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Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Gauting: Hier sind Menschen beerdigt, die sich vor dem Tod nicht kannten.

Zu Allerheiligen 

Trauern an der Urnenwand

Auf den Gräbern leuchten LED-Lampen statt roter Grablichter. Und an den Urnenwänden ist für Blumenschmuck kein Platz mehr. Die Kultur auf dem Friedhof hat sich gewandelt.

Es ist mitten am Tag, aber trotzdem dämmrig. Meterhohe Bäume auf dem Friedhof in Gauting lassen kaum Licht durch. Die bunten Blumen, die die Gräber schmücken, wirken blass. Wochenlang haben Gärtner den Friedhof für Allerheiligen vorbereitet. So wie Elisabeth Meier. Die Gautingerin von der gleichnamigen Friedhofsgärtnerei sagt: „Allerheiligen ist das Finale im Jahr, darauf läuft alles hinaus.“ Nur: Viele wüssten nicht mehr, was der Tag bedeute.

Halloween am Abend davor ist inzwischen bekannter – obwohl Allerheiligen einer der höchsten Feiertage der katholischen Kirche ist (siehe Kasten). An diesem Tag besuchen Hinterbliebene die Gräber der Verstorbenen. Doch die Friedhofskultur wandelt sich – statt zwischen Gräberreihen stehen sie heute nicht selten vor Urnenwänden.

Meier kennt beinahe jedes Grab in Gauting. Die Gärtnerei, für die sie arbeitet, pflegt 240 davon. „Die Tendenz geht zu kleineren Gräbern“, sagt sie. Die Gärtnerin steht vor einem mit Engelsstatue, die groß und mit Moos bewachsen ist. Das Grab ist aufwendig bepflanzt. „Mit solchen Gemeinschaftsgräbern wollen wir diesen Trend auffangen“, erklärt Meier. Viele Namen sind in den Stein graviert. Hier liegen Menschen, die sich zu Lebzeiten nicht kannten. Im Tod sind sie vereint.

Oft entscheidet der Preis

Der Preis macht den Unterschied. In ein Gemeinschaftsgrab werden Urnen gesetzt. Ein Platz – er wird in Gauting für zehn Jahre gekauft – kostet rund 2000 Euro, Grabpflege inbegriffen. Stephan Jürgenliemk, Geschäftsführer der Treuhandgesellschaft bayerischer Friedhofsgärtner (TBF), sagt: „Eine individuelle Bepflanzung ist da natürlich nicht möglich.“ Wer das möchte, muss ein einzelnes Grab wählen. Das ist teurer: etwa ab 3000 Euro für den Zeitraum von zehn Jahren, je nach Größe und Art der Pflege variiert der Preis. Außerdem kommt es auf die Gemeinde und den einzelnen Friedhof an.

Ein Holzpflock symbolisiert eine leere Grabstelle. Die Friedhöfe haben Probleme, die Reihen zu füllen.

Die kostengünstigste Bestattung: in einer Urnenwand. Die Nischenplätze boomen. Neben der Kostenfrage spielt auch der Wille der Toten eine Rolle. „Manche verfügen das im Testament, um niemandem zur Last zu fallen“, sagt Jürgenliemk. In Gauting kostet ein Platz in der Urnenwand 52 Euro im Jahr. Mutter, Vater, zwei Kinder. Bis zu vier Urnen passen in die Nische. Dann ist das Familiengrab voll, erweitern lässt es sich nicht. Dafür ist es eben günstiger. Und die Bepflanzung fällt auch weg.

Zuletzt hat es in Gauting deswegen Streit gegeben. Angehörige hatten Blumen, Kerzen und anderen Schmuck an den Urnenplatten außen angebracht. Individualität spielt bei der Bestattung eine wichtige Rolle. In der Friedhofssatzung war das aber nicht vorgesehen. Die Blumen mussten wieder weg. Die Empörung bei den Angehörigen war groß.

Eine andere Möglichkeit: Urnen-Stelen. Säulen, oft aus Naturstein, in die Urnen gestellt werden. In Gauting gibt es das noch nicht, dafür aber in der Pfarrei St. Georg in Freising. Pfarrer Peter Lederer erklärt: „An eine Wand kann man eben nichts hinstellen.“ Neben eine Stele schon.

