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Taxi-Dienst für nächtlichen Flüchtlings-Trek

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Das Ausladen des Transporters im Flüchtlingscamp lief nach Anlaufschwierigkeiten perfekt. Links Ralf Schnabel. © fkn

Schongau/Bapska - Erschöpft, glücklich, traurig – mit vielen Eindrücken sind der Schongauer Stadtrat Ralf Schnabel und sein Hohenfurcher Begleiter Dominik Kugelmann aus dem kroatisch-serbischen Grenzgebiet zurückgekommen. Beide wollen weiter in der Flüchtlingsarbeit bleiben.

Schnabel und Kugelmann haben vor Ort in Bapska als Freiwillige der Intereuropean Human Aid Association (IHA) bei der Bewältigung des Flüchtlingsansturms geholfen, der an den EU-Außengrenzen immer mehr anschwillt. Sie wurden dringend gebraucht: „Man kann sich nicht vorstellen, wie es dort zugeht, wenn man nicht vor Ort war“, sagt Kugelmann.

Obwohl Schnabel die viertägige Reise spontan und kurzfristig organisiert hatte, lief alles glatt: Auch dank der Berichterstattung in den Schongauer Nachrichten war der gemietete Transporter voll mit dringend benötigter Kleidung, Zelten, Schlafsäcken und Isomatten, als es am frühen Samstagmorgen losging. Erst kurz vor dem Ziel gab es ein kleines Problem, als der Lieferwagen dank fehlgeleiteter Navi-Daten in einem Feldweg feststeckte, aber schnell wieder freigeschleppt wurde. „Die kannten das schon, da waren wir nicht die ersten“, so Schnabel.

Im Camp war der IHA-Kontaktmann schnell gefunden, Schnabel und seine Mitstreiter – es waren noch zwei Helferinnen aus München dabei – ließen sich registrieren und durften daraufhin in das Flüchtlingscamp mit mehreren tausend Bewohnern. „Die Zelte standen auf einem Schlammboden, zum Teil auf Euro-Paletten, damit die Menschen nicht direkt auf der Erde schlafen müssen“, so Schnabel. Ein Problem gab es jedoch beim Ausladen des Transporters: Schnabel und Co. durften damit nicht zu den Lagerzelten, sondern mussten alles per Schubkarren 500 Meter weit hinfahren. „Das hat keiner verstanden, nach zwei Fuhren waren wir fix und fertig“, so Schnabel. Schließlich durften sie doch mit dem Klein-Lkw hinein, innerhalb einer Stunde war der Lieferwagen ausgeräumt – und weil Schnabel und Kugelmann daheim alles perfekt sortiert hatten, konnte das Material viel passgenauer abgegeben werden als bei den anderen Spendern.

Mit dem Geld, das Schnabel daheim durch Spenden zusammenbekommen hatte, kaufte er vor Ort Dutzende Paar Schuhe. „Da hatten wir viel zu wenig dabei. Die waren dringend nötig und wurden zielgerichtet an die Flüchtlinge verteilt, die bei sechs Grad, Wind und Regen noch mit Sandalen unterwegs waren.“ Das restliche Geld ließ er bei den Helfern vor Ort.

Ansonsten halfen Schnabel und Kugelmann, wo sie gebraucht wurden. Einmal hieß es vom Roten Kreuz, das die Organisation des Camps innehatte, es werden dringend Unterstützer bei der Getränkeausgabe benötigt. „Da waren wir dabei und haben 700 Menschen versorgt“, so Schnabel. Sein schlimmstes Erlebnis war eines Nachts: Weil keine Busse mehr fuhren, zogen kilometerlange Schlangen an Asylbewerbern von der Grenze zu Fuß Richtung Camp. Schnabel fuhr stundenlang hin und her, gabelte Flüchtlinge auf und brachte sie ins Trockene. „Da kam ich mir vor wie im Zweiten Weltkrieg, nur die Bomben haben gefehlt“, kommentiert er bitter.

Vor allem Schuhe wurden benötigt, viele hatten noch Sandalen an

Der 52-jährige Schnabel kam während der vier intensiven Tage wenigstens auf einige Stunden Schlaf, „ich stecke das nicht so weg wie die jungen Leute“. Die seien teilweise 22 Stunden auf den Beinen gewesen. Enttäuscht war er von den Nicht-Regierungsorganisationen, „da könnte man mehr machen“. Die örtliche Polizei dagegen habe sich, mit wenigen Ausreißern, sehr gut verhalten.

Nach der Rückkehr am Mittwochmorgen um 4.30 Uhr muss Schnabel noch vieles des Erlebten verarbeiten. Er will weiter aktiv sein, aber von daheim, weil er als Selbstständiger nicht ständig weg sein kann. Zudem ist seine Garage daheim noch halb voll, da muss er schauen, wo er die Spenden unterbringt. Kugelmann (19) dagegen hat richtig Blut geleckt und will sich in vier bis sechs Wochen wieder auf den Weg machen: „Ich habe dort einige Leute kennengelernt, die auch schon mehrfach vor Ort waren. Denn es ist einfach schön, wenn man Kindern ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern kann.“

Boris Forstner

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