+
Mit Argusaugen prüft Hirte Alfred Jörg den Zustand seiner Rösser.

Die größte Viehweide im Altlandkreis

Der Hirte aus der Hirschau

Steingaden - Die größte Weidelandschaft im Schongauer Altlandkreis liegt in der Hirschau. Bis aus dem Zillertal treiben die Bauern ihre Rösser und Rinder dort unten auf. Herdenvater Alfred Jörg verrät, warum die Weidelandschaft am östlichen Lechufer so beliebt ist – und therapeutisch wertvoll.

Alfred Jörg trägt Filzhut, Schnauzbart und Baumwollkittel. In der Rechten hält er einen Haselnussstecken. Mit der Linken zeigt er auf die Herde. „Soll ich?“, fragt er mit verschmitzten Grinsen. Die Antwort gibt er sich selbst, in dem er es einfach macht: Er pfeift. Kurz, laut und deutlich. Und ohne Hilfe der Finger.

Im Vollsprint rasen die kräftigen Kaltblüter auf ihren Hirten Alfred Jörg zu. Das Jungvieh bekommt es sichtlich mit der Angst zu tun. Vorausgegangen sind zwei kräftige Pfiffe. Insgesamt teilen sich die Weideflächen in der Hirschau 128 Rinder und 57 Pferde.

Keine Sekunde später recken 57 Vierbeiner ihre muskulösen Prachtschädel in den Himmel und spitzen ihre flauschigen Ohren. Als Jörg das zweite Mal pfeift, drehen die Kaltblüter blitzartig um und galoppieren im Vollsprint auf ihn zu. Die von Huf durchlöcherte Weidefläche verschwindet kurzzeitig im aufgewirbelten Staub. Der Boden vibriert. Und Jörg? Der grinst noch immer und sagt: „Wenn man es oft genug macht, geht es auch ohne.“ Mit ohne meint er das laute Pfeifen ohne Hilfe der Finger. Denn ohne Haselnussstecken würde selbst er nicht auf die Weide gehen. Nicht jetzt. „Das wäre viel zu gefährlich.“

Alfred Jörg („mein Alter ist nicht wichtig“) ist seit mittlerweile 15 Jahren Jäger und Hirte in der Hirschau. Jeden Tag macht er sich auf den Weg, um dort unten am Lech nach dem Rechten zu sehen. Beim Rundgang zählt er, ob die 128 Stück Jungvieh und die 57 Rösser noch da sind. Er schaut, ob der Weidezaun keine Schäden aufweist. Und, „das allerwichtigste“, ob seine Herde gesund und munter ist.

121 Hektar Wald, Weide und Kiesbruch

121 Hektar Land umfasst das Gelände, das seit vielen Jahren in Besitz der Raiffeisenbank Steingaden ist. Dazu gehören Waldflächen, Kiesbruch und diese 71 Hektar große Viehweide, aufgesplittet in sieben Areale. Für Jörg heißt das: Sobald eine der Flächen von Rind und Ross abgegrast ist, treibt er seine Herde ein Feld weiter. Immer im Uhrzeigersinn. Und immer mit zwei kräftigen Pfiffen, auf die übrigens auch die Rinder bestens hören. Nur brauchen die etwas länger. „Gott sei Dank“, verrät Jörg. „Weil sonst am Gatter das große Chaos ausbrechen würde.“

Eingespieltes Trio aufm Bankerl: (v.l.) Hirschauverwalter Matthias Socher (75) aus Lechbruck, Hirte Alfred Jörg aus Urspring und Almwart Erwin Köpf (71) aus Steingaden. 

Heuer sind die 150 Weidetage, abgesehen von einem am Auge erkrankten Rind, glimpflich ausgegangen. Ein gutes Jahr. Das sagt auch Erwin Köpf, 71, guter Spezl von Jörg und seit vielen Jahren Hirschauer Almwart. Egal ob gerissener Stacheldraht, verstopfter Wassertrog oder umsturzgefährdete Fichten: Köpf kümmert sich. Er ist quasi der Hirte aller handwerklichen Angelegenheiten.

Zumindest so lange, bis die ersten rotbraunen Ahornblätter auf das Dach der urigen Hirtenhütte fallen, sich die Weidesaison dem Ende zuneigt. Dann müssen Jörg und Köpf alle Vorbereitungen für den großen Abtransport treffen – ein Volksfest für die einen, ein Trauertag für die anderen.

Letzteres trifft vor allem auf Jörg zu. Tiger, Weissfuß, Grobala, Bläss. Jedes einzelne Ross bekommt zum Saison-Auftakt im Frühsommer seinen eigenen Namen. „Weil keines wie das andere ist“, sagt er. Vor allem wenn es ums Schmusen geht. Eifersüchteleien? „Ganz schlimm“, sagt Jörg. „Die wollen am liebsten alle gleichzeitig liebkost werden.“

Pferde kommen bis aus dem Zillertal

Einzig Stute „Fuchs“ ist inzwischen vernünftig genug, hält sich aus den Streichel-Streitereien heraus. Sie ist die Älteste im Feld, schon seit 15 Jahren dabei. Damit genauso lange wie Jörg. Von ihr fällt dem Urspringer der Abschied besonders schwer. Wobei sie in Fronreiten den Winter über ganz in der Nähe verbringt. Ganz anders als die noch kräftigeren Noriker.

