+
Den Gipfel vor Augen: Dario Haselwarter auf dem steilen Weg hinauf zur Königsspitze. Der beeindruckende Berg gehört zu den höchsten des Ortlergebirges (Dolomiten) in Italien und ist stolze 3851 Meter hoch.

interview mit dario haselwarter

Ausbildung der Extreme

Schongau - Mit den Kameras des Bayerischen Rundfunks im Nacken, meisterte Dario Haselwarter eine der härtesten Ausbildungen Deutschlands – die zum Berg- und Skiführer. Im SN-Gespräch erzählt der 28-jährige Schongauer von seinen ersten Skitouren, den wildesten Bergen und einer Gefahr, die nicht wirklich berechenbar ist.

Herr Haselwarter, es heißt, man braucht für die Berg- und Skiführerausbildung überdurchschnittlich hohes Können in Fels, Eis sowie auf Skiern. Was heißt das?

Dario Haselwarter: Die Krux liegt darin, dass es sehr viele verschiedene Disziplinen sind, die sich nicht wirklich gegenseitig befruchten. Ein guter Skifahrer ist nicht automatisch ein guter Eiskletterer. Als Berg- und Skiführer sollte man aber beides auf einem guten Niveau beherrschen.

Sie sind so ein Multitalent. Erinnern Sie sich noch an die Anfänge?

Haselwarter: Klar. Zum Bergsteigen gekommen bin ich durch meinen Vater, der mit mir erste Skitouren gegangen ist. Da war ich zehn Jahre alt. Das hat mir schon damals getaugt.

Leichtere Touren wie aufs Hörnle?

Haselwarter: So ähnlich. Teufelsstättkopf, Kreuzspitze und Geierkopf, die klassischen Touren, die man von Schongau aus so macht.

Mit den Jahren wurden die Touren immer länger, immer schwieriger?

Haselwarter: Ja. Ich bin dann der Jugendgruppe des Schongauer Alpenvereins beigetreten. Dort habe ich das Bergsteigen, vor allem das Klettern, so richtig kennengelernt.

Wussten Sie schon damals, dass sie eines Tages Berg- und Skiführer werden möchten?

Haselwarter: Die Initialzündung kam zu Beginn meines Medizinstudiums in München, als ich in den Expeditionskader des Alpenvereins berufen wurde. Dadurch war ich über drei Jahre immer wieder mit sehr erfahrenen Bergführern unterwegs. Von denen habe ich das Berufsbild des Berg- und Skiführers intensiv kennengelernt und gewusst, dass es mit diesem Beruf klappen könnte.

Wie kommt man letztlich zu dieser außergewöhnlichen Ausbildung?

Haselwarter: Man bewirbt sich mit einem Tourenbericht beim VDBS, das ist der Verband der Deutschen Berg- und Skiführer.

Was steht in diesem Tourenbericht?

Haselwarter: Zum Beispiel müssen viele große kombinierte Wände mit einer Wandhöhe von mehr als 500 Metern nachgewiesen werden.

Zum Beispiel?

Haselwarter: Hmm... Da gibt es einige. Ich habe die Eiger Nordwand reingeschrieben. Die Tour ist zwar kein Muss, aber für die Bewerbung sicherlich nicht das Schlechteste.

Was wäre eine etwas leichtere, klassische Bewerbungs-Tour?

Haselwarter: Zum Standard gehören Nordwände in Chamonix, die Ortlerwand, die Zinnen-Nordwand in den Dolomiten oder aus unserer Region die Laliderer Wand.

Laliderer Wand?

Haselwarter: Das ist die mit höchste Wand in den nördlichen Kalkalpen. Sie befindet sich im Karwendelgebirge, direkt über der Falkenhütte.

Als „das wildeste in den Alpen“ bezeichnet Dario Haselwarter die Berge im französischen Chamonix. Hier kraxelt er die Nordwand der Aiguille Verte (4122 Meter) hoch. Sie gilt als schwierigster Viertausender der Alpen.

