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Kümmern sich leidenschaftlich um die Hippotherapie auf dem Straußenhof in Waakirchen: Leiterin Josepha Brünner (l.) und Erni Ernst.

40 Jahre Therapeutisches Reiten im Oberland

Straußenhof: Wo das Pferd zum Therapeuten wird

Waakirchen - Seit 40 Jahren gibt es auf dem Straußenhof in Waakirchen das therapeutische Reiten. Hier helfen Pferde wie "Maja" und "Leo" Menschen mit Handicap, ihre Bewegungen besser zu kontrollieren.  

Der Sohn von Erni Ernst ist von Geburt an behindert. Als der Bub gerade drei Jahre alt ist, hört die Waakirchnerin davon, dass in ihrer Gemeinde eine Reithalle gebaut wird – für Menschen mit Handicap. „Ich habe mir gedacht, da muss ich gleich hinschauen“, erzählt die nun 71-Jährige. Somit hat Erni Ernst die Geburtsstunde des Straußenhofs in seiner heutigen Form und kurz darauf die Gründung des Vereins „Therapeutisches Reiten Oberland“ miterlebt. Und auch wenn ihr Sohn mittlerweile 42 ist und längst nicht mehr zum Reiten kommt, ist Ernst dem Verein treu geblieben. Sie hilft heute in der Verwaltung, kocht im Stüberl Kaffee für die Patienten, die gerade Therapie haben. „Es ist so eine schöne Gemeinschaft“, schwärmt die Waakirchnerin.

Auf Menschen wie Ernst ist der Verein bitter angewiesen. „Ohne die ehrenamtlichen Helfer ginge es nicht“, sagt Josepha Brünner (46), die heute den Straußenhof und die dortige Hippotherapie leitet. Sechs eigene Pferde – drei Kaltblüter, zwei Haflinger und einen Trakehner – hat der Verein. Sie sind das Herzstück der Therapie. Aber ihr Unterhalt kostet viel Geld. Damit das Reiten für die Patienten dennoch finanzierbar bleibt, ist der Verein auf Spenden angewiesen. Zu den Förderern gehört zum Beispiel der Lions Club am Tegernsee, der dem Verein sogar schon mal ein Pferd geschenkt hat. Den großen Kaltblüter "Leo".

Früher einmal, da haben die Krankenkassen die Kosten für die Therapie hoch zu Ross übernommen. Heute ist das nicht mehr so. Dabei ist Brünner – gelernte Physiotherapeutin mit der Zusatzqualifikation für Hippotherapie – vom Nutzen für die Patienten fest überzeugt. Bei Erkrankungen des Nervensystems etwa „spielt das Pferd optimal rein“, wie es die 46-Jährige ausdrückt. Menschen, die normale Bewegungen aus eigener Kraft nicht mehr schaffen, bekämen beim Reiten wertvolle Impulse vermittelt. „Da entsteht genau die Bewegung, die der Mensch braucht, wenn er geht“, schildert Brünner.

1986 hat die Familie der heute 46-Jährigen den Straußenhof übernommen. Ihr Vater, der Pferde-Experte und Rosstag-Moderator Bruno Six, habe sich damals in den Hof verliebt, erzählt Brünner. Bis dahin war er im Besitz der Kreutherin Dr. Ingrid Strauß. Sie hatte das Anwesen – damals ein herkömmlicher Bauernhof – 1975 erworben. Die engagierte Ärztin und passionierte Reiterin war von der Wirkung der Therapie auf dem Pferd überzeugt, ließ das Anwesen um Reithalle und Anbau erweitern und legte somit den Grundstein für die heutige Arbeit mit den Patienten. Kurz darauf gründete sie den zugehörigen Trägerverein. Als Ingrid Strauß den Hof zehn Jahre später hergab, knüpfte sie an den Verkauf die Bedingung, dass dort auch künftig die Hippotherapie angeboten wird. Mit der aus der Holledau stammenden Familie Six fand sie Nachfolger, die bis heute in ihrem Sinne weitermachen.

„Der Betrieb ist stetig gewachsen“, sagt Brünner. Die Anlage, die bis heute der „Straußenhof“ geblieben ist, verfügt über 25 Boxen. Darin sind zehn Pensionstiere, die zwei eigenen Pferde der Familie Six und die sechs Vereins-Pferde untergebracht. Für die regelmäßigen Therapie-Nachmittage braucht es ein großes Team an Therapeuten und Helfern, wie Brünner erklärt. So betätigt sich eine Reihe junger Mädchen als Pferdeführerinnen, andere helfen den teils querschnittgelähmten Reitern von der Rampe aufs Pferd, wieder andere betreuen die Patienten vor und nach der Therapie. Darunter sind Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, MS-Patienten, aber auch behinderte oder verhaltensauffällige Kinder. Rund 50 Patienten kommen derzeit zur Reittherapie auf den Straußenhof.

Den Betrieb aufrecht zu erhalten, ist nicht immer ganz einfach, sagt Brünner. Weitermachen werde sie dennoch – auch wenn die von Gründerin Ingrid Strauß gesetzte Frist zur Aufrechterhaltung der Hippotherapie mittlerweile längst abgelaufen ist.

Feier zum Jubiläum

Das Jubiläum "40 Jahre Therapeutisches Reiten Oberland" feiert der Verein am Samstag, 15. Oktober, von 14 bis 16 Uhr auf dem Straußenhof in Waakirchen. Auf dem Programm stehen unter anderem eine Segnung der Pferde, Vorführungen des heilpädagogischen Reitens und der Hippotherapie, eine Inklusions-Quadrille, ein Kutschenkorso und vieles mehr. Das Fest findet bei jedem Wetter statt.

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