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Helfer Daniel gießt die Bronze in die vorbereitete Gussform aus Gips. Egon Stöckle schaut zu.

Bildhauer Egon Stöckle aus Hohenfurch

Der Guss, aus dem die Träume sind

Hogenfurch - Jahrzehntelang schlummerte die alte Gips-Gussform eines bedeutenden deutschen Künstlers im Dornröschenschlaf dahin. Jetzt hat der Hohenfurcher Künstler Egon Stöckle dieser Form ein Gesicht gegeben. Eine geheimnisvolle Schöne wurde wachgeküsst.

Es ist die Zeit nach der Wende. In vielen Haushalten in den neuen Bundesländern wird entrümpelt, alte Hinterhofgebäude werden zum Teil viel zu schnell abgerissen. Auch an den Loschwitzer Elbhängen in Dresden, wo vor dem Krieg namhafte Künstler wohnten und ihre Ateliers hatten. Einer von ihnen war Curt Georg Bauch. Der 1887 in Meißen geborene Künstler stellte dort viele Figuren im Bronzeguss her. 1943 musste Bauch vor den Nazis aufgrund seiner Ablehnung des NS-Regiems in die Schweiz fliehen, 1945 wurde sein Atelier zerstört. Dabei gingen viele seiner Werke verloren.

Gipsform geriet wiederholt in Vergessenheit

Doch irgendwie schaffte es eine alte Gipsform, all die Jahre in einer Holzhütte zu überleben. Bis sie wegen eines Neubaus in einem Baumüllcontainer entsorgt werden sollte. Bei einem Spaziergang entdeckte eine Besucherin aus Hohenfurch dieses eckige undefinierbare zweiteilige Stück Gips. Für eine Schachtel Zigaretten an die Bauarbeiter wurde die Gipsform gerettet. Das gute Stück trat den langen Weg nach Hohenfurch an. Dort wurde es fein säuberlich in einem Regal untergebracht und geriet irgendwie in Vergessenheit.

Bis zu dem Zeitpunkt, als die Hohenfurcherin ihr Geburtshaus ihrer Tochter zeigen wollte. Dort unten am Lech, in idyllischer Lage. Viel hatte sich verändert, aus dem einfachen Bauernhaus wurde ein Atelier mit Arbeitsräumen. Der Bildhauer Egon Stöckle hat dort seine kleine Kunstfabrik eingerichtet. Einige seiner Werke sind dort zu finden, auch Gussformen in der aufgefundenen Art. Dann eine zaghafte Frage, ob man denn aus der alten Form „auch was machen könnte?“

Die Gipsform von Curt Georg Bauch landet bei Egon Stöckle – und gerät auch hier in Vergessenheit. Denn nur einmal im Jahr wird bei ihm in Bronze gegossen, man hatte den Termin immer wieder verschwitzt. Weil der in Kaufbeuren geborene Egon Stöckle in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag mit vielen Freunden und Kunstkennern feierte, kam man wieder auf die alte Gussform und machte jetzt Nägel mit Köpfen.

Erst müssen die beschädigten Teile ausgebessert werden

Stöckle holt sich für das Vorhaben Maya Franzen-Westermayer mit ins Boot. Die gelernte Kunstgießerin versteht ihr Fach. Vor allem für die Feinarbeiten ist sie eine wertvolle Mitarbeiterin. Ihr Gefühl für Temperatur und Mischungen bei den Arbeiten ist höher einzuschätzen als Lehrbuch-Theorie.

Egon und Maya müssen erst die beschädigten Teile am Einfülltrichter der Form ausbessern. Mit einer Kombination aus Gips und Lehm. So wie man das damals auch praktiziert hat. Keine Hektik, alles in stoischer Ruhe, die selbstgedrehte Zigarette und die Tasse Tee laden zum Gespräch ein. Was für eine Schönheit verbirgt diese Form? Die geschwungenen Linien ihrer Hüften entführen jedenfalls in die Zeit des Jugendstils.

Mit ihrer Fingerkuppe schmiert Maya vorsichtig alte Sanella-Margarine in die Form. Damit sollen Haarrisse und kleine Nähte abgedichtet werden. Dann ihr nächster Schachzug. Eine spezielle Mischung aus Paraffin, Bienenwachs und Kolophonium wird angerührt. Richtig gelesen, Kolophonium, über das Geiger und Chellisten ihren Bogen streichen. Die Dosierung ist Egon Stöckles Geheimnis. Maya streicht die Form von innen mit der heißen Lösung aus. „Gleichmäßiges Auftragen ist wichtig für eine blasenarme Unterschicht“, eine der wenigen Erklärungen von Maya. Stöckle erklärt: „Wir werden diese Figur im Wachsausschmelzverfahren gießen.“ Dazu muss mit dieser Form ein Wachspositiv hergestellt werden, das nach Bearbeitung als Modell dient.