Das klingt eher nach Klettern im Sommer. Was wird in Sachen Skitour vorausgesetzt?

Haselwarter: Gern gesehen werden zum Beispiel Skitouren auf den Piz Palü oder Großglockner. Grundsätzlich muss hervorgehen, dass man bereits mehrmals mit Skiern in vergletschertem Gelände unterwegs war.

Sie haben alle Bewerbungskriterien erfüllt. Wie ging’s dann weiter?

Haselwarter: Mit einem Eignungstest im Winter, der Eisklettern und Skifahren beinhaltet. Und einem Eignungstest im Sommer, der grob gesagt das klassische Bergsteigen beinhaltet.

Was mussten Sie dann bewerkstelligen?

Haselwarter: Die großen Inhalte der Berg- und Skiführerausbildung sind Eisklettern, Felsklettern und Skifahren. Immer zweigeteilt.

Zweigeteilt?

Haselwarter: Einerseits geht es um das persönliche Können, also darum, sich zu verbessern. Andererseits um das Führen – also wie man es als guter Bergsteiger schafft, eine Tour für einen weniger guten Bergsteiger sicher zu gestalten. Ist man nämlich mit einem gleichguten Kumpel unterwegs, klettert man oft seilfrei – mit einem Gast geht das natürlich nicht.

Sie deuten es an. Als Berg- und Skiführer trägt man enorme Verantwortung, braucht in kritischen Situationen Nerven aus Stahl. Sind Sie schon immer dieser coole Kerl gewesen?

Haselwarter: (grinst) Das vielleicht nicht. Aber es gibt im Vergleich zu anderen Berufen schon einen entscheidenden Unterschied. Vergleich: Als Arzt hat man zwar auch Verantwortung für das Leben eines anderen, aber wenn man sich nicht ganz grobfahrlässig verhält, hat ein Fehler keine Auswirkungen auf das persönliche Wohl. Wenn ich allerdings auf einer Skitour das Lawinenrisiko falsch einschätze, wird es ganz schnell auch für mich extrem gefährlich.

Ist es gerade das, was Sie an diesem Beruf reizt?

Haselwarter: Das macht es in jedem Falle spannend, kann aber auch viel Bauchweh bereiten.

Wie meinen Sie das?

Haselwarter: Als Bergführer muss man sich ständig vergegenwärtigen, dass es in Situationen, in denen man sich selbst noch wohl fühlt, für den anderen schon sehr unangenehm sein kann. Das muss man rechtzeitig erkennen und entsprechend danach handeln. Viele Leute, die bereits eine Tour gebucht bzw. bezahlt haben, wollen für ihr Geld auch was erleben. Gerade dann ist es nicht leicht zu erklären, dass es witterungsbedingt zu gefährlich ist, die Tour abgesagt werden muss.

Das erfordert viel Einfühlsamkeit und sehr gute Menschenkenntnis.

Haselwarter: Zumindest sollte man großen Spaß daran haben, mit fremden Menschen zu arbeiten.

Fremd ist ein gutes Stichwort. Während der Berg- und Skiführerausbildung sind Sie und zwei Kollegen vom BR (Bergauf-Bergab) begleitet worden. Bedeuteten die Kameras im Nacken zusätzlich Druck und Stress?

Haselwarter: Man muss fairerweise sagen, dass der BR nur bei einem Bruchteil der Ausbildung dabei war. Wenn, dann wurde aber in Echtzeit gedreht, deshalb war es gerade bei den Prüfungen selbst schon eine ziemlich unangenehme Situation.

Inwiefern?

Haselwarter: Im Nachhinein ist alles cool, weil wir die Prüfungen auf Anhieb geschafft haben. Aber die Vorstellung, man wäre vor laufender Kamera durchgefallen, ist schon extrem. Auf der anderen Seite finde ich das Projekt super, weil es eine gute Werbung für den Bergführer-Beruf ist. Ich bin davon überzeugt, dass der Beitrag vielen Leuten taugt. Und für uns Prüflinge ist es eine schöne Erinnerung an eine aufregende Zeit.

