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Jetzt wird es ernst: Die Gruppe marschiert in Spielmannsau los in Richtung Kemptener Hütte, das erste Übernachtungsquartier auf der Reise über die Alpen nach Italien.

Gauting

Das wandernde Klassenzimmer

„Die Gruppe trägt dich“: Wie 20 Realschüler bei anstrengenden Etappen ganz ohne Psychologen lernten, einander einfach zu akzeptieren

Gauting – Im Flugzeug, als er die Alpen auf dem Weg nach Mallorca von oben sieht, wird Tobias, 15, erst richtig klar, was er da geschafft hat. „Wahnsinn, da sind wir gegangen. Ich habe sogar eine der Hütten gesehen, in denen wir geschlafen haben.“ Tobias Herold aus Gauting hat im Juli mit 19 Mitschülern aus der Gautinger Realschule und fünf weiteren Erwachsenen die Alpen überquert. Es war ein einschneidendes Erlebnis für die Gruppe. Die Idee dazu hatte die Erdkunde- und Englischlehrerin Felicitas Frey. Sie bot im vergangenen Schuljahr an der Realschule das Wahlfach Alpenüberquerung an. Mit überragendem Erfolg: 20 Schüler waren von der Idee begeistert, nur zwei sind während des Vorbereitungsjahres abgesprungen.

Die Begeisterung hält an. Die Wunder der Natur, die Ausblicke, die Steinböcke, die Blumen, der Gletscher. Die Kameradschaft, die intimen Gespräche, die sich während einer langen, anstrengenden Wanderung ergeben, die Rücksichtnahme, die man selber erfährt und schenkt. Die Freude, die eine Dusche nach einem anstrengenden Tag bringt. Das wird die Jugendlichen prägen.

Ja, räumt Lehrerin Felicitas Frey ein, eine Alpenüberquerung mit 14- bis 16-jährigen Jugendlichen ist eine Herausforderung. Doch wenn man ihnen mit Respekt begegne, komme der Respekt auch zurück. Die Alpenüberquerung war zwar ein Wahlfach, aber es gab keine Noten. „Alle haben mit Erfolg teilgenommen“, stellt sie mit einem Lächeln fest. Es ist also keiner auf der Strecke geblieben? Da wird die 31-jährige Pädagogin ernst: „Gut war, dass von vornherein klar war, dass alle fit genug sind.“ Aber natürlich gab es gewisse Opfer zu beklagen. Janek hat sich den Zeh gebrochen und wurde mit einem Tape versorgt. Er ging tapfer weiter, „er hat kein einziges Mal gejammert“, sagt Frey.

Tobi hat seine Zahnbürste und seine Zahnpasta verloren. Ein Verlust, der sich für ihn in Grenzen hielt. „Solange man einen Finger hat...“ Ein anderes Mädchen hatte es schwerer: Jemand hat versehentlich ihre Bergschuhe angezogen. Die, die sie als Ersatz vom Hüttenwirt bekommen hat, waren zwei Nummern zu groß. Auch sie hat die Alpen überquert, wenn auch mit fremden Schuhen. Warum die andere die Verwechslung nicht bemerkte und mit zu kleinen Schuhen weiterging, darüber rätseln die Gautinger Realschüler heute noch.

Vielleicht, weil es ihre Gruppe hielt wie die Gautinger. „Morgens haben wir uns erstmal gegenseitig erzählt, was uns alles wehtut und was am Vortag schöner war“, sagt Tobias. Beim Reden war wichtig, um die langen und fordernden Strecken zu schaffen, hat Antonia Weber (14) festgestellt. „Bei Themen, die einen interessieren, war Laufen eigentlich Nebensache“, sagt sie.

Gejammer half ohnehin nichts, es saßen ja alle gewissermaßen im selben Boot. Wenn Tobias merkte, dass ihm die Puste ausgeht, motivierte er die anderen. „Du schaffst das!“, spornte er seinen Nachbarn an, der seit Stunden neben ihm hertrottete. „Komm, das wird schon!“ Nach ein paar Tagen war den anderen klar: Wenn Tobi so drauf ist, braucht er Unterstützung. Die bekam er. „Es war, als ob du getragen wirst“, erinnert sich Tobi. „Die Gruppe trägt dich“, sagt Betty-Ludwina Pfannes (16). Es habe auch ein, zwei Außenseiter gegeben. Zumindest am Anfang. „Dann haben wir sie gut integriert.“

Antonia Weber war damals in der achten Klasse und mit ihren 14 Jahren unter den Jüngeren. Die Erfahrung, die sie begleiten wird: „Man konnte in der Gruppe einfach mit jedem reden. Das hat sich ganz von selbst ergeben. Und man hat sich sehr viel Persönliches erzählt.“ Für jemanden, der mitten in der Pubertät steckt, ist das eine bahnbrechende Erkenntnis. Plötzlich ist es nicht mehr wichtig, ob jemand älter oder jünger ist. Jeder wird einfach akzeptiert – eine Einsicht, für die andere zahlreiche Psycho-Seminare besuchen. Sogar mit den Erwachsenen, die dabei waren – zwei Väter und eine Mutter –, habe man sich gut unterhalten können, sagt Betty-Ludwina Pfannes (16). Es gibt kaum ein größeres Kompliment, das Jugendliche machen können.

Die Vorbereitung auf die Alpentour dauerte ein Schuljahr lang. Etwa alle zwei Wochen trafen sich die Teilnehmer, um miteinander zu sporteln und Reisevorbereitungen zu besprechen. Der Rucksack sollte nicht mehr als acht bis zehn Kilogramm wiegen, war Freys Tipp. Ihr eigener war wegen des Verbandszeugs 13 Kilogramm schwer. „Meiner war mit sechseinhalb Kilo der leichteste“, sagt Ellinor Seign (15). Auch ein Sportprogramm gab es, das jedoch offenbar kaum jemand befolgte: zwei-, dreimal die Woche laufen, lieber langsam und lang als schnell und kurz. Zwei Vorbereitungstouren hat Felicitas Frey mit den Schülern gemacht. „Wir treiben ja ohnehin alle Sport, da hat das gereicht“, sagt Ellinor.

Die Erfahrung ist den jungen Leuten extrem wichtig. Antonia würde die Wanderung gleich wieder machen, genau so, wie es war. Es war auch gelungen: Die Gruppe hat gut zusammengepasst, das Wetter war perfekt. „Ich weiß nicht, was wir bei Regen oder Gewitter gemacht hätten“, gibt Frey zu. „Es war ja alles gebucht – bis hin zum Bus, der uns von Meran heim nach Gauting gebracht hat.“

Betty-Ludwina und Ellinor sehen die Wanderung als einmalige Erfahrung an. Felicitas Frey, für die es bereits die dritte Alpenüberquerung war, überraschenderweise auch. „Mich haben schon Schüler angesprochen, dass sie dieses Jahr auch mitmachen wollen“, sagt Frey. „Es gibt eine Liste mit 30 Namen.“ Dabei hat sie das Wahlfach Alpenüberquerung diesmal noch gar nicht angeboten. Sie ist alles andere als überzeugt, ob sie es nochmals machen soll. „Es war einfach toll. Das kann man nicht wiederholen.“

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