Festlicher Sommer in der Wies

Warm, ausgewogen, aber nie dominierend

Wies - Wiesprälat Gottfried Fellner, sonst nicht gerade ein Mann, der sich in Superlativen ausdrückt, übertrieb in seiner stimmigen Begrüßung keineswegs: Die Große Mariazeller Messe von Joseph Haydn, die jetzt in der Reihe Festlicher Sommer in der Wies aufgeführt wurde, verdient es wahrlich, als eine der schönsten und vollendetsten Sakralkompositionen des Wiener Klassik-Genius bezeichnet zu werden.

Der musikwissenschaftlichen Forschung nach würde das Werk voraussichtlich für das 600jährige Jubiläum der österreichischen Wies-Schwester, der bedeutendsten Wallfahrtskirche der Nachbarn in der Steiermark, geschrieben. Dazu begann Haydn im Sterbejahr des heuer in der Wies geehrten Wessobrunner Baumeisters Dominikus Zimmermann mit der Niederschrift der Partitur.

Dirigent und Künstlerischer Leiter des Festlichen Sommers in der Wies, Christoph Garbe, hatte also das Programm mit behutsamer Sorgfalt ausgewählt. Um dem Originalklang der Haydn-Zeit nahe zu kommen, war das auf historisch-geschulte Orchester „La Banda“ zum Partner des Chores der Stadt Schongau geworden. Eine junge Solistenriege ergänzte den Reigen der sensibel miteinander musizierenden Künstler.

Fast wie ein Markenzeichen stehen über dem Dirigat von Christoph Garbe Sammlung und Konzentration. Sich Zeit und Atem für die Schwingungen des Raumes zu nehmen, hat er inzwischen in einem außerordentlichen Perfektionsgrad erreicht. Beschwingt leicht, wie auf Fittichen getragen, breitet sich das Kyrie aus. Nur einen kurzen Moment braucht es anfangs im Chor, um sich intonationssicher zusammenzufinden.

Warm, ausgewogen, nie dominierend fließt der Orchesterklang von „La Banda“. Das sanfte Pulsieren und Federn dieser so farbexpressiven Musik gewinnt die staunenden und genießenden Zuhörer – und soll sie bis zum Ende nicht mehr loslassen.

Mit deutlich spürbarer Spielfreude genießt man die barocke Verzierungskunst, das Auf- und Abschwellen dynamischer Differenzierung, wünscht man sich fast noch ein wenig stärker, überraschender. Gleich die erste große Chorfuge macht deutlich, dass es Garbe und seinen motivierten Chorsängern nicht um opulente Massenwirkung geht. Mit großem, raumgreifendem, aber nie aufdringlichen Gestus plastiziert Garbe diese Klänge mit seinen Händen. Im Gloria zeigt der Chor einen blühenden Willen zum Lobpreis. Mit der lateinischen Textverständlichkeit gibt es keine Probleme.

Was diesen Abend besonderst rägt, ist der homogene, in allen Registern weich ausbalancierte, feinst kultivierter Chorklang. Zu einem berührenden Moment des Innehaltens wird das dicht und fast leidensvoll flehende „Miserere nobis“.

Atemlose Stille erzeugt Thaisen Rusch in seiner Eröffnung des „Et incarnatus est“, der mit seinem schlanken, vor allem in der Mittellage wohlklingenden Tenor ganz in den Bann zieht. Ideal gelingt Garbe der Übergang zwischen in sich gekehrter Reflexion und energetischer Aufladung des leuchtenden Chorgesangs. Sopranistin Stephanie Krug sorgt mit kristallklaren Koloraturen für brillante Mühelosigkeit. Dem angenehmen Mezzo von Katharina Guglhör fehlte es jedoch an Tiefenfundament und Durchsetzungskraft, nur in den piano vom Orchester begleiteten Passagen kann man sich über eine kantable Linienführung freuen.

Das finale „Agnus Dei“ von Bariton Martin Danes gerät stilistisch etwas zu operntheatralisch, fügt sich so nicht schlüssig ins Konzept der schlanken jungen Stimmen. Mit dunkel gefärbtem, sich sanft zurückziehenden Staunen bittet der Chor am Ende um den ersehnten Frieden.

Für den Zuhörer bleibt die Erfahrung, nicht einfach ein schönes Konzert gehört zu haben, sondern hörend und fühlend der Einladung folgen zu dürfen, die von einem spirituellen Musizieren ausgesendet wurde – an diesem so besonderen Ort.

Glockengeläut, Segen, stehende Ovationen, entspannte, glückliche Gesichter auf allen Seiten beendeten dieses beeindruckende Konzert.

D. Fleege

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