An eine Zeit mit vielen Höhepunkten?

Haselwarter: Definitiv. Der Moment, wenn man den Prüfern gegenüber sitzt und gesagt bekommt, die Prüfung bestanden zu haben – das ist schon ein extrem gutes Gefühl. Vor allem nach der letzten, das war bei mir die Felsprüfung in den Dolomiten.

Das erfolgreiche Prüfungsergebnis toppt also das Gifpelgefühl?

Haselwarter: So schön die Momente während der Ausbildung waren – Arbeit ist halt Arbeit. Die großen Touren, die man macht, um seinen persönlichen Ehrgeiz, die persönliche Leidenschaft, zu befriedigen, macht man privat, nicht bei der Bergführer-Ausbildung.

Die Ausbildung war also alles andere als Zuckerschlecken. Gab’s sogar Momente, in denen Sie abbrechen wollten?

Haselwarter: Eigentlich nicht. Mir hat die Ausbildung immer Spaß gemacht, ich bin immer gerne hingegangen. Und ich habe sie nie in Frage gestellt. Wobei ich auch das große Glück hatte, dass bei mir alles glatt gelaufen ist.

Jetzt mal ehrlich, vor welcher Prüfung hatten Sie so richtig Bammel?

Haselwarter: Sagen wir so... weil ich es am häufigsten mache, bin ich mehr Kletterer als Skifahrer. Deshalb habe ich vor dem Skifahren schon ein bisschen mehr Respekt gehabt. Richtige Angst hatte ich davor aber auch nicht.

Gab’s trotzdem eine Extrem-Situation?

Haselwarter: Eine gewisse Gefahr herrscht immer, weil man vom Berg leider selten eine Rückmeldung bekommt. Es gibt im Grunde nur zwei Arten von Feedback: Unfall oder kein Unfall. Wir hatten zum Glück keinen Unfall. Ob es allerdings daran lag, dass wir alles richtig gemacht haben, oder einfach nur Glück hatten, kann ich nicht sagen.

Ist das Einschätzen der Gefahren die größte Herausforderung des Bergführers?

Haselwarter: Mit Sicherheit. Objektive Gefahren, die vom Berg ausgehen, sind immer schwer einzuschätzen. Vor allem die Lawinengefahr. Da bleibt immer ein gewisses Maß an Unsicherheit zurück. Bei der Ausbildung hat es aber keine Momente gegeben, wo man hinterher sagen würde, das war eine ganz krasse Fehleinschätzung.

Zurück zur Gegenwart: Sie haben die Ausbildung zum Berg- und Skiführer mit Erfolg bestanden. Und jetzt?

Haselwarter: Es gibt in Deutschland generell zwei Arten von Bergführern. Hauptberufliche, die damit ihren kompletten Lebensunterhalt bestreiten. Und die Nebenberuflichen. Es gibt welche, die für Schulen oder Agenturen arbeiten, und die Selbstständigen.

Welcher Bergführer-Typ sind sie?

Haselwarter: Ich habe bereits diesen Winter als hauptberuflicher Bergführer gearbeitet. Wie die meisten Neulinge für eine Schule. Wenn man sich mal einen Namen gemacht hat, die Leute auf einen zugehen, kann man sich selbstständig machen, dann bleibt die Kohle nicht in der Mitte hängen.

Stichwort Kohle: Was verdient ein Bergführer?

Haselwarter: Die Bergführerei ist letztlich ein weites Feld – von Kinderkursen bis hin zu Führungs–coaching für Manager ist alles dabei. Der vom VDBS empfohlene Tagessatz mit Privat-Gästen liegt derzeit bei 450 Euro pro Person. Als Nicht-Selbstständiger bekommt man 250 bis 300 Euro am Tag.

Wäre der selbstständige Berg- und Skiführer Ihr großer Traumberuf?

Haselwarter: Nicht ganz. Man kann sagen, dass ich mit dem Medizinstudium und der Bergführerausbildung meine zwei Traumberufe gefunden habe. Jetzt wird sich zeigen, in welchem Verhältnis man die beiden kombinieren kann.

