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Insgesamt 23 000 Fallschirmabsprünge Erfahrung bringen die Tandempiloten Dieter Dankesreiter (2. v.l.), Oliver Elze (rechts) und Kai Kühn (mit Brille) mit, die das Brautpaar Manuel und Tanja Dollinger sicher zu den wartenden Hochzeitsgästen (im Hintergrund) gebracht haben. Bürgermeister Marco Dollinger mit Brautstrauß war in alles eingeweiht und übergibt diesen wieder der Braut.

Zweimal Himmel und zurück

Kinsau: Per Tandemsprung ins Eheglück

Kinsau - Mit offenem Oldtimer zur Hochzeitsfeier vorfahren, sicherlich eine tolle Sache. Da werden viele Kameras gezückt, um diesen Moment festzuhalten. Manchmal auch mehr wegen des Fahrzeugs als des Brautpaares. Sich mit dem Hubschrauber einfliegen zu lassen – eher für die Botox-Gespritzten. Wirbelt viel Staub auf, unterstreicht den Geldadel. Wer´s mag – naja. Es gibt noch eine sehr luftige Variante, um die wartenden Gäste nahezu geräuschlos zu überraschen. Neugierig?

Die Montagehalle am Ortsrand von Kinsau ist festlich umgestaltet. Lang gezogene Tischreihen sind stilvoll für das Hochzeitsmahl gedeckt. Die Gäste im guten Zwirn prosten sich im Außenbereich mit Prosecco zu. Aber nur die Gäste nebst Bürgermeister Marco Dollinger. Der tritt ungeduldig von einem Bein auf das andere, sein Blick immer mal gegen den Himmel gerichtet. Schon stellt man sich die Frage, warum ausgerechnet er den Brautstrauß in den Händen hält. Wo ist das Brautpaar?

Wenige Stunden zuvor hat Bürgermeister Dollinger im Rathaus im historischen Pfarrhaus die beiden Eheleute getraut. Nichts Besonderes? Von wegen. Marco hat seinen jüngeren Bruder Manuel in den Hafen der Ehe segeln lassen. Nebst seiner Angetrauten Tanja. Eine runde familiäre Sache, ein ganz offizieller Akt unter Brüdern. Das kommt wirklich nicht alle Tage vor, dass man seinen großen Bruder als Standesbeamten vor sich hat und unter dessen Regie das Ja-Wort gibt. Von der Unterschrift auf die Urkunde mal ganz zu schweigen.

Doch jetzt sind die Eheleute einfach weg. Das Getuschel beginnt. Erst – wie sollte es anders sein – unter den weiblichen Gästen. Viel später geben die Herrn der Schöpfung ihren Senf dazu. Was ist geschehen? Eines der Mädels hat in einem stillen Kämmerlein das Brautkleid entdeckt. Fein ausgelegt, um Falten zu vermeiden. Daneben der Anzug des Bräutigams, Bügelfalte auf Bügelfalte. Die Schuhe gleich mit dabei. Das Getuschel bekommt reichlich Nahrung. Weibliche Logik überschlägt sich förmlich.

Des Rätsels Lösung kommt genau um 18.45 Uhr wie aus heiterem Himmel. Nicht nur sprichwörtlich, sondern ganz realistisch. Der Bürgermeister selbst überbringt den Gästen die frohe Botschaft, lautstark und nicht überhörbar. „Bitte nach oben blicken, Richtung so, wie ich zeige!“

Oh, jetzt hat der Ton militärische Formen angenommen. Fast vergessen, Bürgermeister Marco Dollinger ist ja auch noch Soldat. Daher weht der Wind. Gegen die Abendsonne ist das kleine Flugzeug nur schwer auszumachen. Doch das Motorenbrummen hilft zu Orientierung. Dann lösen sich plötzlich drei kleine Punkte von der Maschine. Oh Mann, kommen die Hochzeiter tatsächlich aus der Luft? Sie kommen, im Tandemsprung. Zwei Punkte fallen ganz ruhig, der dritte fegt quasi zwischen den beiden hin und her. Wie eine dicke Hummel zwischen den Blüten. Was ist das für ein wilder Hund ? Das typische Geräusch einer Fallschirmöffnung ist nicht unüberhörbar, Gott sei Dank. Denn die offenen Gleitschirme geben den Gästen ein wenig Beruhigung zurück. Aber es muss ja auch noch gelandet werden.

Während die drei bunten Fallschirmkappen im blauen Abendhimmel ihre Kreise ziehen, lüftet der Bürgermeister am Boden das Geheimnis. Er hat natürlich seine Finger mit im Spiel, ist in alles eingeweiht. Dollinger kennt natürlich auch die beiden Tandempiloten, mit denen dieser Himmelsabstieg geplant wurde. Einer davon ist Oliver Elze, mit dem der Bräutigam seit seiner Schulzeit dicke Freundschaft pflegt. So durch dick und dünn, Himmel und Hölle.

Und den Himmel hat er diesmal in den Vordergrund gerückt. Oliver, der schon viele Sprünge als Tandempilot absolviert hat, schenkte dem Brautpaar zur Hochzeit diesen Tandemsprung. Nicht etwa aus heiterem Himmel, Oliver wusste, dass Manuel Dollinger dazumal während seiner Zeit bei der Bundeswehr in Altenstadt seinen ersten Sprung gemacht hat. Mit dem großen Bruder Marco, der ja ebenfalls dort stationiert ist. Als „back to the roots“, auf in den Himmel.

„Doch was machen wir mit der Braut“, war die große Frage ? Nur dumm rumstehen und nach oben glotzen, gibt’s nicht. „Die muss mit“, die klare Ansage und Antwort von Manuel. Schließlich ist da ja noch der Dieter Dankesreiter, der seit Jahren als Tandempilot Passagiere sicher zur Erde bringt. Der wird mit ins Boot geholt und sagt sofort zu. Schließlich sind Dieter und Oliver an jedem Wochenende auf dem Sprungplatz zuhause, um ihrem Lieblingssport nachzugehen. Ein luftiges eingeschworenes Team im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Braut sagt zu.

Am Startplatz in Bad Wörishofen ist die Rollenverteilung. Oliver Elze schnappt sich die Braut Tanja, dem Dieter Dankereiter bleibt Bräutigam Manuel. Doch da ist noch ein dritter mit Fallschirm, die wilde Hummel. Er geht mit an Bord. Kai Kühn, der fliegende Trauzeuge. Er wird die beiden im freien Fall fotografieren. Nicht ganz einfach, denn die beiden Tandemspringer liegen ja mit nötigem Sicherheitsabstand in der Luft. Also ein schnelles Hin und Her in den Sekunden des freien Falls. Aber Kai hat genügend Routine, schließlich ist er auch Tandempilot und hat genügend Erfahrung auf dem Buckel.

Es klappt wie am Schnürchen. Erst landet der fliegende Fotograf Kai, danach Dieter mit Bräutigam Manuel. Schließlich will der seine Tanja in Empfang nehmen und ihr den Brautstrauß überreichen. Bruder Marco hat ihn wie seinen Augapfel gehütet. Jetzt legen auch Oliver mit Tanja eine Bilderbuchlandung vor den Gästen hin. Die Erde hat sie wieder. Jetzt kann gefeiert werden.

Hans-Helmut Herold

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