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Wird Martinskirche Unesco-Kulturerbe?

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Die Martinskirche in Herzogsgmühle. © Matt

Herzogsägmühle - Das erste Treffen zum EU-geförderten Projekt Erasmus plus zum Thema „Sakralräume als Europäische Erinnerungsorte“ hat mit internationaler Beteiligung über mehrere Tage hinweg in Herzogsägmühle stattgefunden. Dabei wurde die in das Projekt eingebundene Martinskirche gewürdigt.

Die Martinskirche ist eine Notkirche nach den Plänen des herausragenden Kirchenbauers des 20. Jahrhunderts, Otto Bartning. Sie wurde als Leuchtturm im sakralen Raum gewürdigt. Die Notkirchen sollen nach den Vorstellungen der Otto Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau (OBAK) Berlin in die Weltkulturerbe-Liste der Unesco aufgenommen werden.

Entsprechende Anstrengungen bestehen seit einiger Zeit; das Verfahren von Prüfung und Aufnahme kann jedoch Jahre dauern.

Der renommierte Architekt Bartning, mit Gropius einer der geistigen Väter des berühmten Bauhauses und späterer Präsident des Bundes der Deutschen Architekten (BDA), hatte die Notkirchen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt, als die Städte in Deutschland in Schutt und Trümmern lagen. Die Martinskirche im Diakoniedorf, 1949 erbaut, gehört zum Typ „Gemeindezentrum“, so nach dem multifunktionalen Verwendungszweck als Kirche ebenso wie als Veranstaltungsraum für die Gemeinde gedacht. Der Prototyp dafür war in Heidelberg angesiedelt, die Martins-kirche der erste von 19 Bauten dieser Art, von denen noch 15 stehen. Es wurden insgesamt etwa 90 Notkirchen aller Typen gebaut, darunter 40 große Notkirchen.

Aber nicht nur die Notkirchen sind ein Projektgegenstand, sondern auch ganz andere Themen. Ein Schwerpunkt ist Kirche und Nationalsozialismus. So ist im Projekt ein sakraler Raum in Berlin-Mariendorf vertreten, der mit einer völkisch-nationalsozialistischen Ikonographie Erinnerungen an die unselige Zeit des NS-Regimes beinhaltet. Weitere Stätten des EU-Projektes sind beispielsweise in den Niederlanden, in Tschechien, Polen, Rumänien, Österreich, Litauen, aber auch mit den frühchristlichen Kirchen Roms in Italien angesiedelt.

Insgesamt trafen sich in Herzogsägmühle 14 internationale Teilnehmer aus acht ausländischen Partnereinrichtungen mit ihren deutschen Gastgebern. Deutschland ist mit zwei Einrichtungen vertreten: OBAK und Herzogsägmühle. Das neue, von 2014 bis 2020 reichende Förderprogramm Erasmus+ der Europäischen Union umfasst alle Bildungsbereiche von der Erwachsenenbildung bis zur Hochschule. Ein Höhepunkt des Erinnerungsprojektes soll das Jubiläumsjahr der Reformation 2017 werden. In der Herzogsägmühler Starttagung wurde wurde unter anderem jedem Teilnehmer eine Teilaufgabe zugeordnet. Das nächste Treffen soll in Sibiu, dem ehemaligen Hermannstadt, in Rumänien stattfinden.

Nach Immo Wittig, Vorstandsmitglied der OBAK, wird es darum gehen, vielfältige Aspekte der europäischen Geschichte an einzelnen sakralen Bauten festzumachen. Wichtig wird auch die Thematik des Verhältnisses von Christen- und Judentum zueinander sein. Vergleichbare Chancen für Sakralräume als Erinnerungsorte als Gedenkorte einer europäischen Erinnerungskultur bietet vielleicht nur das begonnene EU-Projekt.

Einen besonderen Rang im Tagungsprogramm nahm ein Referat der Historikerin und Pädagogin Annette Eberle ein, die zu Beginn ihrer Laufbahn mit zwei Büchern über die Geschichte der Arbeiterkolonie Herzogsägmühle und dieses Ortes in der Zeit des Nationalsozialismus Aufsehen und Anerkennung geerntet hatte. Sie befassten sich mit dem Thema „Gibt es eine gemeinsame Gedenkkultur in Europa? Erinnerungsorte an den II. Weltkrieg und den Holocaust“.

Rüdiger Matt  

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