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Eine Seele von Mensch: Wolfgang Eberhard in seinem Krankenzimmer in der Schindlbeck-Klinik. Foto: von Rohland

Tragisches Schicksal

„Wolfis“ innigster Wunsch

Erling - Drei Tage lag Wolfgang Eberhard (68) nach einem Schlaganfall unbemerkt in seiner Wohnung. Jetzt kämpft er um seine Gesundheit – und hofft, dass sich sein letzter großer Wunsch noch erfüllt.

Für die Kinder in Andechs ist er einfach nur der „Wolfi, der aufpasst, dass ihnen auf dem Schulweg nichts passiert: Morgens und mittags fährt Wolfgang Eberhard (68) mit den Mädchen und Buben im Schulbus mit, mittags bringt er sie zur Nachmittagsbetreuung, ist immer freundlich und hilfsbereit. Seit 16 Jahren macht Eberhard das schon, die Kinder der Carl-Orff-Grundschule und des Kindergartens St. Elisabeth haben ihn fest ins Herz geschlossen. Jetzt vermissen sie ihn schmerzlich: „Er wird wahrscheinlich nicht wiederkommen“, sagt ein Mädchen traurig.

Wolfgang Eberhard sitzt am Tisch in seinem Krankenzimmer der Schindlbeck-Klinik in Herrsching. Das Reden fällt ihm schwer, doch sein Blick ist wach. Er kann essen, das Glas mit der Apfelschorle fassen und ruhig zum Mund führen. Angesichts dessen, was der 68-Jährige durchgemacht hat, grenzt das alles an fast an ein Wunder. Denn Wolfgang Eberhard hat Fürchterliches erlebt.

Am Freitag vor zwei Wochen erlitt er einen Schlaganfall, als er allein in seinem Zimmer in Erling war. Niemand von den Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft bekam etwas davon mit. Drei Tage lag Eberhard benommen in seiner Wohnung. Sein Körper ist von Wunden übersät, teilweise fehlen ganze Hautfetzen.

Was genau in den Stunden und Tagen nach dem Schlaganfall passiert ist und wie er es so lange ohne Nahrung aushalten konnte, ist Eberhards Geheimnis, nach dem er selbst noch forscht: „Was ich durchgestanden habe, kann ich nicht beschreiben. Ich habe nur Bruchstücke mitbekommen.“

Als Wolfgang Eberhard am Montag, also rund 72 Stunden später, ein Hilfspaket der Nachbarschaftshilfe nicht in Empfang nimmt und auch nicht an der Schule auftaucht, schlagen die Eltern der Schulkinder bei der Gemeinde Andechs Alarm. Am Abend wird der 68-Jährige endlich in seinem Zimmer gefunden.

Immer freundlich und hilfsbereit

Mit Unterstützung der Erlinger Feuerwehr, die laut Kommandant Josef Pfänder „zur Tragehilfe“ alarmiert wurde, bringen die Sanitäter den Mann aus dem ersten Stock durchs Treppenhaus ins Freie. Mit dem Krankenwagen geht es auf direktem Weg in die Schindlbeck-Klinik.

Aysun Brey setzt sich ein für den Menschen, den in Erling jeder schon mal gesehen hat: wenn er an der Bushaltestelle steht und auf die Kinder wartet oder wenn er mit Einkaufstüten bepackt zum Haus Erling wandert. Dort unterstützt er Senioren, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, Geld nimmt er dafür keines.

Trotz seiner Hilfsbereitschaft hat Eberhard nur wenige enge Freunde im Ort. Aysun Brey ist eine davon. Jetzt sitzt sie jeden Tag an seinem Krankenbett und kümmert sich um den 68-Jährigen. „Er hat ein super Herz und ist ein reiner Mensch“, sagt die 37-Jährige. Sie lebt seit acht Jahren in Erling und engagiert sich auch für andere sozial Schwache, bis vor einem Jahr zum Beispiel im Helferkreis für die Asylbewerber. Brey kennt alle Stärken und auch die Schwächen Eberhards, die ihn ins Existenzminimum manövriert haben.

Keine Krankenversicherung

Der Erlinger, der auch einige Jahre in der Gemeinde Berg lebte, bekommt nur eine kleine Rente. Mit der Schulbegleitung verdient er sich etwas dazu, den Minijob bekam er seinerzeit von der Gemeinde. Geschäftsleiter Maximilian Pänzinger beschreibt den 68-Jährigen als ruhigen Menschen. Das Geld reicht hinten und vorne nicht: „Es war ihm oftmals über Monate unmöglich, seine Miete zu bezahlen“, weiß Mathias Beck vom Betreuungsverein Weßling, der sich jetzt offiziell um den Patienten kümmert.

Fatal ist laut Beck, dass es Eberhard auch nicht möglich war, seine Beiträge für die Krankenversicherung zu bezahlen. Aufgrund „umfänglicher Beitragsschulden“ bleibe ihm bislang „eine adäquate medizinische Versorgung“ versagt, sagt Beck. Und so fehlt dem Schlaganfallpatienten derzeit das, was er am dringendsten benötigt: „Keine der infrage kommenden Rehakliniken ist bereit, Herrn Eberhard in eine Frühreha aufzunehmen“, sagt der Betreuer. Schon in der Vergangenheit habe Eberhard in dem Dilemma gesteckt, ärztliche Behandlungen und Medikamente aus seiner „Privatschatulle“ zahlen zu müssen, „weil die Leistungspflicht der Krankenkasse ruhte“.

Aysun Brey spendet ihrem Freund im Krankenhaus Trost: „Du hast Glück im Unglück, sieh’ das als Chance für einen Neuanfang“, redet sie ihm gut zu. Der 68-Jährige kämpft mit den Tränen und sagt: „Wenn ich noch sieben oder acht Jahre leben könnte, wäre es schön.“ Betreuer Beck hofft auf einen Schuldenerlass der Krankenkasse. Dann könnte es mit der Reha doch noch bald klappen.

Noch einmal seine Tochter wiedersehen

Neben der Hoffnung darauf, wieder gesund zu werden, hegt der 68-Jährige noch einen zweiten innigen Wunsch. Er würde gerne seine Tochter noch einmal treffen, die er zuletzt gesehen hat, als sie vier Jahre alt war – das war 1983.

„Sie hatte gerade damit angefangen, Rad zu fahren“, erinnert sich Eberhard und schluchzt. Die Tochter ist bei ihrer Mutter aufgewachsen, über die Jahre hat der Vater nur mit ihr telefoniert, sie wollte ihn nicht sehen. Eberhard hofft, dass sich das ändert, und auch dabei versucht Brey, ihrem Freund zu helfen. Ihr Aufruf bei Facebook an Familie und Freunde des 68-Jährigen in der Region Hildesheim (Niedersachsen), sich zu melden, wurde schon beinahe 1400-mal geteilt.

Wolfgang Eberhard kann sich derweil auf reichlich Besuch im Krankenhaus gefasst machen. Die Andechser Kinder zum Beispiel wollen ihrem „Wolfi“ in den nächsten Tage eine Karte mit all ihren Unterschriften und Genesungswünschen bringen, ist im Ort zu hören. Und vielleicht steht er ja doch eines Tages auch wieder an der Bushaltestelle und wartet auf sie.

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