+
Auge in Auge mit der Problemgans am Herrschinger Ammersee-Ufer

Vogeldreck am Ufer und im Wasser

Gänsekrieg im Fünfseenland

Herrsching/Schondorf - Am Ammersee, dem Starnberger See, an den Osterseen und an kleinen Weihern – überall dasselbe Problem: Gänse. Ihr Kot nervt Badegäste, und manche kriegen sogar Ausschlag. Seit Freitag darf auf die gefiederten Plagegeister geschossen werden – ob es etwas hilft, ist fraglich.

Da sitzen sie, die Problemgänse, grau gefiedert, gut genährt und rund 100 an der Zahl. Dann und wann watscheln ein paar rüber zum nahen Sportplatz, wo sie die jungen Grashalme verspeisen. Es lässt sich aushalten als Gans, am schattigen Ufer des Ammersees in Herrsching.

Diesem Gänse-Idyll wollen die Herrschinger gern ein Ende bereiten – und zwar mit Waffengewalt. Denn die Tiere hinterlassen ein Riesenproblem: Was die Gänse an Grünzeug fressen, kommt irgendwann wieder heraus – am Ufer, im Wasser und auf dem Sportplatz.

„Es gibt quasi keinen sauberen Quadratmeter mehr“

„Es ist ein Scheißthema“, sagt Christian Schiller, Bürgermeister von Herrsching. Täglich gehen in seinem Rathaus Beschwerden von Badegästen und Spaziergängern ein, die der Kot stört. „Ich bin schon Gänseexperte“, sagt er genervt. Seit Jahren wächst die Gänsepopulation am Ammersee, und auch die Ufer des Starnberger Sees, der Osterseen und vieler kleiner Badeseen in der Gegend sind mit den unappetitlichen Hinterlassenschaften der Vögel übersät. Nicht nur für Herrsching, den herausgeputzten Touristenort, ein Unding. „Es gibt quasi keinen sauberen Quadratmeter mehr“, schimpft Bürgermeister Schiller. Im Landratsamt hat man deshalb die Schonzeit in Herrsching für die Tiere um 14 Tage verkürzt. Das heißt: Seit Freitag, 15. Juli, dürfen die Jäger auf die Tiere schießen, immer im Morgengrauen, bevor die ersten Jogger ihre Runden drehen und Badegäste am Ufer liegen.

Wolfgang Herre geht in Herrsching fast jeden Morgen zum Baden – wegen der Gänse hat er Ausschlag.

Wolfgang Herre, 63, ein braungebrannter Rentner mit silbernen Haaren, zum Beispiel. Er schwimmt hier in Herrsching fast jeden Morgen. Er steht jetzt am Seeufer direkt neben einem Gänseschwarm und sagt: „So schlimm wie dieses Jahr war es noch nie.“ Die Tiere beachten den Mann mit dem knallroten Polo-Shirt kaum, sie watscheln nur höflich einige Schritte zur Seite. „Da kannst du dich dazwischen legen, die stört das nicht“, sagt Herre. Er hofft, dass der Schießbefehl etwas bringt.

Saugwürmer aus dem Gänsekot: Nicht gefährlich, aber eklig

Denn: Der Kampf um den Badeplatz ist das eine. Doch Wolfgang Herre stört etwas ganz anderes: Sein Bauch ist mit juckenden, roten Pusteln übersät. Schuld daran sind sind Zerkarien, Wurmlarven, die über den Gänsekot ins Wasser gelangen. Die kleinen Saugwürmer sind zwar Experten zufolge nicht gesundheitsgefährend, eklig sind sie trotzdem.

