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Führt nach vielen Jahren ein Leben ohne Sucht: Der Herzogsägmühler Bewohner Karl Hauser.

Herzogsägmühler Schicksal

Dem Würgegriff der Sucht entronnen

Herzogsägmühle - Mit 12 Jahren begann er zu trinken. Von Juni 1984 an endlich trockener Alkoholiker, geriet er in die Fänge des Spielteufels. Karl Hauser (Name von der Redaktion geändert), ist unter großen persönlichen Anstrengungen und mit Unterstützung von Selbsthilfegruppen dem Würgegriff der Süchte entronnen.

Der Preis war hoch: er musste Hunderttausende von Schulden bewältigen, verlor Haus und Hof. Heute lebt Karl Hauser in der schützenden Umgebung von Herzogsägmühle und hat hier seinen Ankerplatz gefunden. Über all das hat er ein Denk-Papier geschrieben, das vor allem eines nicht kennt – Selbstmitleid.

Eigentlich hatte er seine schonungslose Selbstkritik beim diesjährigen Sucht-Tag im Dorf öffentlich machen wollen, um ein warnendes Beispiel zu setzen. Ein Arzttermin machte einen Strich durch die Terminplanung. Im Gespräch über sein Leben und über sein bemerkenswertes Papier ließ er durchblicken, dass er an die Veranstaltung eines eigenen Informationsabends denkt. Sein Manuskript befasst sich, gestützt auf Informationsmaterial der Suchtstelle Hamm, zunächst generell mit der Spielerszene in Deutschland. Hausers Folgerung: „Glücksspiele wirken auf viele Menschen aufregend und interessant. Es geht um Spaß, Spannung und Hoffnung auf die großen Gewinne. Bei einigen Menschen hört der Spaß jedoch auf, wenn sie die Kontrolle über ihr eigenes Spielverhalten kontrollieren.“

Krankheit hat schleichenden Verlauf

Der Autor gibt die Erfahrung wieder, dass die sich daraus entwickelnde Glücksspielsucht eine Krankheit darstellt, die nicht von heute auf morgen, sondern in einem schleichenden Verlauf entsteht. Als besonders fatal bezeichnet er den Umstand, dass der Spielsüchtige aus einem Gewinn, vor allem einem größeren, immer wieder die Hoffnung auf den nächsthöheren Gewinn schöpft, sich immer mehr in einen Kreislauf verstrickt, an dessen Ende er in einem Meer aus Verzweiflung und Schulden versinkt.

Betroffenen rät er, sich am Höhepunkt dieser verhängnisvollen Entwicklung nicht mehr hinter Lügen zu verstecken, sondern offen mit der Situation umzugehen und mit Menschen des Vertrauens darüber zu reden. Karl Hausers dringender Rat an die Familien Süchtiger: Geben Sie dem Spieler kein Geld mehr; bezahlen Sie keine Rechnungen, keine Miete, keine Lebensmittel mehr; versuchen Sie, ihm die Kontovollmacht zu entziehen. Bieten Sie ihm an, wenn er einsichtig ist, zu einer Beratungsstelle oder in eine Selbsthilfegruppe zu gehen.

Zu seiner Biografie erzählt der heute 59-jährige, der fast drei Jahrzehnte lang als Lkw-Fahrer gearbeitet hat, dass er nach den Anfängen der Trinkerei als 12-Jähriger und unter dem Eindruck persönlicher Tragik (er erfuhr mit 16 Jahren, dass die vermeintlichen Eltern, mit denen er zusammenlebte, gar nicht seine leiblichen waren) als 17-Jähriger an die falschen Freunde geraten sei. „Mit 25 dann war ich nur noch am Saufen, konnte nicht mehr arbeiten und brauchte am Tag zwei Flaschen Schnaps.“

Er habe sich dann zu einer Langzeittherapie in einer Suchtklinik in Radevormwald bei Wuppertal entschlossen und sei seit nunmehr 32 Jahren trockener Alkoholiker. Er sei auch regelmäßig zu einer Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes für Menschen mit Alkohol- und Medikamentenproblemen gegangen.

Mit der Zeit habe er wieder Kontakt zu den alten, nach eigener Erkenntnis falschen Freunden aufgenommen. Die hätten ihn wieder aufgenommen, auch ohne dass er Alkohol getrunken habe. Ab und zu sei man ins Kino und zum Billard-Spielen in eine Spielhalle gegangen. Als Karl Hauser zufällig beobachtete, wie einer seiner Kumpel zwei Mark in einen Spielautomaten warf und der 30 Mark als Gewinn ausspuckte, habe er nur so im Spaß besagt: „Das kann ich auch!“

Das ganze Wochenende in der Spielhalle

Dass er nach kurzer Zeit bei geringem Einsatz 150 Mark gewann, begründete das nächste Verhängnis, wie er heute reflektiert, geradezu zwangsläufig: „Nach fünf Monaten hatte mich die Sucht so fest im Griff, dass ich meine Freunde vernachlässigte, gleich nach der Arbeit in die Spielhalle fuhr, dort die halbe Nacht und das Wochenende verbrachte, einfach meine Ruhe wollte, denn der Automat widerspricht nicht“. Karl Hauser nahm Kredite auf, häufte in relativ kurzer Zeit 40 000 Mark Schulden an. Er ging in eine Selbsthilfegruppe. Als deren Leiter aus beruflichen Gründen das Amt aufgab, zerbrach die Gruppe und die Orientierungsperson fehlte. Er verfiel der Spielsucht heftiger als zuvor. Die Schulden gingen in den höheren sechsstelligen Bereich. Zu seiner finanziellen Lage damals sagt er: „Ich verdiente so 1300 bis 1400 Euro im Monat, musste aber 1000 Euro im Monat für Kredite zurückzahlen“. Ende vom Lied: Karl Hauser meldete Privatinsolvenz an.

Er schreibt dem endlosen Dauer-Stress eine schwere Krankheit zu. Im August 2013 bekam er die Diagnose Krebs – Tumor an einer Niere, von der ein Teil entfernt werden musste. Depressionen, Angstzustände, Selbstmordgedanken, Karl Hauser machte das ganze Programm psychischer Extremsituationen durch. Er bilanziert im Nachhinein: „Ich war in meinem Leben zweimal ganz unten, einmal mit Alkohol, einmal nach Spielsucht und Hausverkauf.“

Er gelangte schließlich nach Herzogsägmühle. Hier lebt er erstmals in seinem Dasein ohne Bevormundung, eigenständig im geschützten Rahmen und psychisch stabil. Er geht literarischen Neigungen nach und schreibt unter anderem Sketche. In der TBA (Tagesstrukturierende Beschäftigungsangebote) ist er Dauerbesucher. Er schätzt die menschliche Wärme dort und die Möglichkeit, auf verschiedenen Feldern kreativ tätig zu sein. Karl Hausers Fazit: „Ich habe mein Auskommen, mein Essen, meine Wohnung, meine Beschäftigung. Dahin, wo ich über 40 Jahre Sucht verbracht habe, will ich nie mehr kommen“.

Rüdiger Matt

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