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Nach fast 60 Jahren ist Josef Kowalczyk mit seiner Frau Ryszarda an seine Geburtsstätte zurückgekehrt. Gastgeberin Christl Wetzler (Mitte) war überwältigt.

Christl Wetzler (85) aus Schwabniederhofen

Überwältigt vom Besuch aus Chicago

Schwabniederhofen - Christl Wetzler (85) aus Schwabniederhofen bekam neulich Besuch, der sie förmlich aus allen Wolken fallen ließ. Josef Kowalczyk, der im Jahre 1957 in die USA auswanderte, kehrte an seine Geburtsstätte zurück.

Christl Wetzler ist überglücklich. Das verrät ihr Gesichtsausdruck ohne Zweifel. Und sie ist fast sprachlos, als sie den selbst gebackenen Erdbeerkuchen auf die Teller verteilt. Kaffeekränzchen bei Christl Wetzler gibt es eigentlich wöchentlich. Aber definitiv nicht mit diesen Gästen – einmalig.

Polnische und amerikanische Sprache vermischt sich mit dem Klappern des Geschirrs. Die beiden Gäste haben Christl Wetzler inzwischen in ihre Mitte genommen, blättern in alten Dokumenten und genießen nebenbei die frischen Erdbeeren.

Ja, die Gäste. Es sind Josef und Ryszarda Kowalczyk aus dem entfernten Chicago. Wie das Ehepaar nach Schwabniederhofen kommt? Christl Wetzler hat die Antwort schon zu Papier gebracht. In Handschrift, so wie sie alle ihre Erinnerungen an frühere Jahre festgehalten hat.

Josef Kowalczyk wurde 1948 in Altenstadt geboren. In den sogenannten Polen-Baracken. Dort, wo sich heute das Kasernengelände befindet. Josefs Eltern Walter und Anna flohen aus Polen, wo sie in jungen Jahren auf einem Bauernhof und in einer Munitionsfabrik arbeiten mussten. Vier Jahre ohne Tageslicht. Der Rest von Josef Kowalczyks Verwandtschaft? Ermordet!

Ziegenmilch peppelt Kowalczyks Bruder auf

Nach Kriegsende kamen Walter und Anna in das Polenlager Altenstadt. 95 Prozent gingen damals dem Schwarzhandel nach, doch Walter bemühte sich um eine ehrliche Arbeit, beschreibt Christl Wetzler.

Zwei weitere Söhne wurden geboren: Julian und Wilhelm. Letzterer musste schwer krank mit Milch aufgepäppelt werden. Bei der Beschaffung der Nahrung lernte Walter Schuhmacher Fritz Wetzler kennen. Dieser zeigte Mitleid und führte den sorgenden Vater zur „Wetzler-Oma“ mit ihren vier Ziegen. Ein Becher Ziegenmilch wurde fortan für den schwachen Julian abgezweigt – und der Knabe wurde wieder gesund.

Die weitere Entwicklung ist in Wetzlers Aufzeichnungen beschrieben. „Mein Mann Fritz und Walter freundeten sich an.“ Walter war in der Folge oft in der Schuhmacherwerkstatt. Er war geschickt, half, wo er konnte.

Erst Wohnung Im Tal, dann Auswanderung nach Amerika

Derweil leerte sich das Polenlager langsam. Viele konnten in die Heimat zurück, andere verzogen nach irgendwo anders hin. Viele wanderten aus. Dann kamen die Amerikaner in die Altenstadter Kaserne. Walter wurde Wachmann. Unterdessen hatte seine Familie eine Wohnung Im Tal in Schongau bezogen. Walter arbeitet inzwischen bei der Firma Hafenmeier. Er war beliebt bei den Kollegen.

Doch 1957 wanderte auch er mit seiner Familie nach Amerika aus. In Chicago angekommen, hatte Familie Kowalczyk drei Kinder, drei Dollar, keine Wohnung und keine Arbeit. Es muss furchtbar gewesen sein.

Sie durften bei einer alten Dame im Keller hausen. Aber Walter schaffte es. Er bekam in einer Lackfabrik Arbeit und legte täglich eine Nachtschicht bei einer Reinigungsfirma ein. „Er war sehr stolz, als er nach der Wohnung in Schongau noch sein eigenes Haus besaß“, berichtet Christl Wetzler.

Heimatbesuch mit schockierender Nachricht

Und Walter Kowalczyk? Der vergaß seinen Freund Fritz in Schwabniederhofen nie. Erinnerungen traten immer wieder die Reise über den großen Teich an. 1986 packte ihn dann auch das Reisefieber. Walter besuchte seinen Freund in Schwabniederhofen. Unangemeldet. Ein Besuch aus heiterem Himmel.

„Es war furchtbar für mich, ihm sagen zu müssen, dass mein Mann schon vor 16 Jahren gestorben ist“, erinnert sich Christl Wetzler, als Walter in ihr Haus kam. Weiter in den Aufzeichnungen: Walter blieb 14 Tage in Schwabniederhofen, dann fuhr ihn Christl mit meinem Auto zu den Bauern und in die Kaserne nach Mittenwald, wo er Wachsoldat war. Und beim Abschied, da musste Christl schwören, schon bald nach Chicago zu kommen. Das tat sie dann auch. Zusammen mit ihrer Nichte Heike flog sie zum Gegenbesuch nach Amerika. „Wir verlebten wunderschöne Tage.“

Unvergessen: Der Hagelsturm im Jahre 1956

Und der Besuch heute? Als Walter verstarb, fanden seine Söhne in alten Unterlagen die Adresse von Christl Wetzler, dazu etliche Erinnerungen an Schongau. Das weckte letztlich in Sohn Josef die Neugier. Er wollte wissen, was aus seiner Kindheitsstätte geworden ist. Und machte sich zur großen Freude von Christl Wetzler ebenfalls auf den weiten Weg über den großen Teich, um in Erinnerungen zu schwelgen.

Zwei Jahre lang hat er die Volksschule besucht, war in einer Bubenklasse. „Ich erinner mich noch an meinen Lehrer, der eine Brille trug. Und an zwei Mitschüler“, erzählt Josef. „Einer war der Toni Gut, der andere der Raimund Peter“, ergänzt er. Beide sind ebenfalls in die USA ausgewandert. Was Josef auch nie vergessen konnte: Den „gigantischen“ Hagelschlag 1956. So etwas habe er später nie mehr erlebt. „Im Tal, wo unsere Wohnung war, haben die großen Eisbälle viel zerschlagen.“

Josef, der in Amerika beim Militär seine Arbeitsstätte fand und auch in Vietnam zum Einsatz kam, fand in Chicago in einem von Polen besuchten Tanzlokal seine Ryszarda, die später seine Ehefrau wurde. „Eigentlich wollte ich immer ein amerikanisches Mädel heiraten, aber wo die Liebe halt hinfällt...“, sagt Josef. Christl Wetzler meint: „Er hat eine gute Wahl getroffen, eine sehr gute.“

Kontaktaufnahme

Falls sich ein ehemaliger Mitschüler an Josef Kowalczyk erinnert, kann gerne Kontakt zu ihm unter der E-Mail rysia48@aol.com aufnehmen.

Hans-Helmut Herold

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