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Im Judoanzug des TSV Peiting fühlt sich Tareq Jamal pudelwohl. Auf der blauen Matte kann er seine Sorgen und die seiner in Syrien zurückgebliebenen Familie am ehesten ausblenden.

Die Geschichte eines syrischen Flüchtlings

Tareq Jamal, das geflüchtete Genie

Peiting - Tareq Jamal stammt aus Syrien und hat eine abenteuerliche Flucht nach Deutschland hinter sich. In Peiting hat sich der 23-Jährige schnell eingelebt und neue Freunde gefunden. Jetzt will er mehr.

Judo bedeutet Tareq alles. „Das ist meine Passion. Kein Sport, sondern Kunst“, sagt er. Man braucht viel Geduld und eine gute Technik. Tareq hat beides, ist mehrfacher syrischer Jugend-Meister. Dann bricht der Krieg aus, keiner traut sich mehr auf die Straßen. Das tägliche Training mit einem Profi aus Japan ist Geschichte, Tareqs großer Traum einer WM-Teilnahme vom Tisch. Gut drei Jahre lang ist er gezwungen, auf seine Leidenschaft zu verzichten. Dann entschließt er sich, Familie, Mechatronik-Studium und sein geliebtes Judo hinter sich zu lassen. Er flüchtet.

Tareq Jamal, 23, knappe 1,70 groß, lebt inzwischen seit mehr als einem Jahr in Deutschland. Nicht freiwillig. Der andauernde Krieg in Syrien hat ihn dazu gezwungen, dieses neue Leben in Angriff zu nehmen. Gemeinsam mit seinem Cousin (30) hatte er sich auf den Weg gemacht.

Zunächst fahren die beiden auf einem Touristenschiff in die Türkei. Klingt bequem. War es im Nachhinein betrachtet auch: An nur einem Tag schaffen sie diese Etappe. Ohne Probleme. Doch dann wird die Reise immer gefährlicher, lebensgefährlich.

"Ich war mir sicher, dass ich sterben werde"

Schleuser packen Tareq, seinen Cousin und gut 100 weitere Flüchtlinge auf ein kleines Fischerboot aus Holz. Immerhin motorisiert, aber völlig überfüllt. Seinen Rucksack mit Jacke und Decke muss er aus Platz- und Gewichtsgründen an der türkischen Küste zurücklassen. So beginnt Etappe zwei, Zwischen-Ziel Italien.

„Die war richtig schlimm“, seufzt Tareq. „Die Frauen und Kinder haben nur noch geschrien, ich war mir sicher, dass ich sterben werde“, berichtet er von jener Nacht, als sich der Sturm zu einem Orkan entwickelt und die zwei, drei, vier Meter hohen Wellen zu ungeheuerlichen Monsterwellen auftürmt. Das kleine Holzboot mit den hilflosen Flüchtlingen wird hin- und hergerissen. Es droht jeden Moment zu kentern, die Flüchtlinge zu ertrinken. Doch „Allah hatte Einsicht“, meint Tareq. Wie durch ein Wunder hält das Boot stand. Er, sein Cousin und alle anderen Flüchtlinge überleben.

Tareqs Fluchtroute: Am ersten Tag flieht Tareq auf einem Touristenschiff von Latakia in die Türkei. Nach einigen Kilometern auf Land, geht es wieder aufs Mittelmeer, diesmal 13 Tage am Stück. Die drei Boote kennzeichnen einen Boots-Wechsel auf hoher See (beliebte Schleusertaktik). Erst kurz vor der Küste Siziliens werden Tareq und die anderen vom Meer gerettet. Dass Tareq überlebt, grenzt an ein Wunder. Das rote Kreuz markiert den Bereich eines heftigen Unwetters, dass das Wasser zu Monster-Wellen auftürmt. Alle Flüchtlinge an Bord denken in dieser Nacht, dass sie ertrinken

13 Tage dauert letztlich dieser Höllen-Trip Türkei-Italien. Währenddessen müssen Tareq und die anderen gleich mehrmals das Boot wechseln (siehe Grafik). „Das ist die Taktik der Schleuser, um nicht erwischt zu werden“, sagt Tareq, der schließlich einige hundert Kilometer vor der Küste Siziliens von der italienischen Polizei vom Meer gerettet wird.

Plötzlich geht alles wieder ganz schnell, ganz reibungslos. Nach kurzem Aufenthalt in Sizilien fährt Tareq mit dem Zug über Rom und Mailand direkt nach München, wird dort in der Bayernkaserne aufgenommen und registriert. Zeit, für eine kurze Bilanz: Rund 4000 Euro hat Tareq für die Flucht insgesamt bezahlt. Viel Geld für ihn und seine Familie, vergleichsweise aber ist seine Flucht günstig. Viele Flüchtlinge, auch die aus Syrien, müssen 10 000 Euro oder mehr an die skrupellosen Schleuser zahlen. Aber egal, denkt sich Tareq, der einfach nur froh ist, noch am Leben zu sein.

Nach weiterem Kurzaufenthalt in Ingolstadt landet er schließlich in Peiting, erst in der Frühlingsstraße, dann bei Familie Sesar, den Besitzern der gleichnamigen Bäckerei. „Sehr nette Menschen, mit denen ich mich super verstehe“, sagt er.

