfschmerz-Experte: „Wer Heilung verspricht, ist ein Scharlatan“

Tegernsee - Zum Welt-Kopfschmerztag: Wir haben mit dem Experten Dr. Volker Pfaffenrath (67) darüber gesprochen: Er erklärt, welche Arten es gibt - und was helfen kann. 

Kopfschmerzen hat jeder mal. Aber wann sollte man zum Arzt gehen?

Pfaffenrath: Wenn ein Patient Kopfschmerz-Attacken hat, die auf die übliche Behandlung mit Schmerzmitteln nicht ansprechen, dann sollte er zum Arzt gegen. Nicht ansprechen, das heißt: schmerzfrei innerhalb von zwei Stunden. Wir unterscheiden den primären Kopfschmerz, bei dem der Schmerz auch das eigentliche Problem ist, und den gefährlichen Kopfschmerz. Er ist Symptom einer bedrohlichen Erkrankung wie Schlaganfall oder Hirnblutung. Meist tritt er urplötzlich und heftig auf. In 93 Prozent der Fälle handelt es sich aber um primären Kopfschmerz.

Wie groß ist denn der Leidensdruck Ihrer Patienten?

Pfaffenrath: Die Patienten, die wir sehen, haben meistens mindestens eine Migräne-Attacke pro Monat, die etwa 73 Stunden dauert. Da ist die Arbeitsfähigkeit nur eingeschränkt vorhanden oder gar nicht. Es gibt auch eine menstruelle, hormonbedingte Migräne, die bis zu sieben Tage dauert. Das ist für den Patienten und für den Arbeitgeber ein Albtraum. Aber es gibt sehr viele Arten von Kopfschmerzen. Häufig ist auch der Schmerzmittel-Kopfschmerz.

Den bekommt man von Kopfweh-Tabletten?

Pfaffenrath: Als Marke gilt: Wenn man öfter als zehn Mal im Monat Schmerzmittel einnimmt, muss man sie unter ärztlicher Begleitung entziehen. Es gibt da extreme Fälle. Ich erinnere mich an eine Patientin, die in der Schwangerschaft täglich acht Tabletten Paracetamol genommen hat. Es gibt aber zum Beispiel auch den Spannungskopfschmerz oder die Cluster-Patienten.

Was ist denn ein Cluster-Schmerz?

Pfaffenrath: Der kommt in Blöcken. Meistens sind Männer betroffen. Der Schmerz tritt täglich auf, für 30 bis 180 Minuten. Man nennt das auch den Selbstmord-Kopfschmerz, wegen der beträchtlichen Suizidrate. Der Schmerz ist so stark, dass manche Betroffene mit dem Kopf gegen die Wand rennen oder sich so fest mit der Faust gegen den Schädel hauen, dass das Jochbein bricht. Es ist der mieseste Kopfschmerz, den man haben kann, aber auch der, der sich am besten behandeln lässt.

Manchmal ist es wohl eine detektivische Leistung, die Ursache herauszufinden.

Pfaffenrath: Ich habe 35 000 Kopfschmerzpatienten gesehen, da erfolgt die Diagnose meist in Minuten. Das Problem ist aber nicht die Diagnose, sondern das Finden der richtigen Therapie. Manchmal verbringe ich auch eine Dreiviertelstunde mit dem Patienten, bis ich alles beinander habe. Da muss man die Situation Stück für Stück durcharbeiten und den Patienten zwingen, sich präzise zu erinnern. Oft empfiehlt sich ein Kopfschmerzkalender.

Kann die Medizin immer helfen? Oder müssen manche Patienten dauerhaft mit ihrem Kopfschmerz leben?

Pfaffenrath: Dass jemand mit dem Schmerz leben muss, sagen wir nie. Wir sagen: Kontrollieren Sie Ihre Migräne und lassen Sie sich nicht von Ihrer Migräne kontrollieren. Kommen Sie in ein paar Monaten wieder, die Medizin entwickelt sich weiter. Die Erfolgsquote bei einer Migräne liegt bei 70 bis 80 Prozent, bei Spannungskopfschmerz sind es 60 Prozent, bei Schmerzmittelkopfschmerz 70 Prozent. Wer zu 100 Prozent Heilung verspricht, ist ein Scharlatan.

Sie sind 40 Jahre durch die Welt gereist und behandeln auch viele Araber. Gibt es je nach Herkunft spezifische Probleme?

Pfaffenrath: Der Kopfschmerz ist immer derselbe. Aber bei der Behandlung spielen kulturelle Hintergründe eine große Rolle. Da sitzt dann eine Frau vor mir, die so verschleiert ist, dass ich ihr Gesicht kaum erkennen kann. Der Ehemann ist mit dabei und antwortet auf die Fragen, die ich ihr stelle. Wenn ich wissen will, ob sie bei ihrer Menstruation Kopfschmerzen hat, sagt der Mann: „Nein.“ Dazu kommt, dass der Umgang mit Depressionen im arabischen Raum extrem schwierig ist. Die hat man dort einfach nicht. Erkundigt man sich nach Problemen in der Familie, heißt es immer, alles sei in bester Ordnung. Dabei hat die Frau Kopfschmerzen, weil ihr Mann sich mit 58 Jahren eine Zweitfrau genommen hat. Am Ende habe ich dann drei Patienten mit Kopfschmerzen: Den Mann, weil er Stress hat, die erste Frau, weil er sich eine zweite genommen hat, und die zweite Frau, weil sie sich mit der ersten nicht versteht. Als Arzt kann ich dann nur sagen: „Inschallah“ (so Gott will).

Im Oberland dürfte der Föhn-Kopfschmerz typisch sein. Was hilft denn dagegen am besten?

Pfaffenrath: Der Frage möchte ich eine andere Darstellung entgegensetzen. Der Föhn verursacht nicht den Schmerz, sondern ist Teil einer Kaskade, die Migräne auslöst. Die Auslösefaktoren können wechseln. Aber das Prinzip ist immer gleich: Das Gehirn des Patienten erholt sich nach einem Stress auslösenden Moment nicht – zum Beispiel, wenn über ihm ein Düsenjäger die Schallmauer durchbricht. Stattdessen summieren sich die Stressfaktoren, bis das Gehirn explodiert. Ich sage meinen Patienten immer, Ihr Gehirn ist wie ein Ferrari und meines wie ein Volkswagen. Wenn ein Patient erklärt, er habe wegen des Wetters Migräne, widerspreche ich nicht. Auch wenn es nie der alleinige Grund ist.

Und wie schützt man sich am besten vor einem gewöhnlichen Kater?

Pfaffenrath: Nach der Party und vor dem Schlafengehen sollte man viel Mineralwasser trinken. Wer trotzdem mit Kopfweh aufwacht, braucht eine Aspirin oder ein anderes Schmerzmittel. Mehr lässt sich nicht sagen, dazu gibt es keine Studien. Denn wer geht nach einer durchzechten Nacht schon in die Uniklinik und lässt sich Blut abnehmen?

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