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Eine letztes Mal bringen die Milchbauern von Burggen ihre Milch zur Sammelstelle, dann ist Schicht im Schacht. In Zukunft wird die Milch direkt von den Höfen abgeholt. Mit dabei auch 1. Vorstand Christian Moser (ganz rechts). 

In Burggen

Die letzte Milch-Sammelstelle ist Geschichte

Burggen - Der Zeiger der Fliegeruhr von Milchmesser und Probennehmer Ernst Ehlich zeigt genau 8.34 Uhr, als an diesem 30. April der Milchsammel-Tankwagen von Fritz Schmölz die Sammelstelle mit 2500 Liter des weißen Goldes verlässt. Ein letztes Mal brachten zehn Bauern am Vormittag ihre Milch dorthin. Ab jetzt ist die Sammelstelle der Molkereigenossenschaft Geschichte.

Viele Geschichten könnte Milchmesser Ernst Ehlich an diesem Morgen erzählen. Kuriose, nachdenkliche und auch lustige. Nahezu 20 Jahre lang hat er in der letzten der ehemaligen fünf Käsküchen seinen Dienst verrichtet. Halt, falsch formuliert. Die letzte der Käsküchen war gar keine Käsküche mehr. Es war nur eine Sammelstelle. Ernst Ehlich nimmt es ganz genau, als er dies richtigstellt. „Käsküchen waren es bis 1960, dann wurde die Milchverarbeitung in Burggen eingestellt.“

Leider, wie man aus den Ausarbeitungen von Bruno Faller entnehmen kann. Er hat ein Stück Dorfgeschichte zu einer kleinen Ausstellung für diesen historischen Tag zusammengetragen. Stolz präsentiert er dabei auch fünf Medaillen in Silber, die der damalige Molkereimeister und Betriebsleiter Simon Knöpfle für seinen Camembert erhalten hat. Ein Leckerbissen und Zungenschnalzer, wie es alte Burggener noch wissen. Quasi ein Stück Normandie in Burggen. Daneben wurde auch noch Romadur und Stangenkäse vor Ort hergestellt. Käsemanufaktur in Burggen, oh là là!

"Die letzten beiden Umschläge mit Milchgeld"

Es ist kurz vor 8 Uhr, als Ernst Ehlich die Sammelstelle aufsperrt. „In Burgga standa se neet so fria auf“, der Spruch dazu von einem der Nachbarn. Die Vorbereitungen von Ehlich wie bei jeder der Anlieferungen. Jeder Handgriff sitzt, alles akurat. Daneben deponiert er noch zwei Kuverts in den Postfächern neben seinem Stehpult. „Die letzten beiden Umschläge mit dem Milchgeld“, seine kurze Erklärung. Ludwig Schmölz und Manfred Hörmann die beiden glücklichen Empfänger.

20 Jahre lang führte er Buch über die Milchanlieferungen: Milchmesser und Probennehmer Ernst Ehlich. 

Ehlich überprüft die Milchwaage. Streichelt mit der Hand über das gute Stück. Fühlt die angenehme erhoffte Wärme auf der Oberseite, ein letzter Check vor der Milchanlieferung. Dann sprudelt es förmlich aus ihm heraus. Er singt wahre Lobeshymnen über die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Waage. „Ein Wunderwerk der Technik“ nennt er sie. Über 50 Jahre in Betrieb, noch nie ist sie ausgefallen. Mit Strom wird sie aufgewärmt, damit sich im Inneren kein Kondenswasser bildet. Alle zwei Jahre kommt jemand aus München und eicht sie. „Hätte sie den Geist aufgegeben, keiner hätte sie mehr reparieren können.“ Ist jetzt auch Geschichte.

Günter Sprenzel ist der erste, der mit seinem Deutz Bulldog das Milchfass anliefert. Aber ganz so einfach geht es heute nicht. Schließlich hat sich für diesen historischen Tag das Bayerische Fernsehen angemeldet. Doch die sind noch im Stall von Gottfried Linder bei den Dreharbeiten. Für ihn zählt dieser Tag doppelt. Schluss mit der Milchanlieferung und Schluss für ihn mit der Stallarbeit. Gottfried hat seine Landwirtschaft übergeben, er melkt an diesem Morgen das letzte Mal. Vor laufender Kamera, bis alles im Kasten ist.

Jetzt kommen die Anlieferer zum Zug. Kräftig durchgemischt, plötzlich eine Frau an vorderster Front. Petra Linder eröffnet bei Erich den Reigen. In Lauerstellung Ludwig Schmölz. Optisch aufgepeppt, als wolle er an einem Festzug teilnehmen. Mit grünen Girlanden hat er das Milchfass verziert, das Taferl mit der Aufschrift „Ende“ ist nicht zu übersehen. Ludwig trägt’s mit Humor und steht ganz schnell im Mittelpunkt der Kamerafrau für die Abendschau. „Ludwig on TV“.

Letzter Mann, letzter Milchtransportbehälter. Alfred Kargl nahm´s mit Humor und Gesang.

Lautes Gelächter im Innenraum der Sammelstelle. Ernst hat einen zum Besten gegeben. Einen aus seiner Erinnerung. Damals am heiligen Abend, als die Enkelkinder zur Bescherung unter dem Christbaum versammelt waren. Nur Erich fehlte, weil er in der Sammelstelle wartete. Nicht aufs Christkind. Einer der Bauern, der letzte auf der Liste, hatte auf dem Kanapee ganz vergessen, dass Heiliger Abend ist. Kann auch eine Bescherung sein.

Eduard Hofmann rückt an. Die Kombination, die er schiebt, ist sehenswert. Ein modernes Milchfass in Edelstahl auf einer Art Lafette des siebenjährigen Krieges. Alles Handarbeit, ein Schmied hat vor über 70 Jahren das Ding hergestellt. Und es hat bis zum heutigen Tag gute Dienste geleistet. Wer weiß, was Eduard in Zukunft mit dem ehernen Handwagerl anstellt.

"Abschied ist ein scharfes Schwert"

Ein Sänger unter den Milchbauern, er übertönt sogar den Motor seines JHC Bulldogs. Alfred Kargl schmettert als Lied des Abschieds „Abschied ist ein scharfes Schwert“. Gut, von Roger Whittaker gesungen würde die Schließung der Sammelstelle noch mehr aufs Gemüt schlagen. Was soll’s, der Kargl ist auf alle Fälle der Letzte im Bunde. 104 Liter werden ihm aus seinem Sammelbehälter abgesaugt. Dann ist Schicht im Schacht. Für die anliefernden Bauern.

Jetzt schlägt die letzte Stunde für Fritz Mrasek. Natürlich nur in Bezug auf die Sammelstelle. 80 Jahre ist er mittlerweile, aber fit wie ein Turnschuh. Er entfernt alle Schläuche und Leitungen. Das hat er mit 18 Jahren beim Butterwerk gelernt, heute klappt jeder Handgriff noch genau so. Daneben säubert Ernst Ehlich nochmals alle Wannen und Tanks. Wie er es 20 Jahre lang als Milchmesser getan hat. Eine letzte Streicheleinheit bekommt der Pasteur, eine Edelstahlrarität vergangener Zeit. „Hat damals 24 000 Mark gekostet“, weiß Ernst noch zu berichten. Ein letzter Kontrollblick, dann löscht er das Licht. So war es schon immer, der Letzte macht das Licht aus.

Hans-Helmut Herold

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