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Jubiläum der Anonymen Alkoholiker in Bad Wiessee

Vom Leben mit und nach der Sucht

Bad Wiessee – Was ein Börsenmakler und ein Arzt 1935 in den USA gründeten, ist heute eine weltweite Bewegung, die unzähligen Betroffenen und Angehörigen durch die Alkoholsucht geholfen hat. In Bad Wiessee feierten die Anonymen Alkoholiker nun ihr 40-jähriges Bestehen.

Rund 100 Betroffene und Angehörige von Suchtkranken trafen sich beim öffentlichen Jubiläumsmeeting im evangelischen Gemeindezentrum. Die Besucher im Alter von 21 bis 88 Jahren kamen aus ganz Oberbayern. Auffallend herzlich begrüßte man sich untereinander, feierte die gemeinsame Freude, am Tiefpunkt des Lebens mit der AA-Gruppe das Rüstzeug für den Weg der Umkehr gefunden zu haben. Eines steht immer am Anfang: das Eingeständnis „Ich brauche Hilfe.“ 

Dass der Alkoholismus alle Gesellschaftsschichten und Altersklassen betrifft, führte der Wiesseer Facharzt für Innere Medizin Iwan Nantschev in seinem Grußwort aus. „Keiner muss sich dafür schämen. Es ist eine Familienkrankheit, ein tagtägliches Problem“, betonte der erfahrene Mediziner. Der Rückfall sei immer nur ein Glas entfernt. 

Die Jubiläumsfeier wurde sehr einfühlsam von Guido aus Bad Tölz geleitet. „Es ist wie eine Fahrt in den Tunnel“, schilderte er die Sucht: „Ich kann bestimmen, wann ich anfange, aber nicht mehr, wann ich aufhören muss.“ Einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur AA-Gruppe sei der Wunsch, mit dem Alkohol-Trinken aufzuhören. Die AA teilen miteinander ihre Erfahrungen, Hoffnung und Kraft, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen. 

Den Rettungsanker AA hatte auch Helga ergriffen: „Vor 25 Jahren, mit gerade mal 41 Jahren, war ich völlig am Ende“, berichtet die 66-jährige Talbürgerin. „Ich bin oftmals über den Wiesseer Friedhof gegangen, bevor ich mich traute, die AA-Gruppe im anliegenden alten katholischen Pfarrhaus aufzusuchen.“ Nach wie vor besucht sie regelmäßig das Treffen. „Das Leben ohne Alkohol macht verdammt viel Spaß“, betont Albert (70), der seit 18 Jahren jede Woche bei jedem Wetter von München nach Bad Wiessee zur AA-Gruppe fährt. „Nirgendwo sonst findet man eine so herzliche Gemeinschaft und menschliche Wärme, wo man seine Sorgen und Nöte vertraulich auf den Tisch legen kann.“ Ganz anders als sonst bei gesellschaftlichen Treffen hört man sich hier geduldig zu, ohne Hektik und ohne Unterbrechung. 

Besonders erschütternd war die freimütige Aussage von Wilhelm (61) aus Rosenheim. Der Außendienstmitarbeiter war mit 28 Jahren an einem Tiefpunkt angelangt, wollte sich das Leben nehmen. AA habe damals sein Leben gerettet. Auch als 2013 sein einziger Sohn mit gerade mal 17 Jahren bei einem Unfall starb, machte er sich bewusst: „Egal was passiert, gesoffen wird nie mehr.“ Die AA-Freunde seien rund um die Uhr für ihn da gewesen. „Auch als ich danach einen Herzinfarkt bekam und operiert werden musste.“ 

Der 21-jährige Julien und seine Mutter Bernadette berichteten ganz unbefangen vom Leben mit einem Alkoholkranken in der eigenen Familie. Sie zeigten auf, wie Angehörige in den Gruppen Al-Anon und Al-Ateen damit umzugehen lernen. Wie schön das Leben ohne Alkohol auch im hohen Alter sein kann, zeigte Walter (88) aus Bad Tölz auf. „Mit 50 Jahren war ich völlig am Ende. Nun lebe ich schon 38 Jahre ohne Alkohol – die schönsten meines Lebens!“ 

Die Treffen in Bad Wiessee finden jeden Freitag um 19.30 Uhr im katholischen Pfarrheim Mariä Himmelfahrt statt.

Von Ingrid Versen

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