Anderen ist das offensichtlich egal: Fünfzig Meter von Wolfgang Herre entfernt leert eine Frau eine Tüte mit Brotresten am Ufer aus und die Gänse fallen darüber her. Eigentlich ist das verboten, darauf weisen Schilder am Ufer hin. Wolfgang Herre grantelt: „Da braucht man sich nicht zu wundern.“

Wird jetzt, wenn wieder auf die Tiere geschossen werden darf, alles gut? So manchen Herrschinger Bürger hat jedenfalls der Blutdurst gepackt: „Mindestens die Hälfte gehört weggeschossen“, fordert ein Spaziergänger, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, „das ist eine Plage.“ Bürgermeister Schiller aber bezweifelt, dass das so einfach geht: „Die Gänse sind schlau. Die sehen, wenn einer mit Gewehr aus dem Auto steigt, und hauen ab.“ Bestenfalls vergraule man die Tiere für einige Zeit. Schiller glaubt, dass mit der Flinte nur durch Kompromisslosigkeit etwas auszurichten wäre: „Man müsste die Schonzeit komplett aufheben und alle Gänse zum Abschuss freigeben.“ Das ganze Jahr über.

Früher lebten die Gänse gefährlicher: Bis 2008 durften die Jäger sie auch vom Boot aus ins Visier nehmen, die Fischer hatten die Jagdpacht. Dann schränkte die Staatsregierung das Jagdrecht ein. Viele glauben, dass die Gänsepopulation deshalb außer Kontrolle geraten ist. Jetzt sind die Tiere aber nun mal da und verursachen Ratlosigkeit. „Wir sind am Verzweifeln“, sagt Bürgermeister Schiller; ihm seien die Hände gebunden. Der Stadt bleibt derzeit nichts anderes übrig, als dem verdauungsfreudigen Federvieh hinterherzuräumen – am kiesigen Ufer fast unmöglich.

Der Sportplatz ist ein Spezialitätenbuffet

Wenigstens den Sportplatz an der Seepromenade lassen die Herrschinger mindestens einmal wöchentlich mähen, um den Gänsen so wenig Nahrung wie möglich zu bieten und den gröbsten Dreck zu beseitigen. Aber dadurch servieren sie den Gänsen unfreiwillig ein Spezialitätenbuffet. Das vermutet jedenfalls Horst Guckelsberger, der Vorstand der Kreisgruppe Starnberg des Landesbundes für Vogelschutz. „Gänse lieben junge, frische Gras-Triebe“, sagt er. „Das ist für die Tiere eine gmahde Wiesn.“ Der Vogelschützer hält die zunehmende Gänsepopulation für ein menschengemachtes Problem. „Wo sollen sie denn hin?“, sagt er. „Es gibt keine seenahen Grünflächen, wo man sie duldet.“ Gleichzeitig finden die Gänse auf den gedüngten Wiesen und Feldern reichlich Nahrung.

Doch auch bei den Tierschützern bröckelt der Widerstand gegen die Jagd auf die Gänse. „Sie sind lästig“, das gibt sogar Guckelsberger zu. Den „Vergrämungsabschuss“, wie er jetzt wieder praktiziert werden soll, hält er deshalb für „tolerabel“. Die Graugänse, Nilgänse und Kanadagänse, die gemeinsam das Fünfseenland erobern, sind allesamt keine bedrohten Arten. Deshalb nimmt der Vogelschützer die Bejagung zähneknirschend in Kauf – vorausgesetzt, sie stört keine anderen Vogelarten. Lieber wäre es Guckelsberger allerdings, wenn die natürlichen Fressfeinde der Gänse – Uhus, Seeadler und Fischadler – eine Chance bekämen, sich am See niederzulassen. „Das bleibt wohl ein Traum“, sagt er wenig zuversichtlich. Den scheuen Raubvögeln fällt es viel schwerer, sich mit dem Menschen zu arrangieren als den geselligen Gänsen.

Der Fischer und Strandbadbesitzer Anton Ernst  bekämpft die Gänse auf seine eigene Art und Weise: Sein acht Monate alter Jagdhund Lido verscheucht die Plagegeister von der Liegewiese.

