Erinnerungen an einen romantischen Platz

"Die Weide von Herrsching war ein Teil unseres Lebens"

Herrsching – Der Lieblingstreffpunkt so vieler Menschen – über Nacht weg. Auch wenn es manche bereits ahnten: Noch immer sind viele Bürger fassungslos, dass die alte Silberweide am Herrschinger Gemeindebadesteg nicht mehr da ist.

Viele Erinnerungen hängen an der mehr als 100 Jahre alten Weide. Ob als spannender Kletterbaum, als romantischer Ort für den ersten Kuss oder als Ziel eines entspannenden Spaziergangs – die alte Silberweide war weit mehr als einfach nur ein Baum am Ammersee. Wir haben Herrschinger nach ihren Erinnerungen gefragt – dabei kamen auch viele Ideen auf, was aus dem übrig gebliebenen fünf Meter hohen Baumstumpf gemacht werden könnte.

Der erste Kuss

„Die eine oder andere Bank“ könnte man anstelle der Baumstümpfe hinstellen, schlägt Christina Reich vor. Material würden die abgeschnittenen Äste liefern. Die Dritte Herrschinger Bürgermeisterin war in der Nacht der Fällung (oben) dabei. „Ich war total geknickt“, berichtet sie.

Christina Reich (42) weiß es noch ganz genau. Die Dritte Herrschinger Bürgermeisterin erzählt von einem ganz speziellen Abend. Der ist zwar schon einige Jahre her, aber sie wird ihn trotzdem nie vergessen. Reich erzählt: „Ich war 17 und unter dem Kletterbaum mit meinem ersten Freund verabredet. Wir saßen auf dem Ausleger und haben auf den See geschaut.“ Und dann, irgendwann in dieser romantischen Stimmung, hat Christina Reich ihren ersten Kuss bekommen.

Schon als Kind war die 42-Jährige oft an der alten Silberweide. „Es war unser Wunschbaum. Wir haben unsere Wünsche hineingeritzt.“ Oder unten, erinnert sie sich, „war da so eine Ritze“. Da hat sie mit ihren Freundinnen kleine Zettel rein gesteckt, auf die sie ihre Wünsche geschrieben hatte. „So verbinde ich meine Kindheit und Jugend mit diesem Baum“, erzählt sie.

Auch mit ihren Kindern war sie oft da, sogar noch vor kurzem. Und auch ihr 15-jähriger Sohn spielte gerne auf und neben dem Baum. „Es war der beliebteste Platz am See und ein Baum, der Schatten gespendet hat“, sagt Christina Reich und findet: „Jetzt fehlt etwas.“ Ihr bleiben Bilder als Erinnerung, denn: „Auch in Alben meiner Kinder sind viele Bilder mit der Weide.“

Ort der Entspannung

Die Stümpfe einfach stehen lassen – das möchte Angela Antis. „Es gibt eine Chance, dass sie wieder austreiben. Da könnte was Neues entstehen“, sagt die Herrschingerin. Oder ein ortsansässiger Schnitzer könnte die verbliebenen Stümpfe von „Großmutter Weide“ zu einem Kunstwerk machen.

„Mir sind die Tränen heruntergelaufen“, berichtet Angela Antis von dem Moment, als sie von der Baumfällung erfuhr. Für die Herrschinger Sozialpädagogin war die alte Silberweide „eine ganz tiefe Herzensangelegenheit“.

Der 33-Jährigen fehlt nun vor allem ein Ort, an dem sie sich entspannen kann. „Ich habe es geliebt, mein Badetuch auf dem Ast zu platzieren, der am Boden liegt. Dann habe ich einfach gelesen und nach oben in die Blätter geschaut.“

Der Baum hat Angela Antis schon ganz lange begleitet: „Die Weide war ein Teil meines Lebens“, erzählt sie. Als Baby habe sie mittags nur wenig und selten geschlafen, wie ihr ihre Mutter berichtet habe. „Aber wenn ich geschlafen habe, dann unter der Weide.“

Später, als Schulkind, „lag ich mit meinen Freundinnen drunter oder wir haben darauf gespielt – der Baum war einfach immer da“. Schon ihr Vater sei auf den Baum hinauf geklettert. Deshalb traf Angela Antis die Fällung „von Großmutter Weide“, wie sie den Baum nennt, besonders. „Ich konnte bislang noch gar nicht hingehen und es mir anschauen“, sagt die Herrschingerin traurig.