Im Optimalfall 50:50?

Haselwarter: Das muss nicht unbedingt sein. Eine Festanstellung als Arzt im Krankenhaus hat schon seine Vorteile. Als selbstständiger Bergführer ist man sehr viel unterwegs und muss ständig schauen, wo man bleibt. Wenn man später mal Familie hat, stelle ich mir das ganze schwierig vor.

Perfekt wäre für Sie doch die Kombination aus beiden Berufen – der Bergwachtarzt.

Haselwarter: (lacht) Sagen wir so. Ich bin vor kurzem zu meiner Freundin nach Innsbruck gezogen, fange dort im September mit der Ausbildung zum Allgemeinmediziner an. Damit kann ich mich für viele verschiedene Richtungen entscheiden.

Bleibt da überhaupt noch Zeit für private Berg- bzw. Klettertouren?

Haselwarter: Schon. Ich bin jetzt für drei Wochen privat in den USA unterwegs. Klettern im Yosemite-Nationalpark.

Klingt traumhaft. Verstecken sich dort Ihre Lieblingsberge?

Haselwarter: Das ist schon sowas wie ein Traum. Aber mit am besten gefallen mir die Berge bei uns daheim, die Ammergauer Alpen, das Wettersteingebirge. Wunderschön sind natürlich auch die Dolomiten. Wobei... Chamonix ist immer wieder am Beeindruckendsten – das ist das wildeste, was es in den Alpen gibt.

Wovon Sie schwärmen, bekommen andere Alpträume. Was sagen denn Freunde und Familie zu Ihrem extremen Hobby bzw. Beruf?

Haselwarter: Mein mittlerer Bruder geht selbst viele Skitouren, kann das alles gut nachvollziehen. Und meine Eltern... (grübelt kurz) Es ist ja nicht so, dass ich das von heute auf morgen angefangen habe. Und außerdem habe ich auch noch ein ganz anders, normales Leben, in dem sich nicht alles ums Bergsteigen dreht. Darüber unterhalte ich mich dann mit Mama, die keinen großen Zugang zum Bergsport hat.

Klingt vernünftig.

Haselwarter: (lacht) Natürlich ist Bergsteigen meine größte Leidenschaft, aber eben nicht alles. Es gibt nicht nur durch die Medizin andere Interessen.

Dario Haselwarter im BR

Der Schongauer wurde von „Bergauf-Bergab“ begleitet. Teil II kommt am Sonntag, 22. Mai, um 18.45 Uhr im BR.

Auch interessant

<center>Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l</center>

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l
<center>Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l</center>

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen
<center>Schokoladen-Set zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Meistgelesene Artikel

Falsche 50-Euro-Scheine am Schongauer Weihnachtsmarkt

Schongau – Am Schongauer Weihnachtsmarkt sind beim Eröffnungsabend am Donnerstag zwei falsche 50-Euro-Scheine in Umlauf gebracht worden.
Falsche 50-Euro-Scheine am Schongauer Weihnachtsmarkt

Besinnliche Klänge und Gerd Anthoff

Weilheim-Schongau – Viel Musik liegt in der Luft: Das Wochenend-Programm im Schongauer Altlandkreis ist nicht nur dank Blasmusik vollgepackt bis oben hin.
Besinnliche Klänge und Gerd Anthoff

Weihnachtsbeleuchtung für Stadt teurer

Schongau - Auch in diesem Jahr wurden die Schongauer Unternehmen um einen Beitrag zur weihnachtlichen Inszenierung der Schongauer Altstadt gebeten. Zwar ist die Zahl der …
Weihnachtsbeleuchtung für Stadt teurer

Alterskrankheiten bescheren Wachstum

Schongau/Weilheim - Der demographische Wandel ist auch in der Region immer mehr spürbar. Bei der Krankenhaus GmbH sorgt die älter werdende Bevölkerung sogar für ein …
Alterskrankheiten bescheren Wachstum

Kommentare