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Der Laden in Wangen ist Kommunikationszentrum und Rezepttauschbörse. Bei Christine Holzeder (l.) und Luise Jäger gibt es freilich auch alles für den täglichen Bedarf.

Dorfladen Wangen

99 Jahre alt und lebenswichtig

Wangen - Christine Holzeder führt Wangens einzigen Laden in dritter Generation.

„Nehmen Sie die eingelegten Gurken mit. Die sind einfach super.“ Annemarie Pentenrieder von der Solidargemeinschaft Starnberger Land ist Stammkundin im Dorfladen in Wangen und schwärmt davon, wie lecker der Sud ihrer empfohlenen Starnberger Land Gurken in Salatsoße schmeckt. Der Dorfladen ist also nicht nur Kommunikationszentrum, sondern auch noch ein Umschlagplatz für Rezepte. Und er war mehrmals schon Drehort für Fernsehproduktionen. Er sieht ja auch schön nostalgisch aus mit all dem Sammelsurium an Plakaten und Infoblättern an den Fensterläden.

Auf der Tür kleben ein paar bunte Schmetterlinge, auf der Straße stehen Kreidetafeln, die über das Tagesangebot informieren. Da darf das Dorf noch Dorf sein. Zwei Parkplätze vor dem hölzernen Gartenzaun mit Blick auf Obstwiesen und Bauernhöfe, daneben der Maibaum. Die meisten kommen zu Fuß oder per Rad, auch schon mal mit Rollator oder Rollstuhl – und vielen Kunden gibt der tägliche Einkauf im Dorfladen Struktur im Tagesablauf. Gerade kommt der Messerschleifer herein und bringt Werkzeug zurück. Auch das ist ein über Jahrzehnte eingespieltes Ritual, dass Messer und Scheren ohne Bestellung zum Schärfen abgeholt und wieder gebracht werden.

65 Jahre hinter der Ladentheke

Geführt wird der Kramerladen von Christine Holzeder. Sie ist die Tochter von Therese Dillinger, die 65 Jahre lang bis 1983 hinter der Theke stand, und sie ist die Urenkelin der Geschäftsgründer Joseph und Kreszentia Dillinger, die vor 100 Jahren, aus Mainburg kommend, das Hannesbauernanwesen kauften und dort ein Lebensmittelgeschäft einrichteten. Schon damals war das Gebäude einer der ältesten Höfe in Wangen, dessen Gründung bis ins Jahr 1225 zurückgeht. Der Familienbesitz ist also ein geschichtsträchtiger Ort. Er wurde 1634 von den Schweden verwüstet und heißt heute schlicht „Beim Dillinger“. Ob die jetzige Ladeninhaberin Christine Holzeder nächstes Jahr das 100. Jubiläum groß feiern wird, weiß sie noch nicht. Grund genug hätte sie, schließlich hat sie schon als Kind im Laden ausgeholfen, wohnt immer noch im alten Hof und kämpft erfolgreich tagtäglich um das Überleben des Geschäftes, das vor allem für die alten und gehandicapten Menschen im Ort lebensnotwendig ist.

Auf 20 Quadratmeter Fläche erhält man alles für den täglichen Bedarf. Zu ihren Kunden zählen auch Touristen oder solche, die mal schnell eine Brotzeit holen. Junge Einheimische finden eher selten zu ihr. Kaum verständlich, denn dort gibt es Wurst, die von der Metzgerei Bauch aus dem Dreimühlenviertel in München angeliefert wird, eine der angesagtesten Metzgereien überhaupt. Es gibt jeden Tag frisch gebackene Teigwaren aus der Schäftlarner Bäckerei, wöchentlich frisches Obst und Gemüse, vorwiegend aus der Region, wenn es die Saison erlaubt. Die Jungen, sagt die Geschäftsinhaberin, verlangen ein breites Sortiment und seitdem die Öffnungszeiten für Supermärkte bis in den Abend verlängert wurden, bleibt Kundschaft immer häufiger aus. Christine Holzeder tut sich schwer. Müsste sie Miete bezahlen, hätte sie schon längst aufgegeben, der Umsatz wirft zu wenig ab.

Samstagmorgen kommt das halbe Dorf

Nur Samstagmorgens brummt der Laden so richtig. Dann trifft sich das halbe Dorf vor der Theke und tauscht Neuigkeiten aus. Allein deswegen wäre für Annemarie Pentenrieder die Schließung eine Katastrophe für das Dorfleben, auch, weil zahlreiche Starnberger-Land-Produkte angeboten werden. Sie versteht die Welt nicht mehr. „Da sitzen die Leute im Dorf, denken über Dorferneuerung und Belebung des Ortes nach, reden davon, wie schön der Dorfladen ist, aber keiner von ihnen kauft dort ein. Wo kommt man schon mit den Aborigines von Wangen in Kontakt?“

Der Dorfladen in Wangen hat von Montag bis Freitag 8 bis 12 Uhr und 15.30 bis 18 Uhr und Samstag von 7.30 Uhr bis 12 Uhr geöffnet; mittwochs Ruhetag. In den Pfingstferien wegen Urlaub geschlossen.

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