Noriker? So heißen die typisch österreichischen Kaltblutpferde, von denen sich eine ganze Menge in der Hirschau tummeln. Jörg erzählt von guten Kontakten zu einem österreichischen Züchter, der vor vielen Jahren seine Pferde an den oberbayerischen Lech brachte. Seither bringt er sie immer wieder. Und einige seiner Landsleute inzwischen auch, teilweise sogar bis aus dem Zillertal.

Wozu der weite Weg? Einige Ösi-Rösser seien laut Jörg besonders wertvoll, haben schon diverse Preise bei Körungen eingeheimst. Das Problem in deren Heimat: Auf den steilen und von Fels geprägten Almflächen nutzen die Pferde ihren Huf derart stark ab, dass er nicht Beschlagen werden kann. Und die Pferde deshalb nicht zur Körung dürfen. In der Hirschau passiert das nicht, weil der Boden durchwegs eben, wesentlich weicher und damit äußerst hufschonend ist.

Almwart Erwin Köpf (rechts) streicht am Tag des Abtransports Tiere und Halter aus der Liste. Im Hintergrund wird zünftig Brotzeit gemacht.

Auch am letzten Weidetag 2016, als die Jungvieh- und Pferdebesitzer aus Nah und Fern mit ihren Viehwagen die schmale Straße zum Feld direkt gegenüber der Hirtehütte hinunterfahren. Dort wird das Vieh in eine Ecke getrieben, von den einzelnen Besitzern aus der Herde gepickt, an den Halfter genommen in den Wagen geführt.

"Sobald sie den Viewagen sehen, hauen sie ab"

Ein recht mühsames Unterfangen. „Sobald sie den Viehwagen sehen, hauen sie ab“, sagt Jörg. Die Tiere haben während der fünfmonatigen Weidesaison enge Freundschaften geschlossen, die Freiheit der riesigen Flächen in vollen Zügen genossen. Plötzlich sollen sie zurück in den heimischen Stall? Nein danke, denken sich die Tiere, als ihre Besitzer mit Halfter, Strick und Haselnussstecken auf sie zugehen.

Während die einen noch am Eintreiben sind, gönnen sich die anderen bereits eine deftige Brotzeit. Weißwürste, Wiener und eine Halbe Bier. Almwart Köpf hat dafür ein Pavillon direkt neben der Hirtenhütte aufgestellt. Er selbst hat allerdings kaum Zeit zum Brotzeiten, ist ausnahmsweise mal für den Papierkram zuständig. Auf dem urigen Sonnenbankerl vor der Hütte meldet er Tier und Halter feinsäuberlich ab, und – bei Bedarf – fürs nächste Jahr auch gleich wieder an.

Für 2017 schon fast wieder ausgebucht

„Wir sind für 2017 schon fast wieder voll“, sagt Köpf mit breitem Grinsen im Gesicht. Die Hirschauer Viehweide ist nicht nur die größte Weidefläche im Schongauer Altlandkreis, sondern auch die beliebteste. Wegen der guten Bodenqualität einerseits. Wegen der günstigen Preise andererseits. Die Bauern sparen sich während der Weidesaison jede Menge Futtergeld und Erntearbeit. Außerdem ist das wochenlange Zusammenleben der Tiere therapeutisch wertvoll.

„Die jungen Rinder und Pferde lernen von den älteren ein respektvolles Miteinander“, sagt Jörg, der am Tag des Abtransports bis zum allerletzten Tier auf der Weide ist und mithilft. Der Abschied von seiner geliebten Herde fällt ihm sichtlich schwer. Obwohl er ganz genau weiß, dass er im Frühsommer 2017 wieder pfeifen darf. Kurz, laut, deutlich. Und, sofern er es über den Winter nicht verlernt, ohne Hilfe der Finger.

Auch interessant

<center>König Ludwig 4er Set mini</center>

König Ludwig 4er Set mini

König Ludwig 4er Set mini
<center>Fächer "Liebestaumel"</center>

Fächer "Liebestaumel"

Fächer "Liebestaumel"
<center>Bayerisch VEGGIE - Köstliches mal ohne Fleisch</center>

Bayerisch VEGGIE - Köstliches mal ohne Fleisch

Bayerisch VEGGIE - Köstliches mal ohne Fleisch
<center>Offizieller Oktoberfest Bierkrug 2016</center>

Offizieller Oktoberfest Bierkrug 2016

Offizieller Oktoberfest Bierkrug 2016

Meistgelesene Artikel

Vergewaltigung in Kirche: Haft für Mesner

Steingaden - Wegen Vergewaltigung einer ehrenamtlichen Kirchen-Mitarbeiterin muss der ehemalige Steingadener Mesner Robert B. (Name geändert) für zweieinhalb Jahre in …
Vergewaltigung in Kirche: Haft für Mesner

Kommentare