Auf der anderen Seite des Ammersees, in Schondorf, sitzt Anton Ernst, 61, ein Mann mit gemütlicher Statur, in seinem Strandbad. Ernst hat früher auf die Gänse geschossen, er ist Fischer und war bis 2008 einer der Jagdpächter für den Ammersee. Er deutet auf die Liegewiese seines Strandbads: keine Gans, weit und breit. Ernst ist überzeugt, das ideale Gegenmittel gefunden zu haben. Es heißt Lido und ist gerade einmal acht Monate alt. Der energiegeladene Jagdhund sorgt dafür, dass sich keine Gans auch nur in die Nähe traut. Ganz bleibt Anton Ernst der Dreck aber nicht erspart: „Ich kann mir die Kacke aussuchen, die ich aufsammeln muss, Hund oder Gans“, sagt er und grinst.

Als Fischer aber hält er die Gänse für ein ernstes Problem: „Im Schilf sind die wie eine Mähmaschine.“ Dort zerstörten die vielen Tiere die Laich- und Aufwuchsbiotope vieler Fischarten. Anton Ernst kritisiert das Verbot, Gänse vom Wasser aus zu schießen – das habe dazu geführt, dass den Tieren nicht mehr beizukommen sei. Deshalb hat er 2009 auch den Jagdpachtvertrag abgelehnt: „Man kann Schach nicht nur mit Bauern gewinnen.“ Will heißen: Die Jäger brauchen mehr Spielraum im Kampf gegen die Gänse. Und Hund Lido kann schließlich auch nicht überall zugleich sein.

In Amsterdam vergasen sie die Gänse - das will in Herrsching niemand

Eine schnelle Lösung zeichnet sich also nicht ab an den verschmutzen Ufern des Fünfseenlands. Sie haben es unblutig versucht, und Stolperdrähte gespannt oder elektrische Zäune aufgestellt. Keine Wirkung. Die Gänse kamen wieder. Das Problem gibt es übrigens nicht nur hierzulande: In Kanada, wo man weniger zimperlich ist, sind sie schon mit Drohnen und Stinkbomben auf die Gänse losgegangen. Am Amsterdamer Flughafen, wo die Gänse immer wieder in die Triebwerke der Flugzeuge geraten, werden sie sogar vergast – eine Eskalationsstufe, die in Herrsching niemand will.

Dort, am Seeufer macht Jutta Rahn aus Weilheim gerade ihre Mittagspause. Die Angestellte liebt es, dabei den Gänsen zuzuschauen. „Ich finde es schön, dass sie bei uns sind“, sagt sie. Gänse sind anmutige und kluge Tiere, das geben auch die Jäger, die pustelübersäten Badegäste und der Bürgermeister zu. Trotzdem: Seit Freitag wird wieder scharf geschossen.

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Buben-Shirt "Rodler"</center>

Buben-Shirt "Rodler"

Buben-Shirt "Rodler"
<center>Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l</center>

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l
<center>Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l</center>

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Meistgelesene Artikel

Betrunkener bedroht S-Bahn-Fahrgäste mit Messer

Herrsching - In einer S 8 Richtung Herrsching herrschte am frühen Montagnachmittag Ausnahmezustand.
Betrunkener bedroht S-Bahn-Fahrgäste mit Messer

David Herrsching ärgert den Goliath

Herrsching - Volleyball-Bundesligist TSV Herrsching zwingt den VfB Friedrichshafen in den Tie-Break und holt gegen den Deutschen Rekordmeister erstmals einen Punkt.
David Herrsching ärgert den Goliath

Zwei Bruderduelle in der Nikolaushalle

Herrsching - Zum letzten Heimspiel des Jahres erwartet die Fans des Volleyball-Bundesligisten TSV Herrsching noch einmal ein absoluter Kracher: Es kommt der VfB …
Zwei Bruderduelle in der Nikolaushalle

Staatsanwalt stellt Ermittlungen ein

Breitbrunn – Johannes von Perger atmet hörbar auf. „Jetzt ist es vom Tisch“, sagt der Inhaber des früheren Saftherstellers Perger im Herrschinger Ortsteil Breitbrunn. Im …
Staatsanwalt stellt Ermittlungen ein

Kommentare