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Von der Ostsee nach Bayern und über Umwege in den Flüchtlingscontainer: Helga Witt (76) wohnt derzeit mit Asylbewerbern an der Petersbrunner Straße in Starnberg.

Flüchtlingscontainer

Obdachlose Rollstuhlfahrerin im Asyl

Starnberg – Einheimische helfen Flüchtlingen. Es geht aber auch andersherum. In Starnberg kocht und wäscht eine Asylbewerberin im Container für eine gestrandete alte Dame von der Ostsee. Behörden, Hilfsdienste und Justiz sprechen von einem „atypischen Fall“.

Stephan Hinze vom Fachbereich Öffentliche Sicherheit und Ordnung im Landratsamt hat so einen Fall noch nie erlebt. Dieter Fritschi vom Helferkreis Asyl in Starnberg findet die Story „dramatisch-grotesk“ und beklagt, dass die Behörden die Flüchtlinge in diesem speziellen Fall im Stich lassen. Dabei geht es eigentlich „nur“ um eine feine ältere Dame von der Ostsee, die sich in Söcking für das Seniorenwohnen im Kurpark interessierte.

Rollstuhlfahrerin hätte im Obdachlosenheim unterkommen sollen

In diesem Container wohnen Rentnerin Helga Witt, eine Asylbewerberin aus dem Kongo und deren Sohn.

Als Helga Witt allerdings nicht fündig wird, beginnt die Odyssee der obdachlosen 76-jährigen Rollstuhlfahrerin erst so richtig, für die per Gerichtsbeschluss die Münchner Rechtsanwältin Annette Scharlach als Betreuerin bestellt ist. Helga Witt mietet sich in einem Hotel in Wieling ein, kann aber nicht bezahlen. „Die haben mir zugesichert, dass ich auf Rechnung bleiben könnte“, sagt die Rentnerin. Doch „urplötzlich“ tauchen zwei Polizisten auf und nehmen sie mit. Aber wohin?

Da es schon Freitagabend ist, geht bei den zuständigen Behörden niemand mehr ans Telefon. So fährt der Streifenwagen Richtung Obdachlosenheim an der Petersbrunner Straße in Starnberg, für das die Stadt zuständig ist. Das Problem: „Die Frau ist Rollstuhlfahrerin und hätte im Erdgeschoss untergebracht werden müssen“, erklärt Stephan Hinze. Genau dort ist aber kein Platz mehr frei. Direkt angrenzend befinden sich die Asylcontainer, für die wiederum der Landkreis die Verantwortung hat. 

Kongolesin macht Essen für Witt: "Sie kocht so gut"

In Container 09 wohnt eine laut Fritschi „schwer traumatisierte“ Kongolesin (29) mit ihrem behinderten Sohn (3), aber ein Zimmerchen ist noch frei. Also landet Helga Witt dort und bildet seitdem eine äußerst ungewöhnliche deutsch-kongolesische Wohngemeinschaft, die allerdings auch so ihre Problemchen mit sich bringt. Fritschi: „Sie können sich vorstellen, welcher Belastung Frau N. (Name von der Redaktion abgekürzt) ausgesetzt ist. Es ist niemand da, der sich um Frau Witt kümmert, außer Frau N.“ Zudem ist Rollstuhlfahrerin Witt im Container gefangen, weil der Zugang nicht barrierefrei ist. Fritschi: „Das scheint im Landratsamt aber niemanden zu interessieren.“

Ortstermin in Container 09: Helga Witt ist begeistert. „Sie kocht so gut.“ Und überhaupt seien die Ausländer viel hilfsbereiter als Deutsche. „München war einmal die Weltstadt mit Herz. Das ist längst vorbei“, schimpft Helga Witt. Ihre Betreuerin, Anwältin Annette Scharlach, organisiert beim BRK Essen auf Rädern sowie einen medizischen Dienst für die Seniorin, die mit ihrem Rollstuhl im Asylcontainer nicht in die Dusche kommt. Gestern kamen die ersten Speisen. Zum Nachtisch gab’s Apfelstrudel.

Witt hofft auf Hilfe: Bleibe im Landkreis gesucht

„Das ist natürlich kein Dauerzustand, aber ich kann Frau Witt nicht zwingen, irgendwo anders hinzugehen“, sagt Annette Scharlach, der sehr wohl bewusst ist, dass die Flüchtlingsunterkunft nicht der richtige Ort für Helga Witt ist. Diese und nächste Woche soll sie allerdings noch dort bleiben, und sie scheint beliebt zu sein in der Anlage. „Hier, das ist frisches Obst, das haben die Flüchtlinge für sie besorgt“, sagt Asylhelfer Fritschi (64). Sie wolle genau wissen, wer das gekauft hat, denn sie wolle sich persönlich bei jedem Einzelnen bedanken.

Wie es jetzt weitergeht? „Ich habe Pläne. Sobald meine Rente da ist, möchte ich wieder zurück an die Ostsee“, erzählt die Rentnerin mit leuchtenden Augen. Es sei denn, es findet sich in Starnberg und Umgebung doch noch eine Bleibe, die den Anforderungen von Helga Witt genügt. „Zwei bis drei Zimmer sollten es schon sein.“ Dazu behindertengerecht. Wer helfen will, könne sich gerne melden. Eine betreute Wohnform sei ihr laut Caritas angeboten worden, „aber das möchte ich nicht“.

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