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Die Gemeinde möchte an ihre tapferste Stunde erinnern.

Zeitzeugen gesucht

Die vergessenen Helden von Machtlfing

Machtfing - 71 Jahre nach Kriegsende sucht die Gemeinde Andechs nach Menschen, die im Sommer und Herbst 1944 einem Widerstandskämpfer gegen Hitler geholfen haben. Alle Machtlfinger Bürger sind eingeladen, das Projekt zu unterstützen.

 20. Juli 1944, 12.42 Uhr. Genau zu diesem Zeitpunkt beginnt die Geschichte von Albrecht Haushofer in der Machtlfinger Dorfchronik – parallel zum Attentat auf Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen, 1000 Kilometer weiter nordöstlich.

Albrecht Haushofer (1903-1945) und Machtfling hatten bis dahin wenig gemein, außer dass der Hartschimmelhof, auf dem die Familie lebte, benachbart ist. Auf seiner Flucht vor der Gestapo fand Haushofer jedoch in der kleinen, damals noch eigenständigen Gemeinde Unterschlupf – und nicht nur er, sondern auch einige Machtlfinger waren damit in großer Gefahr. All das soll nun dokumentiert werden. Dazu werden Zeitzeugen wie Johann Sontheim (89) oder Rudolf Pfänder (80) gesucht, ebenso Zeitzeugnisse.

Albrecht Haushofer und sein Bruder Heinz sind bei ihren Eltern Professor Dr. Karl und Martha Haushofer im Dunstkreis des Nationalsozialismus auf dem Hartschimmelhof groß geworden. Die Familie stand in engem Kontakt zu Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Wohl über diese Beziehung erhielt Albrecht eine Anstellung im Auswärtigen Amt in Berlin – und damit auch Einblick in die Gräueltaten des Naziregimes. Haushofer wechselte zum Widerstand und war an der Verschwörung gegen Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt.

Nach dem gescheiterten Attentat floh er in die alte Heimat. Über Kontakte zu den Klöstern Kerschlach und Tutzing fand er Unterschlupf bei Familie Otto: Vater Franz, ein ehemaliger Lehrer aus Schlesien und nun Organist in Machtlfing, sowie sein Sohn Martin und dessen Ehefrau Elisabeth. Den Schwestern war es zu gefährlich. Die regimekritischen Ottos handelten – aus Nächstenliebe und aus Überzeugung.

Schreckliche Erlebnisse im KZ

Als erste Gerüchte aufkamen, dass sie beobachtet würden, musste Haushofer das Haus verlassen und sich im Wald verstecken, auch im Kirchturm suchte er zeitweise Schutz. Als er wieder einmal im Garten mit Elisabeth Otto diskutierte, stürmte die Gestapo das Haus. Vater und Sohn Otto verwickelten die Nazi-Schergen so geschickt ins Gespräch, dass Haushofer erneut flüchten konnte. Die drei Ottos wurden verhaftet. Elisabeth kam in Einzelhaft, Vater und Sohn ins KZ. Während der kränkliche Franz im Dezember 1944 wieder freigelassen wurde, blieb sein Sohn bis fünf Tage vor Kriegsende in Haft. Martin Otto war zu dieser Zeit aufgrund einer Typhus-Infektion auf 35 Kilogramm abgemagert und konnte nicht selbstständig laufen, als ihn seine Frau abholte, die selbst nur einen Tag vorher aus der Einzelhaft entlassen worden war. Rudolf Pfänder, der damals neun Jahre alt war, hat die Ottos gekannt: „Als ich den Sohn wiedersah, hab’ ich ihn erst nicht erkannt.“

Bereis 17 Jahre alt war Johann Sontheim zu der Zeit. „Mei, das war alles so geheim. Ich hab’ fast gar nicht gewusst, um was es ging“, erzählt der heute 89-Jährige. Sein Vater Johann und Walli Pain seien bei den Helfern dabei gewesen. Und der Pfarrer – „der Enzensberger war noch ein richtiger Bauernpfarrer“, berichtet er. Als die Suche nach Haushofer begann, fuhr Johann junior gerade Milch mit dem Traktor nach Feldafing. „Beim Popp hab’ ich die SS stehen sehen, zwei Lkw.“ Als er vorbeifuhr, sei er angehalten worden. „Die haben alles durchsucht, den Traktor drum und rum“, berichtet er. Er habe gar nicht gewusst, wie ihm geschah. Der Vater und der Walli Pain seien dann auch nicht weiter behelligt worden, aber der Pfarrer war plötzlich weg. Das war im Herbst 1944.

Und Albrecht Haushofer? Ihn verhafteten die Nazis am 7. Dezember 1944 und brachten ihn nach Berlin. In der Nacht zum 23. April 1945, kurz vor der Befreiung der Stadt, wurde er von einem SS-Kommando ermordet.

Menschen wie die Ottos, wie Walli Pain und Johann Sontheim sen. soll künftig mit einer Stele gedacht werden. Die Idee kommt aus dem Andechser Gemeinderat. Aber bestimmt gibt es noch mehr vergessene Helden und noch mehr Details. In einer Ausstellung soll dies dokumentiert werden. Federführend dabei ist der ehemalige Andechser Volksschullehrer, der Historiker Dr. Toni Aigner.

Vorgestellt wird das Projekt am Donnerstag, 15. September, ab 20 Uhr im Feuerwehrhaus Machtlfing. Bürgermeisterin Anna Neppel lädt alle Machtlfinger ein, sich einzubringen.

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