„Die Familien bleiben nicht im selben Ort, die ältere Generation lebt oft allein“, begründet Lederer das Angebot. Seit drei Jahren ist er in Freising Pfarrer. Er bemerkt: „Die Erdbestattungen werden erheblich weniger.“ Das macht sich auch andernorts bemerkbar. Auf dem Waldfriedhof Dachau gibt es Urnen-Stelen für 192 Verstorbene – 2060 Urnenplätze gibt es auf dem ganzen Friedhof. Vor einigen Jahren noch wäre das undenkbar gewesen.

Das Tabu-Thema Tod findet mehr und mehr Gehör, die Wünsche werden individueller. Ein Trauer-Knigge (Claudius-Verlag) befasst sich mit Bestattungsarten. Darin heißt es: Über 50 Prozent der Menschen in Deutschland lassen sich lieber verbrennen, im Norden mehr als im Süden, auf dem Land weniger als in der Stadt. Auch in Gauting. „Heuer haben wir zum ersten Mal über 50 Prozent Verbrennungen“, sagt Friedhofsgärtnerin Meier.

Auf einer Wiese neben der Urnenwand sind Erdhügel zu sehen. Sie könnten von einem Maulwurf stammen, aber es sind anonyme Urnengräber. Kein Stein, keine Blume weist darauf hin, dass hier Menschen begraben liegen. Eine solche Bestattung muss zu Lebzeiten verfügt werden. Jürgenliemk sagt: „Diese Leute wollen für immer verschwinden.“

Grabgrößen haben sich verändert, die Art der Bestattungen auch. Und auch die Details wandeln sich. Die Steine sind nicht mehr so glatt und groß, Natursteine sind beliebt. Und die Blumen sind bunter geworden. Die Winterheide blüht in Rosa, Gelb, Weiß und Purpur. „Es wurde viel Neues gezüchtet“, erklärt Meier. Ein Türchen in einem Grabstein erregt ihre Aufmerksamkeit. Sie öffnet es, drin ist ein erloschenes Teelicht. Meier hatte eine LED-Lampe vermutet. „Einige Leute machen das.“

Die Trauerkultur ändert sich

Geht kaum noch jemand auf den Friedhof – nicht einmal, um eine Kerze anzuzünden – , geraten die Verstorbenen in Vergessenheit. Auch diejenigen, die nicht in anonymen Urnengräbern liegen.

Tod und Individualität gehören oft zusammen. Ulrike Gote von den Landtags-Grünen sagt: „Die Menschen wollen sich auch im Tod wiederfinden.“ Deshalb fordern die Grünen, dass sich das bayerische Bestattungsgesetz an den Wandel der Friedhofskultur anpasst. Keine Sargpflicht und Bestattungen bereits vor der 48-Stunden-Frist. Bislang ist es so, dass nur ein Sarg oder eine Urne in die Erde darf und das erst 48 Stunden nach dem Tod. In die Trauerkultur von Muslimen, Juden und Konfessionslosen passt das nicht. Muslime wollen innerhalb von 24 Stunden und nur in Tücher gewickelt beerdigt werden.

Neben Sachsen und Sachsen-Anhalt ist Bayern das letzte Bundesland, das an der strikten Regel festhält. Friedhofssoziologe Thorsten Benkel erklärt: „Schon in den 60ern wurde der Wunsch nach liberaleren Gräbern laut.“ Er plädiert sogar für eine Aufhebung der Friedhofspflicht: Asche verstreuen oder Urnen mit nach Hause nehmen.

So weit wollen die Grünen noch nicht gehen. In dem Gesetzentwurf geht es nur um die Sargpflicht und die 48-Stunden-Regel. Das sei auch im Sinne der Gemeinden. „Sie haben Probleme, die Friedhöfe zu füllen“, sagt Gote. „Und gehen dann mit den Gebühren nach oben.“ Im vergangenen Jahr war ein Antrag der Grünen im Landtag an der CSU-Mehrheit gescheitert. Grünen-Sprecherin Gote will es erneut versuchen. Die Bestattung sei kein Randthema. „Das Lebensende soll dem Leben entsprechen.“

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