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In alter Tradition: Einst verständigten sich die Hirten jodelnd über lange Distanzen. In Dießen vermittelte Heidi Clementi (l.) die Grundlagen dieser alten Kommunikationsform.

Jodelkurs

Lieber gscheit falsch als zaghaft richtig

Dießen - Es befreit, es macht Spaß und auch Lust auf mehr: Zwei ausgebuchte Jodel-Kurstage am Vogelherd in Dießen sprechen für sich. Wer es nicht erlebt hat, hat etwas verpasst.

Wenn es eine Jodel-Regel gibt, dann die, dass die Stimme, die anfängt, das Sagen hat. Was für eine schöner Satz, der alles andere zulässt. Genau dies ist Jodeln. Alles ist zugelassen. 21 Teilnehmer sind es, die am Samstag genau dies mit Heidi Clementi im Trachtenheim Am Vogelherd in Dießen ausprobieren – bei einem Jodelkurs, den Magnus Kaindl und Beate Bentele schon im vierten Jahr anbieten.

„Macht euch locker“, ruft die 50-jährige Singleiterin aus Südtirol ihren Schützlingen zu. Das erfordert Ganzkörpereinsatz: Beine schütteln, Arme schütteln. Das ist einfach. Etwas Mut braucht man, die Töne dazu zu erzeugen, die entfernt klingen, ja, wie Gebell, wie Juchzen und Jauchzen, wie Rufen und Trillern. Wuff, wuff, huiuiui, johu juhuu. Loriot bevorzugte für seinen berühmten Sketch über das Jodeldiplom „Du dodl di dö dudl dö.“ Und er hat so gar nichts mit dem zu tun, was die 21 Menschen an diesem Samstag auf der Obstwiese ausprobieren.

Vom Vogelherd mit Blick über den Ammersee geht es in der Tat auch darum, sich auszuprobieren. „Der Jodler ist keine Komposition“, betont Heidi Clementi. Es sind Silben, es ist Kommunikation, es ist ein Miteinander, ein sich fügen. Insofern kann die Südtirolerin die Jodler, die sie kennt, gar nicht zählen. „Sie können auch immer wieder neu klingen. Es ist wie ein Schatz, der noch lange nicht geborgen ist“, sagt sie. Heidi Clementi ist Sozialwissenschaftlerin. Seit fünf Jahren ist sie „freiberufliche Singleiterin“. Sie wollte mit den Leuten singen und tanzen, befasste sich mit Weltmusik, landete irgendwann in einem Jodelworkshop von Hermann und Ingeborg Hertel und stellte fest, im Jodler ist alles drin – die Musik Afrikas und der Welt. Es ist weniger Gesang als vielmehr Kommunikation, Zusammengehörigkeit.

Daran erinnerte sich auch Monika Friesl-Junker (70). Die ehemalige Kunsterzieherin und Lehrerin durchschreitet eigener Angabe nach zurzeit eine schwierige Lebensphase und erinnerte sich an einen Kurs, den sie vor Jahren schon einmal mitmachte. „Das war so befreiend“, sagt sie. Genauso empfindet sie es auch diesmal wieder. „Meine ehemaligen Schüler schauten mich ungläubig an, als ich ihnen davon erzählte.“ Die 70-Jährige mit den feuerroten Haaren und einem giftgrünen T-Shirt mit der Aufschrift „Almrausch“ gilt als flippig und unkonventionell. „Und genau das ist dies hier auch“, findet sie. Es sei wie beim Theaterspiel. Jeder schlüpfe in eine andere Rolle, in gewisser Weise mache man dies hier auch.

Während Monika Friesl-Junker schon ein bisschen Erfahrung mitbringt, kommen andere – viele Dießener – zum ersten Mal. Wieder andere wie Lydia Goetzke kommen von weit her, um dabei zu sein. Lydia Goetzke lebt im Chiemgau und ist über einen Bergwanderführer auf Heidi Clementi aufmerksam geworden. Seither ist sie Stammgast am Vogelherd. Eigentlich auch ihr Mann, der sei aber noch nicht so mutig, um mitzumachen. Er habe seine Stimme erst entdeckt, Heidi Clementi habe ihn deshalb „der Suchende“ getauft.

Anfänger waren an den beiden Kurstagen aber ausdrücklich erlaubt. Und es ist erstaunlich, wie gut das „Anjodeln“ funktioniert. Wie bald jeder aus sich rausgehen kann, mitsingt, dagegen singt, Kanon singt, „schmelzt und sich schmiegt zwischen Jodeln und spüren“. „Lieber gscheit falsch als zaghaft richtig“, sagt Heidi Clementi mit ihrer ansteckend erfrischenden Art. „Probiert’s gleich von Anfang an in einem Atemzug“, ruft sie der Gruppe zu. Die steht im Kreis um die Singleiterin herum und schwingt, wippt, lacht. „Seid ein bisschen verliebt in jede Silbe, aber auch nicht zu sehr, weil die nächste ist auch schön.“ Und schon klingt es „holla da ri ti o; ho da rei tam djö“ – wunderschön. Sogar dreistimmig.

Acht Stunden verbrachten jeweils zwei Kurse beim vierten Schatzberg-Jodeln. Magnus Kaindl und Beate Bentele, die beide vor fünf Jahren beim ersten Kurs von Heidi Clement auf einem Einödhof in Südtirol dabei waren, holten die fröhliche Frau dorthin. Nie wird gesungen, „es soll eher klingen wie eine rostige Gießkanne“ (Clementi). Es wird also gejodelt. Vier Jodler sind es an diesem Tag. Es wird auch viel gelacht, es klingt wunderschön zum See hinunter. Anders als früher, als sich Hirten so verständigten. Das erledigen heute Smartphones und andere Dinge. Aber alle Teilnehmer nehmen etwas mit nach Hause, wenn auch niemand die Jodler morgen noch auswendig jodeln kann. Dafür gibt es dann die Internetseite www.heidiclementi.at. „Bei dem Namen geht es gar nicht anders, oder“, freut sich ein Teilnehmer und lacht. Aber das Zusammengehörigkeitsgefühl gibt’s dort leider nicht.

Jodeln - warum und wie?

Im Gebirge wusste man sich auf weite Distanzen akustisch zu verständigen. Hirten und Sammler kommunizierten mit Jodeln von Alm zu Alm, Murmeltiere horchten auf, das Vieh wurde angelockt. Gejodelt wird auch bei den Pygmäen, bei den Inuits oder im slawischen Raum.

Die meisten Jodler sind mehrstimmig. Mit den Jodlern, die an sich volkstümlichen Gesänge, haben sie nur wenig gemein, weil diese sich mehr dem Gesang anpassen, denn der Kommunikation.

Grundsätzlich versteht man unter Jodeln ein Singen auf Lautsilben bei häufigem schnellen Umschlagen zwischen Brust- und Falsettstimme, auch Registerwechsel genannt. Der Stamm des Wortes „jodeln“ ist lautmalerisch, ebenso wie der Stamm des Wortes „johlen“. Üblich sind Silbenfolgen wie beispielsweise „Hodaro“, „Iohodraeho“, „Holadaittijo“ und viele andere. Kennzeichnende Merkmale des Jodelns sind auch große Intervallsprünge und ein weiter Tonumfang.

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