Überhaupt ist Tareq positiv überrascht von der Freundlichkeit und Hilfsbreitschaft der Deutschen. „Im Vorfeld habe ich viel Schlechtes gehört. Von aggressiven Menschen, von Nazis. Aber das stimmt gar nicht.“ Vor allem nicht im Kreise seiner Peitinger Judoka, die ihn von Anfang an ins Herz geschlossen haben. „Bevor ich nach Peiting gekommen bin, dachte ich, da gibt es nicht mal einen Supermarkt. Als ich dann angekommen bin und auch noch auf Facebook die Judoabteilung des TSV gefunden habe, war ich überglücklich.“

Kochen ist für Tareq jetzt Alltag: Am liebsten macht er Mahaschi, gefüllte Zucchini mit Reis und Hackfleisch, serviert mit Tomatensoße. Wenn er weniger Zeit zum Kochen hat, gibt es „immer irgendetwas mit Kichererbsen“.

Bis zum Diplom hätte Tareq nur noch ein gutes Jahr gehabt. Doch das Leben in seiner Heimatstadt Latakia, die einzige große Hafenstadt Syriens (rund 400 000 Einwohner), ist wie ausradiert. Latakia wird zwar nicht vom Islamischen Staat beherrscht, aber vom Regime. Innerhalb der Stadt kontrollieren Assads Truppen, außerhalb die Rebellen. Ein bürgerliches Leben dazwischen? „Gibt es schon lange nicht mehr, in ganz Syrien nicht.“

Die einzig gute Nachricht. Das Haus von Tareqs Familie, direkt im Zentrum von Latakia, es steht noch unversehrt. „Mein Vater hat es selbst gebaut, sein ganzes Leben lang hart dafür gearbeitet.“ Für ihn kommt auf gar keinen Fall in Frage, sein Eigentum zu verlassen. Tareqs Vater, Mutter, Bruder (21) und seine zwei Schwestern (18 und 19) leben nach wie vor zuhause.

Jeden zweiten Tag nimmt Tareq über sein Smartphone Kontakt mit der Familie auf, erkundigt sich über die stets kritische Lage. „Seit dem Waffenstillstand ist es besser, davor sind fast täglich Raketen eingeschlagen“, so die aktuellsten Infos. Trotzdem fällt es Tareq schwer, die Sorgen seiner Familie von seinem neuen Alltag in Deutschland einigermaßen fern zu halten. Aber: Sein Wille ist ausgesprochen stark. Tareq hat klare Ziele, die er mit viel Disziplin verfolgt. Dafür büffelt er hart. Das fällt seinem Umfeld auf – positiv!

Im Kreise der Peitinger Judoka wird Tareq als Genie bezeichnet. Wegen seiner herausragenden Wurftechniken, klar. Vor allem aber wegen seiner Deutschkenntnisse. In nur einem Jahr lernt der Syrer diese bekanntlich schwierige Sprache, spricht sie mittlerweile fließend. Vertieft wird das Sprechen und Schreiben auf einer Sprachschule in München, die er von Montag bis Freitag besucht.

Sein Alltag sieht lange Zeit so aus: Morgens um 6 Uhr aufstehen, zum Peitinger Ostbahnhof radeln, mit der Bayerischen Regio- und Werdenfels-Bahn nach München pendeln, dort von 8 bis 13 Uhr die Sprachschule besuchen, danach wieder nach Hause fahren. Dann kochen, lernen, und abends die wenigen Stunden Freizeit mit Freundin, Judo oder Yoga genießen.

Am Schreibtisch mit Tabellenbuch für Metallberufe und Laptop: Tareq Jamal absolviert gerade ein Praktikum bei der Firma ept in Peiting, lernt dort Drehen, Fräsen und Schleifen, um die Zusage für ein Mechatronik-Studium zu bekommen. 

Das nächste Ziel? „Einen Platz an der Hochschule bekommen.“ Stand jetzt stehen die Chancen gut, dass Tareq in Augsburg im vierten Semester Mechatronik einsteigen kann. „In ein paar Wochen kommt auf, ob ich die Zusage bekomme.“ Das dafür notwendige Praktikum, sechs Wochen Drehen, Fräsen und Schleifen in einem Industriebetrieb, fängt er jetzt an. In der Lehrwerkstatt bei der Firma ept in Peiting, nur fünf Radlminuten von Familie Sesar entfernt.

Bis letztlich das Studium beginnt, versucht Tareq trotz Alltagsstress sich schrittweise zu erholen, körperlich wie mental. „Der Krieg, die Flucht, das alles hat mich sehr viel Kraft gekostet.“ Kraft, die ihm derzeit auch auf der Judomatte fehlt. Zumindest für seine Verhältnisse. „Ich hätte in Syrien gute Chancen gehabt, nach ganz oben zu kommen.“ Jetzt gilt für ihn, diese alte Form wieder zu finden.

Für die Peitinger ist Tareqs momentaner Fitnesszustand gerade recht. In kürzester Zeit mausert er sich beim TSV zum Punktgarant, mischt mit beeindruckenden Wurf-Techniken die Bayernliga auf. Unter anderem gewinnt er seine beiden Kämpfe (bis 73 Kilo) bei Tabellenführer Bushido Amberg, einen davon mit dem schönsten Wurf (Sieg durch Ippon) des Tages. Das war schon fast WM-reif, oder?

„Eine WM-Teilnahme wäre noch immer mein ganz großer Traum“, sagt Tareq mit breitem Grinsen im Gesicht. Der so unrealistisch nicht ist – nach all den Strapazen, die Tareq Jamal in seinen jungen Jahren schon erfolgreich gemeistert hat. 

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