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Fachkundige Referenten: Patrich Nairz (l.) und Dr. Rudi Mair bei ihrem Vortrag.

Lawinen-Infovortrag

„Lieber fünf Minuten feig‘als tot“

Steingaden - In jedem Winter sterben Skifahrer und Tourengänger durch Lawinenabgänge im Alpenraum. Vielfach unnötigerweise, wenn sie bestimmte Regeln kennen und befolgen würden. Welche das sind, haben Rudi Mair und Patrick Nairz bei einem Vortrag in Steingaden gezeigt.

Im Flachland lässt die weiße Pracht derzeit noch auf sich warten, doch im Hochgebirge liegt vielfach schon genug Schnee für die eine oder andere Skitour. Und wenn es dann richtig beginnt zu schneien, sind die Bergfexe auf dem Weg, um abseits der gesicherten Pisten ihre Spuren zu ziehen. Oftmals Spuren, die direkt hineinführen in ein Schneefeld, das den Skifahrer unter sich begraben und manchmal leider auch tötet kann. Dabei sind 90 Prozent der Lawinenabgänge vorhersehbar, sind sich Dr. Rudi Mair und sein Kollege, der Diplomingenieur Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst in Tirol sicher – und Unfälle vermeidbar.

Großes Interesse herrschte in Steingaden.

Dass die zwei keine Unbekannten in der Freerider-, Powder- oder Tourenskigeherszene sind, zeigte das Interesse, das ihr Vortrag, auf Einladung der DAV-Sektion Peiting-Steingaden, erregte. An die 350 Interessierte füllten die Steingadener Turnhalle, als Sebastian von Eltz die Gäste im Namen der Ortsgruppe begrüßte und die Zuhörer auf fast zwei Stunden interessante Fakten und Neuigkeiten zum Thema „weißer Tod“ vorbereitete.

Mair und Nairz haben einen rundum neuen Ansatz entwickelt, das komplexe Thema Lawinen und Risiko-Check praxistauglich zu vermitteln, lautet ein Urteil der Szene über die beiden. Und ihr Buch „Lawine – Die 10 entscheidenden Gefahrenmuster erkennen“ gilt als das Standardlawinenbuch für die Praxis.

Zehnteilige Klassifizierung bei Gefahrenstufen

Diese Gefahrenmuster zu erkennen, darum drehte sich auch der Vortrag, den Mair und Nairz in Steingaden hielten. Ähnlich wie die Inuit, die für jede Zustandsform des Schnees ein eigenes Wort kennen, beschreiben auch die Lawinenexperten den Schnee und die damit verbundenen Probleme. Im Zusammenspiel mit Neu-, Alt- oder Nassschnee, windverfrachtetem Triebschnee oder Gleitschneeansammlungen und den Wetterbedingungen, der Sonneneinstrahlung und den Windverhältnissen, haben Mair und Nairz eine neue, zehnteilige Klassifizierung entwickelt, die die Gefahrenmuster beschreibt.

Muster, die jeder, der sich im Schnee bewegt, erkennen kann. Ziel sei es, so Rudi Mair, den Lawinenlagebericht des Warndienstes zu lesen, das Problem erkennen zu können und sich dementsprechend im Gelände zu verhalten. Auch wenn das dann manchmal bedeute, auf eine Tour zu verzichten. Denn es reichen manchmal wenige Stunden Geduld oder ein Tag, und die an sich dramatische Lawinensituation entschärft sich von selbst.

Lawinenbericht Tirol arbeitet bereits nach neuer Skala

Dass die beiden Lawinenexperten wissen, wovon sie reden, konnten sie anschaulich mit Beispielen aus ihrer täglichen Praxis belegen. So haben sie die vergangenen Winter nach ihrer Skala aufgearbeitet und zeigten, wie und warum jeweils Lawinen abgingen. In Tirol wurde der Lawinenbericht mittlerweile an die Gefahrenmuster angepasst, die Mair und Nairz in ihrem Buch beschreiben.

Dabei geht man von definierten und im Gelände erkennbaren Gefahren aus, etwa einer Altschneedecke, auf die es wieder geschneit hat. Die aber eine Schwachstelle im Aufbau der Schneedecken darstellt und, etwa, wenn nicht genug Neuschnee darüber liegt, eine Lawine auslösen kann.

Der Lawinenbericht, so Mair, beinhalte auch einen Bericht über die Schneedecken und zeige eben auch das markante Problem. Wer so etwas im Bericht erkenne, sollte defensiv agieren und eher auf eine Tour verzichten. „Lieber fünf Minuten feig‘, als ein Leben lang tot“, formulierte Mair die Erkenntnis.

Viele Anzeichen kann Skifahrer selbst erkennen

Es gibt viele Anzeichen, die ein Skifahrer selbst erkennen kann: Bedeckten Himmel, der ein Auskühlen des Schnees über Nacht verhindert, oder ein langer warmer Herbst, auf den der Schnee folgt und der die Wärme im Boden isoliert, sind laut der Experten Warnzeichen. Auch die Natur selbst gibt Hinweise: „Wer beim Aufstieg am Berg die eine oder andere natürlich ausgelöste Lawine sieht, sollte lieber umkehren“, so Mair. Oder wie er meinte: „90 Prozent der Lawinenunfälle sind vermeidbar, wenn man auf die Anzeichen achtet.“ Nur zehn Prozent fielen demnach unter das Stichwort Pech oder Schicksal, so die Vortragenden mit einem Zwinkern.

Für jedes ihrer Beispiele, Windfahnen, die auf Schneebretter hindeuten, Schneearmut oder das genaue Gegenteil, konnten Mair und Nairz in kurzen Filmclips, die man im Übrigen auch im Internet findet, die entsprechende Theorie mittels Computeranimation zeigen und die entsprechenden Unglücke der vergangenen Jahre erklären.

Die beiden Tiroler sind als eine der ersten auf fast allen gängigen sozialen Medien vertreten und haben sogar eine App fürs Smartphone erarbeitet, die anhand der GPS-Daten die aktuelle und lokale Gefährdungssituation angibt – ähnlich wie die Homepage des Lawinenwarndienstes. Zudem vergaßen Mair und Nairz nicht, auf die persönliche Schutzausrüstung hinzuweisen: Airbag, Pieps oder VS-Gerät und Schaufel. „Doch das alles hilft nichts, wenn der Skifahrer allein unterwegs ist und über Stunden unter wenigen Zentimetern Schnee vergraben ist und erstickt“, so Nairz. Oder wenn aus einer Gruppe alle Teilnehmer verschüttet werden und sich somit nicht gegenseitig helfen können. Oder wenn ein für die Situation nicht ausgebildeter Lehrer oder Führer seine Gruppe in den Tod führt, weil er die Situation falsch einschätzt.

Aber vielleicht weiß der eine oder die andere nach dem Vortrag, gekommen waren im Übrigen auch viele Ostallgäuer und sogar aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen, ja nun die Situation besser einzuschätzen. Auf „dass die Lahn Euch nie erwischt“, wie Mair und Nairz ihrem Publikum zum Abschluss wünschten.

Oliver Sommer

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