Die Abschlussfeier

Auch Tina Drexler hat ganz besondere Erinnerungen an den Baum. Auf der alten Silberweide hat die heute 34-Jährige nach ihren Prüfungen mit ihren Mitschülern angestoßen. „Wir haben nach unserer Abschlussprüfung an der Realschule da gesessen und uns einfach gefreut“, erzählt sie.

Schon als Kind fand sie es faszinierend, auf den Baum zu klettern. Denn damals habe der Ast nicht so weiter herabgehangen, erinnert sich Tina Drexler. Echte Kletterarbeit also. Toll sei es gewesen, „das als Kind geschafft zu haben. Das hat jeder schon gemacht“. Auch als Erwachsene hat die Herrschingerin die alte Silberweide gerne genutzt. „Sie war für alle ein Ort, an dem man sich aus ganz verschiedenen Gründen immer wieder getroffen hat“, sagt die 34-Jährige. Es habe schöne Anlässe gegeben, etwa ganz bestimmte Verabredungen. „Oder wenn man traurig war. Dann hat man einfach aufs Wasser geschaut.“

Viele Erinnerungen – da war es für die Konferenzmanagerin nicht leicht, von der Baumfällung zu erfahren. Vor Ort war sie nach der Fällung noch nicht, hat lediglich die Bilder auf der Internetseite des Starnberger Merkur gesehen. „Es war schade, diese Fotos zu sehen“, sagt sie. „Aber ich habe mich schon länger gefragt, wie lange dieser Baum noch steht.“ Noch wenige Stunden vor der Fällung am Samstag sei sie zum Baden da gewesen.

„Jeder Spaziergang ging an diesem Baum vorbei.“ Ohne die alte Silberweide sei es zwar trotzdem noch eine schöne Promenade. „Aber es ist eine Erinnerung, die wegfällt.“ Für Drexler hatte der Baum auch eine familiäre Bedeutung. „Er überdauerte ganze Generationen. Ich war dort, meine Eltern, meine Großeltern – das verbindet uns.“

Der Spaziergang

„Mich hat der Baum beim Spazierengehen immer fasziniert“, sagt Max Enzbrunner. Der ehemalige Herrschinger Polizeichef bewunderte „den ganz eigenartigen Wuchs“ der alten Silberweide. Auf seinen Spaziergängen kam der 75-Jährige zwangsläufig an dem Baum vorbei. „Er war sehr schön anzusehen“, sagt er.

Kindheitserinnerungen an die Weide hat Enzbrunner nicht – er ist erst 1965 nach Herrsching gekommen und nicht im Landkreis aufgewachsen. Dass der wohl schönste Punkt seiner Spaziergänge nun gefällt werden musste, hat ihn aber zumindest nicht überrascht. „Ich habe schon immer damit gerechnet, dass der Baum innen fast hohl ist“, sagt er. „Weidenholz ist relativ weich und nicht sehr stabil“, weiß der 75-Jährige. „Es ist halt der Zahn der Zeit, der an dem Baum genagt hat.“

Beschleunigt habe diese Entwicklung der Ort, an dem er stand: „Vor dem freien See. Da musste er den Stürmen immer trotzen.“ Doch Sturmschaden hin oder her: „Die alte Weide war wegen ihres skurrilen Wuchses immer imposant“, sagt Enzbrunner. Dieser Blickfang wird nicht nur ihm in Zukunft fehlen.

Doch warum musste die Weide weichen? Hier ist die Erklärung

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