Bei Sudbury am Ammersee

Schule total anders

Ludenhausen – Eine Schule ganz ohne Noten und Zeugnisse? In Bayern? Gibt’s nicht, dachte man. Gibt’s schon – in einem Dorf westlich des Ammersees wird die bayerische Schulwelt auf den Kopf gestellt.

Als erstes fällt der Hund auf, der den Flur entlang tapst. Dann der Schüler, der sich auf dem Sofa räkelt. Sarah (14) kommt gerade aus der Küche, sie hat ihre Handyhülle ausgekocht. Ausgekocht? Da fragt auch Monika Wernz nach, die Mitarbeiterin der Sudbury-Schule, der wohl verrücktesten Schule, die es in Bayern gibt. Das Vorbild stammt aus den USA – dort gibt es Sudbury, benannt nach einer Hügellandschaft, seit der Flowerpower-Zeit 1968. Keine Noten, kein Zeugnis und auch keine Lehrer – die nämlich heißen bei Sudbury „Mitarbeiter“. Sudbury ist anders. Kein Stundenplan, kein Lehrplan, keine Fächer. Aber dafür Selbstbestimmung, Respekt, Gemeinschaft – Worte, die für Monika Wernz keine Floskeln sind.

Im September 2014 sind die ersten Kinder in ein leer stehendes Schulhaus in Ludenhausen eingezogen. Das Dorf liegt im Landkreis Landsberg, westlich des Ammersees. Eine Durchgangsstraße, eine Kirche, ein Schützenheim, kein Supermarkt – viel los ist hier nicht. Bürgermeisterin Margit Horner-Spindler war froh, dass sie das Gebäude an den Sudbury-Verein verpachten konnte. „Die Schule ist sicher nicht für jedes Kind optimal, aber ich bin stolz darauf.“ Bis aus Norddeutschland seien Leute hierher gezogen – wegen der Schule. Nun spazieren manchmal Kinder durch den Ort, spielen Fußball oder springen auf dem Trampolin. Was man halt so macht, wenn man ein Sudbury-Kind ist. 47 Schüler im Alter zwischen 6 und 17 gibt es und fünf Mitarbeiter, zwei davon mit Lehrer-Staatsexamen.

Leicht ist es nicht, einen Termin bei Sudbury zu bekommen. Über den Besuch der Zeitung entschied ein „PR-Komitee“ – die Zusage erfolgte aber einstimmig. Glück gehabt – ein Kamerateam aus Griechenland musste eine Absage verkraften. Nun sitzen Sarah, Noah und Christian an einem Tisch und erklären ihre Schule. Der Tagesablauf, sagt Sarah, die jetzt ihren Hund auf den Schoss nimmt, „ist immer anders“. Heute steht Trampolin auf dem Programm, dann will sie ein paar Tricks mit ihrem Hund üben, ihre Handy-Hülle neu gestalten – sie hat sie nämlich durch Kochen von ekligen Kleberspuren befreit – und außerdem ist Schul-Versammlung. Noah (12) kommt aus Oberammergau und wird jeden Tag von seinen Eltern hergefahren. Er war früher auf dem Gymnasium von Kloster Ettal – Sudbury dürfte so ziemlich das Gegenteil sein. Heute früh hat er sich erst mal in die Bücherei gesetzt – um in Ruhe auf seinem Handy ein Computerspiel auszuprobieren. Was er später am Tag macht? „Das entscheide ich meistens spontan.“ Schule sei ein Ort für Selbstbestimmung, erklärt Monika Wernz. Der Schüler darf zum Beispiel selbst bestimmen, wann genau zwischen 8 und 10 Uhr er kommt. Der letzte Schüler trägt sich an diesem Tag um 9.50 Uhr ein. Sechs Stunden Anwesenheit, bei Grundschülern fünf, ist Pflicht.

Demokratie ist in der Schule superwichtig. Über alles und jedes wird gerne abgestimmt. Es gibt also ein PR-Komitee, aber auch eins für das Atelier, die Küche, den Computerraum und die Werkstatt, ferner – wichtig – für Finanzen und Fundraising. Jeder Schüler zahlt 300 Euro Schulgeld im Monat, die Finanzen sind aber dennoch knapp. Christian ist Leiter des Justiz-Komitees, „JK-Leiter“, heißt das bei Sudbury. Verfehlungen im Schulalltag können von den Schülern schriftlich beklagt werden. Dann befindet das „JK“ über Strafen – „Konsequenzen“ nennen sie das. Auf dem Holztisch liegt das Regelwerk – ein roter Ordner mit der Aufschrift „Schulgesetzbuch“. Der 13-Jährige grinst. „Ich vergebe meist Küchendienste.“

Fächer im herkömmlichen Sinn gibt es bei Sudbury nicht. Was nicht heißt, dass die Schüler nichts lernen. Die Schule setzt auf Freiwilligkeit. „Einmaleins – wir machen Übungen! Wer macht mit? Freitags um 11. Bei Steffi“, heißt es auf einer Anschlagstafel, wo man sich eintragen kann. Oder: „English. Who want’s to join the english group?“. Immer Freitags ab 10 Uhr. Tatsächlich haben sich einige Schüler eingetragen. Wer will, kann im Unterricht auch einen Test mit Bewertung machen, sagt Monika Wernz. Es sei aber auch denkbar, dass ein Schüler nie mit Noten in Berührung komme. Ein Sudbury-Mitarbeiter greift dort ein, wo er gebraucht wird. Mal hilft er beim Kochen, mal beim Erstellen eines „Elfchens“ – diese Art des Gedichteschreibens steht auch im Lehrplan normaler Grundschüler.

Offiziell ist Sudbury in Ludenhausen als Grund- und Mittelschule eingestuft – eine Schule im Genehmigungsverfahren, was heißt, dass man dort keine Abschlussprüfung schreiben darf. Wer etwa den „Quali“ will, wird extern geprüft – und tatsächlich hat das ein Mädchen vergangenes Jahr geschafft. Über kurz oder lang würden Kinder jedoch auch ohne Abschluss von der Schule gehen, sagt Monika Wernz. Sie findet das nicht schlimm. Leider werde der Mensch ja meist „über Leistungen gewertet“, sagt sie. Das will man bei Sudbury anders machen. „Wir haben hier eine Fehlerfreundlichkeit.“ Und ist es nicht so, fügt sie an, dass es auch in der Wirtschaft nicht mehr auf Noten ankomme? Sondern auf soft skills wie Selbständigkeit oder Teamfähigkeit?

Vom Kultusministerium wird die Schule skeptisch beäugt. Als Vorbild sei sie „nicht geeignet“, heißt es in einer internen Bewertung. Doch die Schule verbieten gehe auch nicht – da sei das Grundgesetz vor, das Privatschulen aller Art einen hohen Schutzstatus zuschreibt. Die Regierung von Oberbayern jedoch hat Sudbury offenbar im Visier – erst kürzlich waren wieder vier Abgesandte vor Ort, die die Schüler intensiv befragten. Von Christian hörten sie nur Gutes. Er war früher auf einer Waldorf-Schule. Puh, war die streng, „wie in einer Regelschule“, stöhnt der 13-Jährige. „Da bin ich abgezischt“. Ab zu Sudbury.

Voller Inbrunst sagt er: „Es gibt nichts Schöneres als diese Schule.“

Rubriklistenbild: © Herold

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