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Wolfgang Markus ist Asylkoordinator in Schongau. 

Interview mit Wolfgang Markus

"Asylbewerber müssen unters Volk"

Schongau - Vor fünf Monaten übernahm Wolfgang Markus in Schongau das Amt des Asylkoordinators. Er hat sofort die Ärmel hochgekrempelt – es hat sich viel getan. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Kölner.

Herr Markus, Sie haben ihre Arbeit als Schongauer Asylkoordinator Mitte Januar aufgenommen, sind Ansprechpartner für die rund 70 Helfer, ob nun Kleiderkammer, Sprachlehrer oder Betreuer. Haben Sie sich bereits eingearbeitet?

Markus: Ich habe ein ausgezeichnetes Echo von den Helfern. Es hat sich dermaßen gut eingespielt, dass selbst Leute, die Berührungsängste mit dem Landratsamt hatten, ihre Skepsis abbauten, weil sie sehen, es läuft – man merkt den Erfolg. Und die Mitarbeiter im Landratsamt sind sehr engagiert.

Das hört sich an, als seien die anfänglichen bürokratischen Hürden genommen?

Markus: Ein Beispiel: Wir waren drauf und dran und sind es noch, in den Unterkünften W-Lan-Zugänge zu schaffen. Es kostet in etwa sieben Euro pro Mann und Nase im Monat, muss aber vorfinanziert werden. Bei kleinen Unterkünften klappt das nicht so leicht, der Geldrückfluss ist zu langsam. Für die Pöllandt-Straße hat Marinus Riedl (Anm. der Red.: Flüchtlingshilfe Caritas-Verband) zugesagt zu prüfen, ob bei der Vorfinanzierung geholfen werden kann. Auch in der Birkländer Straße mit der Regierung von Oberbayern als Hausherrn gibt es noch kein W-Lan. Aber es ist ein Bohren von dicken Brettern, wir wissen nicht, ob es sich finanzieren lässt.

Die Flüchtlingswelle ist nur aufgehalten, es kommen möglicherweise neue an. Ist Schongau darauf vorbereitet?

Markus: Die Flüchtlingswelle rollt auf dem Mittelmeer gerade erst wieder an. Die Turnhalle zu räumen, war ein Akt, aber als Pufferzone muss sie bleiben. Die Beschädigungen halten sich auch in Grenzen, der Boden etwa ist durch die Holzplatten unter den Betten pfleglich behandelt worden. Nach einer ersten Augenscheinnahme gibt es keine größeren Schäden bis auf die normalen Abnutzungen.

Welche Veränderungen ergeben sich durch die Räumung der Schongauer Berufsschulturnhalle?

Markus: Die einzelnen Sprachgruppen sind ausgedünnt, weil die Teilnehmer nicht mehr in Schongau sind. Hans Atzenbeck ist gerade dran, die Gruppen neu zusammenzustellen.

Bleiben wir beim Thema Deutschunterricht, das A & O.

Markus: Der Schlüssel für jeden Erfolg in diesem Land ist die Sprache; ohne Sprachkenntnis nützt jede Qualifikation nichts. Was ich erst im Laufe meiner Arbeit mitbekommen habe: Wollen und Müssen ist das eine, aber es gibt einige, die können einfach nicht. Stark traumatisierte Flüchtlinge brauchen einen Therapeuten, da kann ich nicht helfen, da ist Fachwissen gefragt.

Haben sie diesbezüglich genügend Ansprechpartner in den Fachbereichen und Helfer?

Markus: Ich war erstaunt, wie viele Adressen es gibt. Und wenn ich einen Aufruf starte, ganz gleich, ob es um Sprachunterricht oder eine Hilfeleistung geht, bekomme ich sofort Rückmeldung. Es ist auch Teil meiner Arbeit, die Motivation zu erhalten.

Sie unterrichten selbst Deutsch für Flüchtlinge. Wo liegen die größten Schwierigkeiten beim Erlernen der Sprache?

Markus: Die sind vielseitig, so können die Afghanen beispielsweise keine Umlaute – ä, ö, ü – aussprechen. Ich lege Wert auf freien Unterricht: Lesen, Sprachmelodie üben, praxisnahes Training freier Texte. Das Problem, scherzhaft gesagt: Unsere Sprache hat 40 Regeln, aber 8000 Ausnahmen.

Und ohne Deutsch wird es auch auf dem Arbeitsmarkt schwer, selbst bei Hilfstätigkeiten. Die Hürde, selbst Arbeit zu finden, ist hoch. Können Sie dabei helfen?

Markus: Arbeit dürfen wir natürlich nicht direkt vermitteln, aber entsprechende direkt an uns gerichtete Gesuche, ob nun vom Restaurant in Rottenbuch oder dem Gartenbaubetrieb in Schongau, weiterleiten. Leider scheitern die meisten Anfragen auf dem langen Weg bis zum Placet der Ausländerbehörde u.a. auch oft an der mangelnden Sprachfähigkeit.

Ohne Arbeit wiederum keine Bleibe. Ob in Schongau oder den umliegenden Kommunen – der Mangel an bezahlbaren Wohnungen ist enorm.

Markus: Ich weiß ein Beispiel aus Garmisch, wo Bürger an den Landkreis Wohnraum für Flüchtlinge vermietet haben, aber direkt an die Flüchtlinge vermieten sie nicht. Mir unverständlich, denn notfalls zahlt das Sozialamt. Wenn Menschen die Aufenthaltsgenehmigung haben, ist es doch die beste Integrationsform, die es gibt, sie in der Nachbarschaft anzusiedeln. Die Menschen müssen unters Volk, um Kontakte knüpfen zu können. Ghettoisierung ist das gefährlichste, was es gibt.

Und wo sollen die Flüchtlinge unterkommen?

Markus: Wohnraum gibt es genug, nur nicht dort, wo man ihn braucht. Eine kurzfristige Lösung der Wohnungsnot sehe ich nicht.

Dann droht den Flüchtlingen aber im schlimmsten Fall die Obdachlosigkeit.

Markus: Die Bürger müssten privaten Wohnraum freigeben. Es gibt genug, nur anordnen kann man das nicht. Aber in Schongau haben wir eine weitgehend positive Stimmung gegenüber den Flüchtlingen. Ich habe mich auch immer gegen die negativen Begriffe wie ,Flüchtlingskrise’ oder ,Überflutung von Ausländern’ gewehrt.

Derzeit hat der Landkreis knapp 1750 Asylbewerber in den Unterkünften, das sind im Verhältnis zur Bevölkerung 1,34 Prozent.

Markus: Und bei diesen Zahlen kann man doch nicht von Überflutung sprechen! 1945 bis 1947 haben wir in Deutschland sieben Millionen Flüchtlinge aufgenommen, Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre vier Millionen Gastarbeiter, dann kam die Wende mit vielen Menschen aus dem Osten. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, da können doch zwei Millionen Flüchtlinge kein Problem sein. Aber der Integrationswille muss von oben da sein. Ich bin dafür, jetzt engagiert anzupacken.

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