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Der Philosoph Richard David Precht im Herrschinger Haus der Bayerischen Landwirtschaft.

Philosoph Richard David Precht in Herrsching 

„Fleisch aus dem Labor ist die Zukunft“

Herrsching - Essen ist eine Sache des Genusses - und der Moral. Der Philosoph Richard David Precht erklärt in Herrsching, warum Veganismus trotzdem keine Lösung ist.

Gut drei Jahre ist es her, da aß eine Gruppe von Wissenschaftlern einen ungeheuerlichen Burger. Ungeheuerlich wegen des Preises, denn er kostete satte 250 000 Euro. Noch viel ungeheuerlicher war aber Folgendes: Das Fleisch, das da neben einem labbrigen Brötchen auf dem Teller lag, sah aus wie Fleisch und schmeckte wie welches – bloß hatte es nie gelebt. Forscher der Uni Maastricht hatten es gezüchtet, aus den Stammzellen eines Rinds.

Der Labor-Burger fiel damals unter die Rubrik Kuriosität. Das ist heute nicht anders. In einem lichthellen Vortragssaal in Herrsching (Kreis Starnberg) treffen sich gestern Nachmittag jede Menge fragende Blicke. „Aha“, grummelt ein älterer Herr mit Schnauzer seinem Sitznachbarn zu, „wir sollen jetzt unser Fleisch aus dem Reagenzglas essen.“ Nun ja, fast!

Es ist schon eine seltsame Truppe, die sich da im Haus der Bayerischen Landwirtschaft zusammengefunden hat. Unten im Saal Vertreter der Milchwirtschaft; ganz vorne sitzt die Milchkönigin, auf ihrem Kopf blitzt eine silberner Krone. Oben auf der Bühne ein Mann mit bemerkenswert akkuratem Scheitel, der sich gleich zu Beginn jede Kompetenz abspricht. „Philosophen sind für nichts kompetent“, sagt er, wobei genau hier ihre Qualität liege: nämlich die Fachkompetenzen anderer zu einem großen Bild zusammenzusetzen. Er sei also hier, um vor diesen Milch-Experten – Achtung: Sprachzumutung – ein paar „inkompetenzkompensatorische Gedanken“ loszuwerden.

Im Saal rauchen die ersten Köpfe.

Prechts These: In 20 Jahren wundert sich darüber niemand mehr

Der Philosoph und Publizist Richard David Precht, 51, dessen Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ ein Riesenerfolg war, ist davon überzeugt, dass Fleisch aus dem Labor die Zukunft der Ernährung ist. Seine These: In 20 Jahren wird sich niemand mehr darüber wundern. Das mag zunächst nicht besonders appetitlich klingen, ist aber theoretisch interessant. Denn so würden sich eine ganze Handvoll Probleme auf einmal erledigen.

Da wäre der steigende Bedarf weltweit. Der Hunger der Chinesen zum Beispiel, die sich gerade von einer vegetarischen zu einer Fleischesser-Gesellschaft entwickeln, lässt sich nur schwer durch konventionelle Fleischproduktion stillen. Schon jetzt, sagt Precht, würden bis zu 60 Prozent der weltweiten Getreideproduktion zur Fleischherstellung verwendet, die CO2-Bilanz sei eine Katastrophe. Wo soll das hinführen, wenn statt sieben zehn oder zwölf Milliarden Menschen die Erde bevölkern?

Fleisch aus dem Labor ist so gut wie sauber. Das Herstellungs-Verfahren ist zwar noch nicht wirklich ausgereift – es dauert zu lange und ist zu teuer. Aber das, glaubt Precht, wird sich schon bald ändern, sodass sich Fleisch in beliebigen Mengen züchten lässt. Nebenbei wäre ein moralisches Problem gelöst: Kaum ein Tier müsste noch sterben. Die 900 000 Veganer im Land könnten jubeln.

Manchen im Saal gruselt’s: Schweinsbraten aus dem Chemielabor – wer will denn das? Außerdem gehen die Leute zu Tausenden bei Genmais auf die Barrikaden, warum dann nicht auch bei Laborfleisch? Und wäre es nicht besser, einfach weniger Fleisch zu essen als vieles künstlich herzustellen?

Precht wäre nicht Precht, wenn er den Widerspruch nicht genießen würde. „Natürlich wird es Widerstand geben“, sagt er, während er die Bühne mit großen Schritten entlangstapft. „Aber der Mensch gewöhnt sich an alles.“ Außerdem lasse sich eine globale Entwicklung nicht aufhalten, es helfe nur, sie mitzugestalten. Das gelte auch für die Milchwirtschaft. „Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Das kommt! Die Massentierhaltung ist in den kommenden 20 Jahren ein Auslaufmodell.“

Das klingt dann doch ein wenig nach düsterer Prophezeiung. Und weil so mancher im Saal sich fragt, was das Ganze denn nun mit der Milch zu tun hat, hellt Precht den Zukunftshimmel etwas auf: Natürlich werde es dann weniger Kühe geben, aber das sei kein Grund zu verzweifeln. Die Milch werde dann halt wieder ein Stück teurer. Und Milch aus dem Labor – die sieht er nicht.

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