"Wir dürfen faktisch nichts machen"

Jäger in Sorge: Hunde reißen 120 Rehe

Landkreis Starnberg –Immer mehr Rehe werden im Landkreis Starnberg von freilaufenden Hunden gerissen. Die Jäger schlagen Alarm und hoffen auf die Vernunft der Hundehalter.

„Es ist eine riesige Tierquälerei.“ Hartwig Görtler, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, verwendet deutliche Worte. Immer mehr Rehe würden von Hunden gerissen – innerhalb eines Jahres seien es im Landkreis Starnberg über 120 Tiere gewesen. Der 43-Jährige betont: „Wildbiologisch und für die Population ist das Fehlen dieser Tiere irrelevant.“ Die Jäger würden selbst um die 3000 Rehe schießen. Es gehe aber um den Tierschutz – schließlich stünden die Rehe unter hohem Stress, wenn sie gejagt werden. Rehkitze hätten zudem kaum eine Chance zu entkommen, ausgewachsenen Tieren gehe es gegenüber mehreren Hunden genauso. „Dass gleich mehrere Hunde ein Reh jagen, haben wir aber öfter – es sind auch immer dieselben Hundehalter.“

Jäger Görtler betont: "90 Prozent der Halter sind lupenrein"

Ein Beispiel aus Gauting: „Da gibt es einen hochaggressiven Halter, seine fünf Hunde sind ihm heilig.“ Jeden Nachmittag sei er mit ihnen unterwegs und sehe zu, wie sie jagen. Einmal sei der Leithund dabei gar auf ein privates Grundstück gesprungen. „Zwei Tage später haben wir unweit davon zufällig ein totes Reh gefunden.“ Diskussionen mit dem Hundehalter eskalierten. „Manche drohen einem auch Prügel an.“ Görtler stellt aber klar: „90 Prozent der Halter sind lupenrein.“ Und manche seien abgelenkt und telefonierten. „Wenn dann der Hund stiften geht, verstehen wir das. Wir haben selbst Hunde.“

Besonders betroffen: Andechs, Drössling, Gauting, Traubing und Perchting

Hartwig Görtler Vorsitzender der Starnberger Kreisjägerschaft. 

Aber: „Um ein Reh wirklich zu reißen und zu töten – dazu braucht es einen großen oder mehrere Hunde.“ Anhand der Bissspuren könne man sehr gut erkennen, ob ein Reh von einem Hund gerissen wurde. Besonders betroffen seien Andechs, Drössling, Gauting, Traubing und Perchting. „Dort, wo am Wochenende viel Freizeitverkehr ist.“ Findet ein Jäger ein gerissenes Reh, muss er es melden. Doch dann passiert erst mal nichts, kritisiert Görtler. „Selbst bei konkreten Hinweisen blieben Handlungen der zuständigen Behörden aus.“ Dabei müssten Ordnungsamt und Gemeinden reagieren.

Warum sie das nicht tun? „Es gibt nun mal Ordnungsaufgaben, die publikumswirksamer sind.“ Das Landratsamt hingegen reagiere durchaus, wie dessen Sprecher Stefan Diebl erklärt: „Es gehen aber nur selten konkrete Hinweise ein.“ Für eine Leinenpflicht seien die Kommunen zuständig. Görtler stellt fest: „Wir Jäger dürfen faktisch nichts machen.“ Das frustriere viele seiner Kollegen. „Und eine Anzeige gegen Unbekannt verläuft im Sand.“

Jäger setzen auf Kommunikation mit den Hundehaltern

Eine weitere Möglichkeit schließt der 43-Jährige aus: „Laut Jagdgesetz darf ein Jäger wilde Hunde töten. Aber das ist überhaupt kein Thema bei uns. Es gibt keinen Jäger, der das fordert.“ Man setze auf Kommunikation. „Es gibt Reiter, Mountainbiker und Hundehalter im Wald. Wenn jede Gruppe füreinander und für die Natur Respekt hat, tritt man sich weniger auf die Füße.“ Die Menschen müssten den Rhythmus der Natur mehr respektieren. Eine Stunde vor und nach der Dämmerung nämlich würde das Wild aktiv werden. 

Beim Gassi gehen würde es schon reichen, wenn die Hunde lediglich einen Meter links und rechts vom Weg gehen. Es gebe auch flexible Leinen, die bis zu 20 Meter Abstand zuließen. „Es geht aber nicht, wenn der Hund 400 Meter entfernt herumrennt.“ Klappt der Weg der Kommunikation nicht, erwäge der Jagdverband, per Anzeige Unterlassungen zu erzwingen.

Rubriklistenbild: © dpa

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