Das Blumenmädchen wurde nach Jahrzehnten wiederbelebt.

Aber alles der Reihe nach. Die beiden bearbeiteten Gipshälften der Form werden zusammengefügt und verschlossen. Jetzt kann das heiße, aber sich schon wieder leicht abkühlende Wachs eingefüllt werden. Maya hat das Kommando übernommen. Mit ruhiger Hand gießt sie das Wachs in den Trichter der Form. Stöckle hält diese in Schräglage und verteilt das Wachs durch gleichmäßige Drehbewegungen. Der Meister zählt Sekunden. Auf sein Kommado wird die Form auf den Kopf gestellt, um das Wachs wieder aus der Form laufen zu lassen. Ein Rest, der als Positivform gedacht ist, bleibt in der Gipsform. Damit die Wachsschicht nicht in der Form abruscht und es unschöne Verzerrungen gibt, wird abschließend kaltes Wasser eingefüllt.

Die Unbekannte zeigt ihren Körper - noch in Wachs

Abkühlzeit ist Teezeit. Frisch zubereitet, dazu die gedrehte Zigarette für Maya. Eine Frage steht im Raum: Wie schaut die schöne Unbekannte aus? Dieses Rätsel löst Maya, indem sie die Form öffnet. Vorsichtig, Stück für Stück, kleine Mengen Wasser lösen das Wachs von der Form ab. Maya ist zufrieden, der Meister auch. Die Unbekannte zeigt ihren Körper.

Jetzt müssen die Anguss- und Luftentweichungskanäle an dem Wachsmodell angebracht werden. Eine Kunst für sich, undurchschaubar. Maya beherrscht sie. Nach einer Nacht im Wasserfass wird das Modell in einen Holztrog gelegt, der mit flüssigem Gips ausgefüllt wird, der aushärten muss. Drei Tage lang ist jetzt ein Saunaaufenthalt angesagt. 600 Grad Hitze ohne Aufguss. Das Wachs muss verbrennen, quasi eine Reinigung des Körpers der Figur.

Der Tag der Wahrheit. Heute gilt’s. Die Schöne soll in Bronze gegossen werden. Es geht Schlag auf Schlag. Der Bronzebarren wird im Schmelzofen auf knappe 1100 Grad erhitzt. Dauert gute zwei Stunden. „Wenn an meinem Kochlöffel nichts hängen bleibt, dann passt’s“, erklärt Stöckle im Feuerschein. Sein Kochlöffel ist eine dicke Eisenstange, Spezialanfertigung. Jetzt noch schnell einige Stücke Holz in die flüssige Bronze, das entzieht den Sauerstoff und gibt eine gewisse Oberhitze. Bei der Schwerarbeit des Gießens helfen zwei gute Freunde. Daniel und Ulrich, geschützt durch dicke Lederschürzen und Handschuhe, heben den gelb glühenden Eisenkübel mit der flüssigen Bronze aus dem Ofen und tragen ihn bis zur aufgestellten Gussform. Dort wird er in ein spezielles Gestänge eingebracht und mit dem Kran in die passende Position gefahren. Das Drehen und Einfüllen ist reine Handarbeit. Aber Gefühl wird groß geschrieben. Daniel besitzt es. Kein glühendheißer Tropfen soll danebenspritzen.

Alles schaut gebannt auf die glühend heiße Bronze

Stöckle gibt die Kommandos, alles muss passen, sonst ist die Arbeit von Tagen beim Teufel. Die Gespräche verstummen. Alle Augen sind auf das Eingussloch gerichtet, wie die glühend heiße Flüssigkeit dort verschwindet. Nur ein kleiner Punkt auf der Oberseite bleibt am Ende, dessen Farbe sich beim Abkühlen verändert.

Eine halbe Stunde kann unendlich lang sein. Nicht zu früh den Gips abschlagen oder auf die Figur klopfen, sonst besteht Warmbruchgefahr. Als das letzte Stückchen Gips von den Bronze abgebürstet und mit Wasser abgespült ist, erkennt man, wie gut man vorgearbeitet hat.

Gut, die erstarrten Gusskanäle müssen noch entfernt werden und noch jede Menge Nacharbeit steht auf dem Stundenplan. Aber es ist geschafft. Egon Stöckle hat einen Curt Georg Bauch geschaffen, ein besonderer Moment für den Künstler Stöckle. Sein Blick beim Betrachten der „Dame mit Blumenkorb“ verrät, dass sich der Aufwand allemal gelohnt hat. Stöckle hat ein Stück Dresdner Geschichte in das Schönachdorf geholt.

Hans-Helmut Herold

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